Würzburg

Axt-Attentat: „Es tat gut, helfen zu können“

Improvisierte Pressekonferenz: Internationale Medienvertreter warten am 20. Juli vor dem ZOM in Würzburg auf die chinesische Delegation. Der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, Prof. Dr. Georg Ertl, informiert über den Gesundheitszustand der Attentatsopfer. Foto: Patty Varasano

Wir haben uns in der Provinz immer relativ sicher gefühlt. Umso schmerzhafter war das, was passiert ist.“ Professor Dr. Georg Ertl, der Ärztliche Direktor des Uniklinikums, spricht vom Abend des 18. Juli, als ein afghanischer Flüchtling mit einer Axt auf Reisende in einem Regionalzug bei Heidingsfeld einschlug. Vier Touristen aus Hongkong und eine Würzburger Spaziergängerin wurden schwer verletzt.

In der Uniklinik rangen Ärzte wochenlang um das Leben der Opfer. „Wir waren auf alle denkbaren Unfallszenarien vorbereitet, auch auf Massenverletzte“, sagt Ertl und fügt hinzu: „Doch das wirklich Beängstigende war, dass es ein Terrorakt war.“ Plötzlich stand die Klinik im Fokus der internationalen Presse. Plötzlich drehten sich politische Debatten deutschlandweit um das Axt-Attentat von Würzburg.

„Bei uns in Hongkong wurde über den Anschlag berichtet“, erzählte die 26-jährige Schwester des Mannes, der am schwersten verletzt worden war. Sie war mit ihrer Mutter sofort nach Deutschland geflogen, um ihrem Bruder beizustehen. Der damals 30–Jährige schwebte lange Zeit in Lebensgefahr. Bei einem Gespräch mit unserer Redaktion vor ihrem Rückflug ergänzte sie: „Die Menschen hier in Franken waren aufgebracht, da Würzburg eine sichere kleine Stadt ist und niemand mit so etwas rechnen konnte.“ Jetzt ist die ganze Familie wieder in China. Auch der mittlerweile 31-jährige Ingenieur hat die Schreckensnacht überstanden und konnte sein normales Leben wieder aufnehmen.

Terror war mitten in Deutschland angekommen

Zu verdanken ist das der Arbeit des Teams rund um Professor Dr. Ralf-Ingo Ernestus, Direktor der Neurochirurgie am Universitätsklinikum. „Es ist eine besondere Situation, wenn etwas, wovon man lange Zeit denkt, es sei weit entfernt, unmittelbar im eigenen Umfeld passiert“, sagt dieser. Doch gerade dann sei es „ein Stück weit befriedigend und beruhigend, wenn man etwas tun kann.

“ Er erinnert sich an eine Pressekonferenz von Angela Merkel in den Tagen nach den Anschlägen von Würzburg und Ansbach. Sie dankte den Ärzten. „Da wurde mir auf einmal bewusst: Sie spricht jetzt gerade von uns! Das, was immer weit weg schien, war auf einmal ganz nahe. Der Terror war mitten in Deutschland, mitten in unserem Leben angekommen. Dieser Gedanke hat uns alle mitgenommen“, sagt der Neurochirurg. Die Ereignisse in den Medien seien plötzlich greifbar geworden. „Man hat morgens die Zeitung aufgeschlagen und eine halbe Stunde später stand man bei den Patienten am Bett.“

Polizei kümmerte sich um die Angehörigen

Ein halbes Jahr später ziehen die Ärzte Bilanz: Trotz des enormen Presserummels, trotz der Stunden, die „an den Grundfesten des friedlichen Zusammenlebens rüttelten“ – so Oberbürgermeister Christian Schuchardt in seiner Weihnachtsrede– zogen alle Verantwortlichen in Würzburg an einem Strang.

„Die Polizei hat nicht nur den Täter eliminiert, sondern sich auch um die leichter verletzten Patienten und ihre Angehörigen gekümmert“, sagt Ertl. „Sie haben zuerst das Menschliche gesehen: das Leid und die Ängste, die da waren. Sie haben lange gewartet, bis überhaupt Polizeiliches zur Sprache kam.“

„Heißer Draht“ zwischen Ärzten und Politikern

Ähnlich hätten Verantwortliche der Stadtverwaltung reagiert. Der Oberbürgermeister sei noch in der Nacht zum Anschlagsort gekommen. Sie hätten Wohnraum für die Angehörigen angeboten – auch wenn die Familie diesen nicht in Anspruch nahm, da sie anfangs im Schwesternwohnheim der Klinik und später in einem Würzburger Hotel untergebracht war. Einen „ganz engen, heißen Draht“ habe es zwischen Professor Ertl, Christian Schuchardt und Barbara Stamm gegeben. Als „wohltuend“ empfand Professor Ernestus die Zurückhaltung der Politiker. „Sie wollten informiert sein, haben die Situation aber nicht benutzt, um ans Krankenbett zu kommen.“ Sie boten ihre Hilfe an, hielten sich in der Öffentlichkeit aber zurück.

