Gaukönigshofen

Axt-Attentat: Die Frage nach dem Warum bleibt

Axt-Attentat: Der Täter war in Gaukönigshofen in einer Pflegefamilie untergebracht. Über fünf Monate nach dem Anschlag ist

in dem Dorf fast wieder alles wie zuvor – aber eben nur fast. Eine Geschichte über die schwierige Rückkehr in die Normalität.

Es ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um bei Schulleiter Michael Hümmer anzurufen und ihn zu fragen, wie seine Schüler das Axt-Attentat von Würzburg verarbeitet haben. Gut fünf Monate ist das jetzt her. Doch ganz frisch noch ist die Trauer um die Toten von Berlin, die einem Terrorakt zum Opfer fielen – der nun an der Mittelschule Gaukönigshofen Erinnerungen an die schreckliche Tat vom 18. Juli wachruft.

„Ich war froh, dass wir etwas Abstand von den Ereignissen im Sommer gewonnen hatten“, sagt Michael Hümmer, der an seiner Schule zwei Übergangsklassen mit insgesamt 25 ausländischen Schülern hat. Eine von ihnen hatte der 17-jährige afghanische Flüchtling besucht, der die Tat beging. In Gaukönigshofen hatte er für kurze Zeit auch gelebt, bei einer Pflegefamilie. Deshalb war seine Tat so vielen Menschen in dem kleinen Ort sehr nahe gekommen.

Als im Herbst das neue Schuljahr begann, habe zum Glück schon wieder Normalität geherrscht, sagt Michael Hümmer. Da hatte die Schule die Tat bereits aufgearbeitet. Für Schüler, die besonders belastet sind, werden aber nach wie vor Gesprächsangebote bereit gehalten. Denn solche Schüler gibt es durchaus. Es sind vor allem diejenigen, die den 17-jährigen Attentäter näher gekannt hatten.

Punktuell werde die Schule noch immer mit dem Vorgefallenen konfrontiert, sagt der Schulleiter. Zuletzt, als ein ehemaliger Schüler, der mit dem Täter gut befreundet gewesen war, zur Weihnachtsfeier nach Gaukönigshofen kommen wollte. Nach dem Attentat war der Junge, ebenfalls ein Geflüchteter, an einem anderen Ort untergebracht worden. Verbundenheit mit seiner alten Schule empfindet er aber wohl noch immer und fragte, ob er zur Feier kommen dürfe. Eine Situation, in der der Schulleiter abwägen musste, welche Entscheidung für seine Schüler die beste wäre.

„Wir haben ihm von einem Besuch abgeraten“, erklärt Hümmer. Obwohl der junge Mann frei von jedem Verdacht sei, habe er ihn gebeten, lieber zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal in die Schule zu kommen. „Für einige Schüler hätte das die Situation wieder heraufbeschwören können.“ Bei Hümmer selbst ist das Geschehen in Heidingsfeld sofort wieder präsent, wenn Zeitungsartikel oder Sendungen sich mit Extremismus befassen oder, wie jetzt, das Axt-Attentat Thema zahlreicher Jahresrückblicke ist.

Spurlos ist das Verbrechen nicht an dem Schulleiter vorüber gegangen. „Man verändert sich schon, was das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung angeht“, sagt er. Macht sich mehr Gedanken über das, was in den Köpfen der jungen Geflüchteten vorgeht. Über das, was sie erlebt haben und auch über die Zukunft, der sie entgegengehen. „Wir überlegen uns an der Schule, was davon wir auffangen können. Aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt.“

Die Möglichkeiten, die er hat, nimmt Michael Hümmer wahr. So hatte etwa die Schulberatungsstelle Unterfranken ihre Hilfe angeboten. Unter der Leitung eines Experten setzen sich die Gaukönigshöfer Schüler mit Extremismus auseinander. Zum Beispiel werde das Thema „Islamischer Staat“ in den Übergangsklassen behandelt, sagt Hümmer. Gleichrangiges Ziel sei es aber auch, Rattenfängern aus dem anderen Lager die Stirn zu bieten.

Was in Gaukönigshofen ausgeblieben ist: dass die ausländischen Schüler schief angeschaut werden. „Im Gegenteil“, betont Hümmer. Auch der Gaukönigshöfer Bürgermeister Bernhard Rhein hat das an der Schule beobachtet. „Sie stehen im Pausenhof mit den anderen zusammen.“ Über das Axt-Attentat, erklärt der Bürgermeister, werde im Ort mittlerweile nicht mehr gesprochen. Aber in so manchem Gemüt sei etwas hängen geblieben.

