BÖTTIGHEIM

Bald wird in St. Kalemba genäht

Anita Bartsch brachte einen ganzen Packen Briefe und Schulzeugnisse aus Sambia mit. Foto: Pat Christ

Joyce und Memory, Joel und Azron – sie alle haben eines gemeinsam: Keines dieser Kinder aus Sambia hat noch beide Elternteile. „Oft starb der Vater an Aids, manchmal die Mutter, einige Kinder haben gar keine Eltern mehr“, sagt Anita Bartsch. Seit fünf Jahren setzt sich die Böttigheimerin für Aidswaisen aus Sambia ein. 65 Kinder haben inzwischen einen deutschen Paten. 51 weitere würden sich eine Patenschaft wünschen.

Jedes Jahr fährt Anita Bartsch für drei Wochen nach Sambia, um „ihre“ Kinder zu treffen und die Projekte des „S.a.m.b.i.a“ genannten Vereins zu besuchen. Vor wenigen Tagen erst kam sie von einer Reise zurück. Ein schwerer Koffer im Eingangsbereich ihres Hauses birgt noch immer den größten Teil der 25 Kilogramm Erdnüsse, die sie mitbrachte. In einem weiteren Koffer befinden sich Tücher aus Sambia sowie eine Mädchen-Schuluniform. „Solche Uniformen wollen wir in Kürze in unserer neuen Nähschule anfertigen“, erzählt die Erwachsenenbildnerin.

Schon viel geschafft

Auf das, was ihr Verein in den vergangenen fünf Jahren geschafft hat, kann Bartsch stolz sein. Nicht nur, dass nun 65 Kinder einen deutschen „Papa“ oder eine deutsche „Mama“ haben, die ihnen für 240 Euro im Jahr den Schulbesuch ermöglichen. Dank des Vereins konnten in der Gegend um die Missions-Station St. Kalemba, wo „S.a.m.b.i.a“ vor allem aktiv ist, zwei Brunnen gebaut werden. 2016 wurde ein fast von Anfang an geplantes Schulgebäude fertig. „Seit Mai haben wir zwei Klassen für Vorschulkinder und Erstklässler“, erzählt Bartsch. Die Nähschule soll den Einstieg in die Berufsausbildung darstellen. Vor allem dies ist Anita Bartsch ein großes Anliegen.

Nie wird Bartsch die verwitwete Mutter vergessen, die verzweifelt auf ihre fünf Mädels deutete: „Was soll aus ihnen werden?“ Eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder heirateten sie - und zwar irgendjemanden. Denn war arm ist, hat keine Wahl. Oder sie gingen in die Stadt. Bartsch: „Doch junge Frauen ohne Ausbildung landen dort meist in der Prostitution.“

Wer etwas gelernt hat, kann diesem Schicksal entrinnen. So entstand die Idee, eine Nähschule zu gründen. „Im Moment sind wir dabei, vor Ort drei Angebote für fünf manuelle und fünf elektrische Nähmaschinen einzuholen“, erläutert Bartsch. Ein Schneidermeister ist bereit, sich in dem Projekt zu engagieren. Ein halbes Jahr wird er zehn Frauen und Männern, die das Nähen erlernen möchten, Kniffe und Tricks rund um Garn und Faden beibringen.

Wie sich das für Azubis gehört, sollen die Berufsschülerinnen einen kleinen Lohn erhalten. „Wir würden uns wünschen, dass sie das Geld sparen und sich damit eine eigene Nähmaschine kaufen“, so Bartsch. Der Verein würde ihnen Maschinen aus seinem Pool zur Hälfte des Anschaffungspreises überlassen. Damit hätten die jungen Leute die Chance, sich selbständig zu machen.

Der Bischof von Solwezi, der Hauptstadt der sambischen Nordwestprovinz, unterstützt das Projekt. Durch ihn kam der Verein an den Schneidermeister. Wer die Ausbildung durchlaufen hat, erhält ein Zertifikat mit Bischofs-Siegel.

Durch zwei eigene Patenkinder, Bwalyah und Charles, die ihr von Missionar Andreas Edele vermittelt wurden, bevor es „S.a.m.b.i.a“ gab, kam Anita Bartsch vor 16 Jahren in Kontakt mit dem afrikanischen Land. Ihre beiden jungen Sambianer zeigten ihr, dass es, zumindest mit Unterstützung, möglich ist, auch in einem armen Land seinen Weg zu machen. Bwalyah ist inzwischen ausgebildete Krankenschwester. Charles studiert Jura. Die Karrierewege der beiden motiviert Anita Bartsch, jungen Menschen dazu zu verhelfen, in ihrem Heimatland bleiben zu können. Flüchtlinge, sagt sie, gibt es schließlich schon genug.

Im Rückblick auf die vergangenen fünf Jahre kommen bei Bartsch Glücksgefühle auf: Die Reisen nach Sambia bescherten ihr ungezählte wunderschöne Momente mit Menschen, deren Herzlichkeit sie jedes Mal aufs Neue ergreift. Gleichzeitig sieht die Würzburger Landkreisbürgerin aber auch immer deutlicher, wie groß die Not ist. 51 Kinder, die mindestens ein Elternteil durch Aids verloren haben, suchen aktuell einen deutschen Paten: „Das sind viel mehr, als unser Verein verkraften kann.“

Ehrenamtlicher Einsatz

„S.a.m.b.i.a“ versteht sich schließlich nicht nur als „Patenvermittlungsorganisation“. Anita Bartsch hat jedes einzelne Kind im Blick. So brachte sie aus Sambia nicht nur die Briefe der bereits im Projekt aufgenommenen Kinder an ihre Paten mit – sie ließ sich auch die Zeugnisse von jedem Schüler mitgeben. Jeder Pate erhält in den kommenden Wochen Post von ihr, aus der zu entnehmen ist, wie sich die unterstützten Kinder entwickeln.

Das alles macht Anita Bartsch ehrenamtlich. „Ich sitze jeden Abend ein oder eineinhalb Stunden vor dem Computer, damit unsere Projekte vorangehen“, sagt sie. Natürlich reist sie auch auf eigene Kosten nach Sambia. Jeder Euro, der über Mitgliedsbeiträge, Paten oder Spenden an „S.a.m.b.i.a“ fließt, soll ja hundertprozentig bei den Aidswaisen ankommen.

ONLINE-TIPP

Mehr Informationen im Internet unter www.sambia-ev.de.

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