WÜRZBURG

Autofreier Samstag: Feiern, wo sonst Autos rollen

An Zelten gab es verkehrspolitische Informationen.
An Zelten gab es verkehrspolitische Informationen. Foto: Johannes Kiefer

Kinder haben mit Kreide Hüpffelder auf die Fahrbahn aufgezeichnet, einige Menschen tanzen, andere haben es sich auf Sofas bequem gemacht. Am Oberen Mainkai, wo ansonsten der Verkehrslärm nur dann für einen Moment verstummt, wenn die Ampel an der Kreuzung mit der Neubaustraße Rot zeigt, herrschte von mittags bis in den Abend hinein entspannte Ruhe. Spaziergänger und Erholungssuchende waren unterwegs und nahmen am ersten autofreien Tag in Würzburg komplett gesperrte Straße für sich in Besitz.

Naomi durfte ausnahmsweise auf der Straße liegen.
Naomi durfte ausnahmsweise auf der Straße liegen. Foto: Johannes Kiefer

Idee entstand schon vor einigen Jahren

„Es lassen sich hier doch so viel mehr interessante Dinge tun, als nur mit dem Auto auf und ab zu fahren“, findet Chaminda Perera, der die Idee dazu hatte.

Als Fahrradkurier ist der schlanke junge Mann tagtäglich auf den Würzburger Straßen unterwegs und weiß genau um die Schwierigkeiten, im dichten Stadtverkehr mit dem Zweirad sicher voranzukommen und dabei ungeschützt Feinstaub und Stickstoffdioxid ausgesetzt zu sein. Erstmals hatte er einen autofreien Tag bei einem Treffen zur Verkehrswende vor einigen Jahren im Würzburger Rathaus vorgeschlagen. Es brauchte jedoch noch etwas Zeit, um im eigenen Freundeskreis und bei Bekannten dafür zu werben. Schließlich fasste sich eine Gruppe von knapp einem Dutzend Menschen ein Herz und begann, gezielt Mitstreiter und Verbündete zu suchen.

Erstes Zeichen ist gesetzt

Auch wenn es an diesem Samstag zu Füßen der Alten Mainbrücke deutlich ruhiger zugeht als zur gleichen Zeit in der Fußgängerzone, ist seine Mitstreiterin Grace Leidnecker hochzufrieden mit dem Ergebnis: „Es ging uns darum, ein erstes Zeichen zu setzen“, erzählt die Studentin der Politikwissenschaft: „Saubere Luft ist Lebensqualität und geht uns darum doch alle an.“ Es gehe nicht darum, den Menschen etwas zu verbieten. Vielmehr soll das Straßenfest einen möglichst breit gefassten Dialog einleiten. Bei der Stadt seien sie auf Offenheit gestoßen, als sie das Straßenfest am Mainkai anmeldeten.

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Autofreier Tag

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Unweit einer Gaststätte, deren Kunden sonst unter dem Verkehrslärm zu leiden haben, sitzen fünf Kämpfer für die Verkehrswende entspannt auf Stühlen, verteilen Flugblätter und diskutieren mit Passanten. Mitten auf der Fahrbahn. Wo denn auch sonst? Links von ihnen befindet sich der von der Stadt angelegte Blühstreifen mit Wiesenblumen, rechts endet die breite Fahrbahn jedoch abrupt am Gehweg und der wiederum am Main. Ein Radweg ist hier nicht vorgesehen. Warum, das ist den Frauen und Männern vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) völlig unverständlich: „Der Mainkai ist zwar schön anzusehen, aber eine Straße im Stil der autogerechten Stadt der 1970er Jahre“, kritisiert Christian Loos. Seiner Ansicht ginge es auch ohne diese Straße, die keine erschließende Funktion habe. Für die Anfahrt zum Wöhrl-Parkhaus reiche doch auch eine Spielstraße aus.

Konsequenter Radwegebau gefordert

Wenige Schritte weiter sind Tüftler des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) dabei, Räder von Passanten zu reparieren: „Es ist richtig, den Verkehr einmal stillzulegen und ordentlich durchzuatmen“, findet Wolfgang Herbert, der selber mit seinem Hund Naomi im Fahrradanhänger an den Mainkai geradelt ist. Er beobachtet zwar auch in Würzburg, das sich immerhin einen eigenen Fahrradbeauftragten leiste, seit einigen Jahren ein Umdenken. Doch noch immer tue sich zu wenig. Radschnellwege wie in Holland, Pendlerparkplätze und vor allem der konsequente Bau von Radwegen seien nötig, um die Verkehrswende voranzubringen: Zuletzt sei mit der Werner-von-Siemens-Straße wieder eine Straße saniert worden, ohne einen Radweg auszuweisen. „Die Leute trauen sich dort nicht mit dem Rad auf die Straße“, hat er beobachtet.

Der gesperrte Oberen Mainkai gehörte am Samstag beim autofreien Tag den Fußgängern.
Der gesperrte Oberen Mainkai gehörte am Samstag beim autofreien Tag den Fußgängern. Foto: Johannes Kiefer

Unterstützung kommt aus München, von wo Ludwig Kuchinke von dem Verein Green City angereist ist. In Bayerns Hauptstadt gibt es bereits seit längerem ein Street-Live-Festival. Der 25-Jährige verdeutlichte eindrucksvoll, was es bedeutet, wenn 15 Prozent der Stadtfläche allein auf Verkehrsfläche entfallen. Wertvolle Fläche, die für Parks und Wohnungen fehlt. Er tritt ein für eine Stadt der kurzen Weg, mit gemischter Nutzung und einem engmaschigen und günstigen öffentlichen Nahverkehr. Vor allem brauche es jedoch Mut in einer Stadt wie Würzburg, in der über 80 000 Fahrzeuge angemeldet sind: „Die Politik braucht den Mut, den nötigen Platz dem Individualverkehr wegzunehmen.“

Auf einer Ideenwand forderten Bürger erste Maßnahmen: E-Fahrräder zum Mieten, Tempo 30 und eine Einbahnregelung für die Neubaustraße, die Öffnung der Münzstraße für Radler in beiden Richtungen oder gar ein Volksbegehren „Autofreie Innenstadt“.

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