Die 26-jährige Chinesin bestätigte das vor ihrem Rückflug: „Die Vertreter der Stadt gaben ihr Bestes, damit wir hier bei meinem Bruder bleiben konnten. Sie halfen auch meiner Mutter und mir.“
 

Katastrophenplan: Eine Patientin wurde nach Nürnberg geflogen

In der Nacht des Attentats lief alles streng nach einem Plan ab, der auch bei Massenkarambolagen auf der Autobahn oder dem Einsturz der Autobahnbrücke zum Tragen kam. Es gibt Verantwortliche, die diese Notfallpläne entwerfen, pflegen, weiterentwickeln und mit Ärzten, Pflegern, Transportdiensten und Psychologen einüben, erklärt Ertl. Zu diesem Plan gehörte auch die Entscheidung, eine verletzte, aber transportfähige Patientin nach Nürnberg zu fliegen. „Man weiß anfangs nie genau, wie viele Opfer es sein werden und ob die Würzburger Kliniken in der Lage sind, alle aufzunehmen“, so Ertl. Es sei Teil eines Katastrophenplans, sich Plätze vor Ort freizuhalten – für den Fall, dass es mehr Schwerverletzte sind, als angenommen. Die 27-Jährige wurde zwei Tage später wieder nach Würzburg zu ihrer Familie geholt.

Noch in der Nacht auf den 19. Juli wurde das 30-jährige Opfer mit der schweren Kopfverletzung in der Neurochirurgie operiert. Zusätzliches Personal wurde nicht angefordert. „Wir sind es gewohnt, mehrere Verletzte zeitgleich zu versorgen“, sagt Ernestus und fügt hinzu: „Sollte die Zahl der verfügbaren Ärzte nicht ausreichen, können über Alarmpläne weitere Mitarbeiter in die Klinik geholt werden.“ Kurz darauf besprachen die Chefs des Universitätsklinikums gemeinsam die Lage.

„Uns war bewusst, dass ein Terrorakt – noch dazu an ausländischen Gästen – eine Ausnahmesituation darstellt“, sagt Ernestus. Mitarbeiter vom Konsulat, der Kriminalpolizei und die Familien der Opfer mussten betreut werden. Bei einem ersten großen Treffen erklärten die Ärzte in englischer Sprache die medizinischen Sachverhalte und überlegten, wie sie eine geschützte Atmosphäre für die Patienten schaffen konnten, um sie von der Öffentlichkeit abzuschirmen. So ließen sie die Patienten länger als gewöhnlich auf Intensivstationen liegen, die nur kontrolliert durch Besucher zugänglich sind. Dass der 30-Jährige zur Frührehabilitation ins Juliusspital und später nach Bad Staffelstein kam, wurde geheim gehalten. „Damit auch dort ein geschützter Rahmen entstand und Angehörige den Patienten ungestört besuchen konnten.“

Jeden Tag eine Pressemeldung

Für uns war es anfangs ein bisschen schwierig, mit dem Rummel umzugehen“, sagt Ertl. Doch die Kooperation mit den Medien lief gut, urteilt Ernestus. Jeden morgen verfasste er selbst bis 6.30 Uhr eine medizinische Zusammenfassung der letzten 24 Stunden und schickte sie an die Pressestelle der Klinik. Diese formulierte die Presseerklärung für die Medien.

Vor dem Eingang des ZOM wurden Interviews gegeben. Einziger Ansprechpartner für Journalisten war Professor Ertl. „Wir waren uns bewusst, dass wir in einer Situation, in der ein hohes öffentliches Interesse besteht, Informationen weitergeben und gleichzeitig die Privatsphäre der Patienten schützen müssen“, sagt Ernestus. Doch er sei angenehm überrascht über die hiesigen Medien, meint der Neurochirurg, der vorher in Köln tätig war. Niemand habe versucht, sich unberechtigt Zutritt zu seinen Patienten zu verschaffen. Keiner der Klinikmitarbeiter habe Informationen nach außen getragen – „erstaunlich bei so vielen, die involviert waren“, resümiert Ertl.

