Beim Pferdemarkt prächtig aufgezäumt

94. Creglinger Pferdemarkt: 138 Pferde und vier Esel nahmen diesmal an der Prämierung teil. Doch nicht nur die Vierbeiner standen im Fokus, sondern auch die vielen Marktleute, die ihre Waren unters Volk brachten.
Im Tricolore-Stil: Die Sympathie für Frankreich drückt dieses farbenprächtige Gespann aus, das beim Festzug des Creglinger Pferdemarkts mit von der Partie war. Foto: Gerhard Meissner

Im Zwickel zwischen Ochsenfurter Gau, Rothenburger Landhege und dem Hohenloher Land geht es das Jahr über eher beschaulich zu. Bis auf den zweiten Mittwoch im Februar. Da strömen sie zu Tausenden nach Creglingen, um beim Pferdemarkt dabei zu sein. Zum 94. Mal hat das Tauberstädtchen dazu eingeladen und die Beliebtheit scheint ungebrochen.

Eine, die das einschätzen kann, ist Regina Weinschenk aus Fichtenau. Seit 38 Jahren baut sie beim Pferdemarkt ihren Stand auf und verkauft Kittelschürzen. Die Alltagskleidung ist aus der Mode gekommen. Trotzdem laufen die Geschäfte gut – oder gerade deswegen, denn die praktischen blau-geblümten Schürzen findet man heute kaum noch. „Ich hab meine Stammkunden, die kommen jedes Jahr“, erzählt sie.

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Zu den alten Hasen gehört auch der „Billige Jakob“. Georg Huber aus Fürth sitzt hinter seiner Auslage, auf der neben Seifen, Wäscheleinen, Gürteln, Reißnägeln und Heftpflastern so ziemlich alles zu finden ist, was einen gut sortierten Haushalt ausmacht. „Ich hab alles, was die Leut' brauchen, und das zu Preisen wie vor 20 Jahren“, verrät der Senior sein Erfolgsgeheimnis. Seit 250 Jahren sei der „Billige Jakob“ im Familienbesitz, sagt er. Seit 65 Jahren, mehr als ein Viertel dieser Zeit, sitzt er selber an der Kasse. Sein Alter will er nicht verraten; „ein Achter steht schon vorne dran“. Schade nur – einen Nachfolger gibt es nicht. Mit Georg Huber wird die Familientradition erlöschen.

Wurst, Käse, Glühlampen, Gewürze, Messer, Bettklopfer, Klobürsten, Hautcreme und Wundermittel aller Art – nichts, was es nicht gibt. Und Socken, einen ganzen Stand, in allen Größen und Farben. Dahinter lacht Anette Schenk. Mit ihrem Mann Dieter verkauft sie die wärmende Fußbekleidung seit Jahrzehnten. Auch sie stammt aus Fichtenau, der Markthändler-Hochburg bei Schwäbisch Hall. Die Geschäfte laufen noch etwas schleppend an diesem Vormittag. Im Moment zieht die Prämierung der Pferde den Blick der Besucher auf sich. „Die Leut' wollen jetzt noch nicht so viel rumtragen“, sagt Anette Schenk, „am Abend ist die Kasse voll, das ist immer so.“

138 Pferde und vier Esel stellen sich heuer dem Urteil der Juroren. Es waren auch schon mehr. Reitpferde, Arbeitspferde, Ponys, kaum kniehoch, sind darunter und ein zwei Meter großes Schlachtross, einer alten englischen Rasse entstammend. Am Ende bekommt fast jeder von ihnen einen der Preise zugesprochen. Während später ein Kleinbagger vom städtischen Bauhof das ovale Geläuf aus Rindenmulch zusammenscharrt, werden die Vierbeiner für den eigentlichen Höhepunkt des Pferdemarkts zurechtgemacht – den großen Festzug. Prächtig aufgezäumt ziehen sie die Kutschen, tragen Cowboys, Ritter und Burgfräulein an den Zuschauern vorbei, die sich dicht am Straßenrand drängen. Hie und da zeugen Pferdeäpfel davon, dass auch ein PS nicht ohne Kraftstoff auskommt. Die Marschformation der Musikkapellen teilt sich um die dampfenden Haufen.

In den Kutschen, die den Zug anführen, fahren Bürgermeister Uwe Hehn und die Ehrengäste, die er zuvor zum Empfang ins Romschlössle geladen hatte. Bürgermeister aus dem gesamten Umkreis von Aub bis Assamstadt sind der Einladung nach Creglingen gefolgt. Auch der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion Claus Schmiedel und der FDP-Abgeordnete Friedrich Bullinger sind da. Ihnen hat Hehn beim Empfang ins Gewissen geredet. Die Internet-Versorgung im ländlichen Baden-Württemberg sei miserabel, so Hehn. Das schrecke Unternehmen ebenso ab wie Neubürger. Sein neidischer Blick gehe nach Bayern, wo die flächendeckende Breitbandversorgung Staatsziel ist und entsprechend gefördert wird. Schmiedel gibt ihm recht. Im Ländle habe man sich viel zu lange auf das freie Spiel des Marktes verlassen. Jetzt müsse vieles nachgeholt werden, aber das gehe eben nicht von heute auf morgen.

Auch die Windkraftanlagen, die im nahen Klosterforst gebaut werden sollen, sind ein Thema. Hehn verteidigt die Entscheidung des Gemeinderats, den Bau zuzulassen. Draußen auf dem Markt sammelt sich der Protest am Stand einer Bürgerinitiative. Die Widerständler führen markige Worte; von „Todesmühlen im lieblichen Taubertal“ ist auf einem Plakat die Rede.

Mehr Blicke ziehen derweil die bunten Kostüme der Schulklassen und Vereine auf sich, die sich dem Zug der Kutschen und Reiter angeschlossen haben. Dass der Festzug nahtlos in einen Faschingszug übergeht, gehört zu den Traditionen des Pferdemarkts. „Wenn ich König von Creichl wär“ lautet das Motto heuer – und gekrönte Häupter gibt es in dem Zug gleich im rauen Dutzend. Die Sonne zeigt sich mittlerweile dauerhaft. Die Temperaturen sind beinahe frühlingshaft.

Jetzt strömen die Zuschauer auch in die Straßen der Altstadt und sorgen – vermutlich – dafür, dass Sockenhändlerin Anette Schenk mit der Prophezeiung voller Kassen am Ende wieder einmal recht behalten wird.

ONLINE-TIPP

Mehr Bilder vom Pferdemarkt finden Sie im Internet unter www.mainpost.de/ochsenfurt

Getreu dem Motto: Gekrönte Häupter beim Zug der Schulklassen und Vereine.
Sangeskräftig: Die Chorgemeinschaft Creglingen gab beim Pferdemarkt-Empfang im Romschlössle den Ton an.
Alter Hase: Seit 65 Jahren bietet Josef Huber als „Billiger Jakob“ alles, was in einen geordneten Haushalt gehört.

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