„Enttäuschung“, beschreibt Rhein dieses Gefühl. „Enttäuschung über den unauffälligen jungen Mann, der zu so etwas fähig war, obwohl in Gaukönigshofen alles für ihn getan worden ist. Das habe ich in etlichen Gesprächen herausgehört.“ Warum haben ihre Bemühungen den 17-jährigen Afghanen nicht auf den richtigen Weg geführt, das fragen sich einige Gaukönigshöfer schon. Er hätte doch nur auf der Schule bleiben müssen und hätte in diesem Jahr seinen Abschluss machen können. Dann hätte es sicher auch mit einem Job geklappt, glaubt Rhein. „Er sprach ja relativ gut deutsch.“

Der Enttäuschung zum Trotz sind die Bürger der kleinen Gemeinde besonnen geblieben, haben nicht verallgemeinert oder pauschal verdächtigt. Auf die Hilfsbereitschaft derer, die sich in der Notunterkunft um Geflüchtete kümmern, sie bei Wohnungs- und Arbeitssuche unterstützen, hatten die Ereignisse keine negativen Auswirkungen. „Die Menschen hier helfen nach wie vor, still und unauffällig“, sagt der Bürgermeister.

Wochen nach der Bluttat von Heidingsfeld war es dann noch um eine ganz andere Frage gegangen: die des Grabplatzes für den 17-Jährigen. Das Thema hatte dem Ochsenfurter Bürgermeister Peter Juks nicht wenig Bauchschmerzen bereitet. In der Stadt hatte der Attentäter eine Zeit lang gemeinsam mit anderen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Kolpinghaus gelebt, bevor er zu der Pflegefamilie nach Gaukönigshofen kam. Bestattet wurde er schließlich anonym in einer bayerischen Stadt, die die Behörden geheim halten.

„Man bekommt das in der Öffentlichkeit nicht mit, aber das war hier ein sehr intensives Thema“, sagt Juks. Die Aussicht, das Grab des Attentäters in Ochsenfurt zu haben, hat dem Bürgermeister vor allem aus einem Grund Sorgen bereitet: „Wir wollten keine Anlaufstelle für dieses Klientel sein“, sagt er und meint mögliche Sympathisanten. Das wäre schon eine Belastung für die Stadt gewesen, in der das Verbrechen gar nicht verübt worden war.

„Da er aber hier gelebt hat, ist Ochsenfurt nun mal ein Begriff geworden“, sagt Juks. „Das ist leider so.“ Muss aber, wenn es nach dem Bürgermeister geht, nicht so bleiben. Das Attentat sei ein Ereignis in der langen Stadtgeschichte gewesen, das negativ war. Deshalb findet Juks, dass nun ein Schlussstrich gezogen werden sollte. Die Stadt muss sich aber nicht vorwerfen lassen, das Thema je umgangen zu haben.

Unmittelbar nach der Tat seien Stadtverwaltung und Helferkreis immer offen mit den Geschehnissen umgegangen, betont Juks. Misstrauen gegenüber Geflüchteten sei zu keinem Zeitpunkt spürbar gewesen und auch jetzt nicht spürbar. Zumindest indirekt hat sich das Attentat aber doch ausgewirkt: „Es ist das Bewusstsein geblieben, dass Integration schwierig, aber eine wichtige Aufgabe ist“, sagt Verwaltungsleiter Wolfgang Duscher.

Deshalb bezeichnet er das Attentat als eines der vielen Mosaiksteinchen, die die Stadt zu dem Entschluss gebracht hätten, sich noch stärker um Integration zu bemühen. „Die Kommune muss was machen. Das heißt aber nicht nur reden, sondern dabei geht es eben auch um Geld“, sagt Peter Juks. Die Stadt unterstützt deshalb einen aus dem Asyl-Helferkreis entstandenen Verein mit 45 000 Euro im Jahr zur Finanzierung einer Vollzeitstelle. In seinen Bemühungen um Integration solle sich von einem Ereignis wie dem Heidingsfelder Axt-Attentat jedenfalls niemand abschrecken lassen, sagt der Bürgermeister. „Es geht weiter.“

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