Kulturelles Missverständnis aus dem Weg räumen

Ein kulturelles Missverständnis mussten die Ärzte aus dem Weg räumen: Die Hongkonger hatten Angst, in einem staatlichen Krankenhaus behandelt zu werden. Die Fragen chinesischer Journalisten zeigten Skepsis: „Könnt ihr das überhaupt? Da ist doch einer schwer verletzt!“ hieß es. „Daran merkt man, wie verwöhnt wir hier in Deutschland sind, was unsere medizinische Versorgung angeht“, sagt Ertl. Am Ende seien alle jedoch hoch zufrieden gewesen. Sowohl die medizinischen Teams der Neurochirurgie als auch der Psychiatrie hätten längerfristige Bindungen zu den Patienten aufgebaut.

Eine Chinesin, die sich nach dem Attentat in psychotherapeutischer Behandlung befand, sagte rückblickend: „Ohne die Hilfe der Ärzte und Psychologen hätte ich mich nicht so schnell erholt.“ Der 30-jährige Ingenieur bestätigte: „Sie haben mich nicht wie einen Patienten, sondern vielmehr wie einen Freund oder ein Familienmitglied behandelt.“ (Lesen Sie auch: Leitartikel: Trauer und Leid ohne Groll)

Sorgen und Ängste entstanden später, als es darum ging, den „geschützten Raum“ wieder zu verlassen, so Ernestus. Das habe er bereits bei vielen Patienten erlebt, so auch bei dem jungen Mann, als dieser aus dem Koma erwachte und sich bruchstückhafte Erinnerungen an die Schreckensnacht mit Erzählungen vermischten. Auch der Neuanfang ihres alltäglichen Lebens in Hongkong sei den Attentatsopfern schwer gefallen, heißt es aus Kreisen ihrer Würzburger Freunde.

Dass sich der 30-Jährige überhaupt wieder erholen würde, war alles andere als selbstverständlich. „Es hätte auch zu erheblichen Komplikationen, wie einer schweren Infektion, kommen können, die wir medikamentös nicht hätten beherrschen können“, sagt Ernestus. „Ich erkannte die Person nicht, die da auf dem Bett der Intensivstation lag. Das war gruselig“, beschrieb der 30-Jährige die Gefühle, die er hatte, als er sich selbst auf Fotos nach dem Attentat zu sehen bekam.

„Es tat gut, helfen zu können“ (Professor Ernestus)

Trotz der schweren Schädel-Hirn-Verletzungen des Mannes sei das medizinische Team all die Wochen optimistisch gewesen. Diese Zuversicht hätten sie der Familie vermittelt. „Es tat gut, helfen zu können und zu sehen, dass wir immer noch mal eine Schippe drauf legen können – obwohl wir permanent am Limit dessen sind, was wir leisten können. Zeitaufwendig sei es gewesen, mit der chinesischen Krankenversicherung und den entsprechenden Auslandsversicherungen die Details der Kostenübernahme zu besprechen oder medizinische Ansprechpartner für Besucher einzuplanen.

Viel lief über persönliche Beziehungen, so über die Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft. Mehr als 200 Mainfranken ließen der Familie Geld und Genesungswünsche zukommen. Eine Stadtführung, private Einladungen und Theaterbesuche sollten den Opfern ihren Aufenthalt in Würzburg erträglicher machen.

„Ich bin allen Menschen dankbar, die uns geholfen haben“, sagte die 27-Jährige vor ihrem Rückflug. Ihre Familie will – trotz allem – noch einmal nach Würzburg kommen. Man dürfe sich nicht von Misstrauen leiten lassen, so der Tenor der Asiaten. Das liegt auch dem Ärztlichen Direktor am Herzen: „Wir dürfen nicht in jedem fünften Flüchtling einen potenziellen Attentäter sehen“, sagt Ertl und ergänzt: „Wir müssen aufpassen, dass keine unberechtigten Ängste geschürt werden.“

Germanistikstudentin Tingyao Lu (links) übergibt Anfang August eine Spende der Gesellschaft für deutsch-chinesische Freu... Foto: Gesellschaft für deutsch-Chinesische Freundschaft Würzburg e.V.
Prof. Dr. med. Ralf-Ingo Ernestus
Prof. Dr. med. Ralf-Ingo Ernestus, Direktor der Neurochirurgie am Universitätsklinikum Würzburg. Foto: Daniel Peter (www.danielpeter.net)

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