WÜRZBURG/MÜNCHEN

Barbara Stamm: Bitteres Aus nach 42 Jahren

Landtagspräsidentin Barbara Stamm gab ihre Stimme am Sonntag in der Adalbert-Stifter-Schule in Würzburg ab. Im Hintergrund Ehemann Ludwig Stamm.
Landtagspräsidentin Barbara Stamm gab ihre Stimme am Sonntag in der Adalbert-Stifter-Schule in Würzburg ab. Im Hintergrund Ehemann Ludwig Stamm. Foto: Dita Vollmond

„Wie soll sie sein?“ Auf die Frage nach ihrer Stimmungslage an diesem bitteren Wahlabend fragt Barbara Stamm rhetorisch zurück. Und ergänzt dann doch sehr konkret: „Nein, gut kann sie nicht sein.“ Die Stimmung in ihrer Partei, der CSU, nicht, und ihre ganz persönliche auch nicht.

Aufstieg war nicht in die Wiege gelegt

„Ich weiß, wie es einem geht, der am Boden liegt“, hat Barbara Stamm einmal gesagt. Ihr Scheitern bei dieser Landtagswahl wird sie im Rückblick sicher nicht vergleichen wollen mit der Niederlage bei der Oberbürgermeisterwahl 1990 in Würzburg, als es die junge Staatssekretärin nicht einmal in die Stichwahl schaffte, oder mit dem auf dem Höhepunkt der BSE-Krise durch Edmund Stoiber erzwungenen Rücktritt 2001 als Sozialministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin. Damals war Stamm, die aus einfachen Verhältnissen stammt und der der Aufstieg in der männerdominierten CSU wahrlich nicht in die Wiege gelegt wurde, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.

Dennoch ist das Aus jetzt bitter, weil es ein erzwungenes ist. Die 73-Jährige wollte es noch einmal wissen und sah im Frühling nach dem furiosen Start von Markus Söder als Ministerpräsident durchaus Chancen, sich nicht nur als Stimmenmagnet in den Dienst der Partei zu stellen, sondern am Ende vielleicht sogar das lieb gewonnene Amt der Landtagspräsidentin zu behalten. Dass es nicht geklappt hat, wurmt sie vor allem auch deshalb, weil die hohen Stimmenverluste für die CSU aus ihrer Sicht hausgemacht sind.

Kritik an restriktivem Kurs

Stamm hat nicht verstanden, warum die verantwortlichen Parteifreunde sich nicht mehr um das liberale, christlich und sozial engagierte Publikum gekümmert haben, um die vielen Flüchtlingshelfer beispielsweise. „Ein Pfund, mit dem man hätte wuchern können.“ Den Versuch, vor allem über eine restriktive Asylpolitik und eine populistische Rhetorik Wähler vom rechten Land (zurück) zu gewinnen, hat sie wie wenige andere intern durchaus gegeißelt, vermutlich aber viel zu wenig offensiv nach außen.

Man habe die mahnenden Stimmen von ihr und anderen, „vor allem auch vieler starker Frauen“, in den Gremien leider oft nicht hören wollen, sagt sie am Wahlabend. Dabei habe sie immer schon gesagt, die CSU könne rechts außen nicht die Wählerinnen und Wähler erreichen, die sie durch verbale Zuspitzung in der Mitte verliert.

Hadern mit Seerhofer

Personelle Konsequenzen an der Parteispitze will Stamm am Wahlabend nicht fordern. Dabei hat sie mit ihrer Enttäuschung über Parteichef Horst Seehofer zuletzt nicht hinter dem Berg gehalten. Er, dem Barbara Stamm nach dem Debakel bei der Bundestagswahl länger als die meisten anderen CSU-Landespolitiker den Rücken stärkte, hat nach dem Wechsel nach Berlin die Bande zu seiner langjährigen Partei-Vize abreißen lassen. Der Bundesinnenminister war für seine frühere Weggefährtin zuletzt nicht mehr erreichbar. Ihre Warnungen, sich im Ton zu mäßigen, sah sie zuletzt besser bei Ministerpräsident Markus Söder aufgehoben. Gut möglich, dass diese Erfahrung mit dazu beitrug, dass Beobachtern trotz des hohen persönlichen Einsatzes in den vergangenen Wahlkampf-Wochen bei Barbara Stamm eine „vorher nicht gekannte Müdigkeit“ auffiel.

Dabei hätte es die 73-Jährige wirklich gereizt, als Präsidentin eines Landtags, in den nun erstmals eine Rechtspartei einzieht, über die Einhaltung demokratischer Spielregeln zu wachen und von den Abgeordneten mehr Disziplin, etwa bei der Präsenz im Plenum oder der Nutzung von Mobiltelefonen, zu verlangen. Noch vergangene Woche hatte sie angekündigt, hier künftig strenger agieren zu wollen.

Beliebteste Politikerin Bayerns

Fünf Jahre war die gelernte Erzieherin Vizepräsidentin, bevor sie 2008 an die Spitze des Bayerischen Landtags gewählt wurde. Unter ihrer Führung ist das Parlament offener, nahbarer geworden. Allein 50 000 Schüler haben das Maximilianeum in der vergangenen Legislaturperiode besucht. Viele Tausend Ehrenamtliche hat Stamm bei Empfängen im Namen des Gemeinwesens gewürdigt. Für sie war der persönliche Kontakt zu diesen Menschen niemals nur Formsache. „Wenn ich beispielsweise eine Schirmherrschaft übernehme, bin ich auch da“, sagt sie. Kein Wunder, dass die Präsidentin in ganz Bayern gefragt war. Umfragen haben sie regelmäßig als beliebteste Politikern Bayerns ausgewiesen.

Nun also geht die politische Karriere nach fast fünf Jahrzehnten zu Ende. 1969 ist die gelernte Erzieherin nach Stationen in der katholischen Jugendarbeit in die CSU eingetreten, 1972 wurde sie erstmals in den Würzburger Stadtrat gewählt, 1976 dann in den Landtag. Dort stieg sie schnell in den Fraktionsvorstand auf. Ministerpräsident Franz-Josef Strauß holte sie 1987 als Staatssekretärin für Arbeit, Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit in sein Kabinett. Im Oktober 1994 ernannte sie Edmund Stoiber zur Sozialministerin und 1998 zur stellvertretenden Regierungschefin. 2001 dann das jähe Ende, doch Stamm blieb eine feste Größe in der CSU, wo sie von 1993 bis 2017 stellvertretende Vorsitzende war.

Ehrenämter werden helfen

Bei Landtagswahlen erzielte Stamm regelmäßig über die Unterfranken-Liste Spitzenergebnisse, vermutlich auch an diesem Sonntag wieder. Gereicht hat es dennoch nicht. Barbara Stamm wird sich sicher schwer tun, von der Politik loszulassen. Da muss man kein Prophet sein. Ihre Ehrenämter werden ihr helfen – als Ehrenvorsitzende der Caritas, als Schirmherrin der „Hilfe im Kampf gegen den Krebs“, vor allem auch als Vorsitzende der Lebenshilfe. Sie bleibt im Kontakt mit den Menschen.

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