GIEBELSTADT

Bauern zahlen weniger für die Bombensuche

Vor den Fernsehkameras zogen sie ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, verschränkten die Arme, ballten die Fäuste und polterten los – mit einer Bombenwut im Bauch. Landwirte aus Giebelstadt und Umgebung forderten hartnäckig, dass auch der Bund für die Suche nach Blindgängern in ihren Feldern bezahlen soll. Das tut er jetzt auch. Doch den Bauern ist dies immer noch zu wenig.
Wut im Bauch: So präsentierten sich Landwirte vor den Fernsehkameras. Ihr Auftritt hatte Erfolg. Der Bund zahlt nun auch für die systematische Suche nach Blindgängern in Giebelstadt. Doch mit dem Ergebnis sind die meisten Bauern immer noch nicht zufrieden. Ihre Wut wird bleiben. Foto: Thomas Fritz

Spreng- und Splitterbomben. Wurfgranaten. Handwaffen- und Flak-Munition, Panzerfäuste, Gewehrgranaten und kleine Raketen. Kampfmittelexperte Daniel Raabe aus Magdeburg hat bei seiner gezielten Suche nach Blindgängern auch deutsches Kriegsmaterial gefunden. Und davon reichlich: insgesamt 7,9 Tonnen. Das sind 47 Prozent der gesamten Kampfmittel, die Raabe aufstöberte. Dem gegenüber stehen 99 Blindgänger und 941 Stabbrandbomben, die von den Amerikanern über den Flugplatz Giebelstadt abgeworfen wurden.

Nun will es das Grundgesetz so, dass grundsätzlich die Bundesländer für die Beseitigung der Kampfmittel zuständig sind. Eine Kostenerstattung durch den Bund kann im Rahmen der so genannten „Staatspraxis“ auf der Grundlage des Allgemeinen Kriegsfolgengesetzes erfolgen. Danach übernimmt der Bund die Kosten für die Beseitigung und Vernichtung ehemals reichseigener Munition auf nicht bundeseigenen Liegenschaften. Im Fall Giebelstadt sind das 178 000 Euro. Diese werden aber nicht direkt an den Markt oder die betroffenen Grundstückseigentümer ausbezahlt, sondern nur an das Land Bayern.

Für die Landwirte aus Giebelstadt und Umgebung bedeutet dies, dass sich ihr Anteil an der Bombensuche deutlich verringert. Von ursprünglich 1200 Euro pro Hektar ist Krämer ausgegangen. Dann hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann Giebelstadt besucht und den Sonderfall erkannt. Denn während des Zweiten Weltkrieges wurde der Wehrmachts-Fliegerhorst massiv bombardiert. Die Alliierten vermuteten, dass hier geheim an Raketentreibstoffen geforscht wird. Außerdem war hier die ME 262, der erste zweistrahlige Düsenjäger des Flugzeugbauers Messerschmitt, stationiert. Vor diesen schnellen Jägern hatten die Amerikaner Respekt.

Das beeindruckte den Minister. Kurz nach seinem Besuch in Giebelstadt teilte er mit, dass sich der Freistaat zu zwei Dritteln an den Kosten der Bombensuche beteiligen will. Das ist bislang bayernweit einmalig. Erstes Aufatmen bei den Landwirten. Denn auch ihre Kosten werden sich dadurch verringern. Zufrieden sind sie allerdings immer noch nicht. Denn am liebsten wäre es ihnen, wenn sie gar nichts zahlen müssten. Als dann Daniel Raabe immer mehr Munition der Wehrmacht findet, die kurz vor Kriegsende und dem Eintreffen amerikanischer Soldaten noch schnell in Bombentrichtern entsorgt wurde, werden die Rufe der Landwirte lauter: „Der Bund soll sich auch an den Kosten beteiligen“, fordert Landwirt Karl Schön.

Die Politik schaltet sich ein. Bundestagsabgeordneter Paul Lehrieder spricht mit dem verantwortlichen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Mit Erfolg. Die systematische Suche in Giebelstadt wird als Flächenräumungsmaßnahme anerkannt. Das heißt: Der Bund wird für die reichseigene Munition zahlen. Mittlerweile steht auch fest, wieviel. 178 000 Euro werden an den Freistaat Bayern überwiesen. Bleibt ein Restbetrag von 202 000 Euro. Davon übernimmt der Freistaat Bayern zwei Drittel. Also rund 134 000 Euro. Für den Rest müssen die Grundstückseigentümer aufkommen. 132 Euro pro Hektar müssen sie nun zahlen. Also nur noch elf Prozent der ursprünglichen Summe.

Bürgermeister Helmut Krämer ist über dieses Ergebnis mehr als erfreut. Überhaupt sei es ein großer Erfolg, dass es gelungen sei, 75 Grundstücksbesitzer zu finden, die sich alle an der bayernweit wohl bislang einzigartigen Suche nach Blindgängern beteiligen. 510 Hektar wurden sondiert und neben allerhand Kriegsmunition hat Daniel Raabe 99 Blindgänger aufgestöbert. Manchmal lagen die Bomben nur 30 Zentimeter unter der Ackerkrume.

Helmut Krämer ist also rundum zufrieden. Auch weil durch den Anteil des Bundes die Gemeindekasse geschont wird. Anders sieht dies bei den Landwirten aus. Reiner Bischof muss für 8,5 Hektar zahlen. Eine Bombe wurde auf seinen Feldern gefunden. Und Wehrmachtsmunition. „Eigentlich hätte der Staat alles zahlen müssen. Denn wir Landwirte haben das nicht verursacht“, sagt Bischof. Und er fordert, dass sich die Gemeinde an den Kosten beteiligt. „Wir haben ja auch dafür Grundsteuer entrichtet“, sagt er. Hubert Popp aus Acholshausen wird noch deutlicher: „Das ist eine Unverschämtheit, dass wir überhaupt was zahlen sollen“, schimpft er. Sein Betrieb habe durch den „blöden Krieg“ bereits mehrmals bluten müssen. 1936 habe seine Familie alles verkaufen müssen und ein paar Jahre später sei alles ausgebombt worden. „Und trotzdem mussten wir für den Lastenausgleich zahlen“, sagt er und schimpft auf die Politiker und den Bauernverband. „Wir wurden verraten und verkauft.“

Dass die Gemeinde sich nicht an de Kosten der Bombensuche beteiligt, rechtfertigt Bürgermeister Krämer mit der Menge an Arbeit die an ihm und der Verwaltung hängen blieb. Allein die Abrechnung sei ein aufwendiges Zahlenwerk gewesen. Krämer gibt auch zu bedenken, dass die ganze Organisation von Giebelstadt ausging. Landwirte wie Hubert Popp aus Acholshausen hätten davon profitiert. Denn die Gemeinde Gaukönigshofen, zu der Popp gehört, habe sich bei der Aktion „sehr zurückgehalten“, kritisiert Krämer.

Dabei würden doch 40 Prozent der sondierten Flächen zur Nachbargemeinde gehören. Und noch eine Bemerkung erlaubt sich der Bürgermeister: „Rings um Giebelstadt sind wir jetzt bombenfrei. Nur die Landstraße nach Acholshausen nicht.“ Wie es hier mit der Bombensuche weitergeht, wird demnächst im Landratsamt entschieden.

Geballte Fäuste: Auch, wenn sich die Bundesrepublik nun an den Kosten der Bombensuche in den Feldern und Äckern rings um den Giebelstädter Flugplatz beteiligt. Die Landwirte ärgern sich trotzdem, dass auch sie zur Kasse gebeten werden. Foto: Thomas Fritz

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