Beschwerlicher Start in ein besseres Leben

GEMÜNDEN Nach dem Zweiten Weltkrieg und in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde Gemünden für viele Flüchtlinge und Aussiedler aus der damaligen Sowjetunion zur neuen Heimat. Zwei Jahrhunderte zuvor hatte die Aussiedlung in umgekehrter Richtung begonnen: Viele Deutsche verließen das Heimatland und siedelten sich in Russland an, darunter auch Familien aus Gemünden und Obersinn.
Auf so genannten Ulmer Schachteln,       -  Auf so genannten Ulmer Schachteln, einfachen Transportbooten mit
wenig Tiefgang, fuhren die Aussiedler auf der Donau zu den
Siedlungsgebieten der Deutschen in Russland.
Auf so genannten Ulmer Schachteln, einfachen Transportbooten mit wenig Tiefgang, fuhren die Aussiedler auf der Donau zu den Siedlungsgebieten der Deutschen in Russland. Foto: REPRO FERDINAND HEILGENTHAL
Bevor die Siedler ihre neue Heimat in den Kolonien an der Wolga, im Schwarzmeergebiet oder dem Südkaukasus erreichten, hatten sie nach einem tränenreichen Abschied von den Angehörigen eine monatelange beschwerliche und gefährliche Reise vor sich, die für manch einen nicht zum erträumten Ziel führte.

 

In Tagebüchern beschreiben die Reisenden, die in vielen Fällen in ihrem bisherigen Leben nicht über die eigenen Dorfgrenzen hinausgekommen waren, ihre Eindrücke von den fremden Städten, Kulturen und Lebensgewohnheiten, die ihnen auf ihrer Land- und Flussreise begegnen.

Strapazen und Krankheiten konnten sie ebenso wenig aufhalten wie korrupte Beamte und betrunkene Schiffsleute. Mit Gottvertrauen und dem Wunsch nach einem besseren Leben für sie und ihre Nachkommen zogen sie weiter nach Osten. Die Briefe an die Angehörigen in der alten Heimat geben einen realistischen Einblick in die alltägliche Mühsal einer mehrmonatigen Reise in der damaligen Zeit.

"Die Landteile, durch die wir reisen, sind alle so ergiebig, von Wien bis daher, so dass wir uns verwundern mussten. "

Johann Christoph Bidlingmaier Aussiedler aus Oetlingen

Die ersten Reiserouten gingen über Lübeck, weiter auf dem Schiff nach Petersburg und von dort an die Wolga. Manche kamen auch auf dem beschwerlicheren Landweg in die neuen Kolonien. Später war die Donau der Hauptreiseweg, auf der die "Ulmer Schachteln" fuhren. Das waren flache, bis zu 30 Meter lange Transportschiffe mit einer einfachen Schutzhütte in der Mitte, die bis zu 300 Passagiere aufnehmen mussten.

Durch deutsche, österreich-ungarische und türkische Lande führte die über 2500 Kilometer lange Reise in drangvoller Enge vorbei an Städten und Festungen bis an die Flüsse der Schwarzmeerküste, wo oft noch ein kräftezehrender Landmarsch auf die geschwächten Neusiedler wartete. Pass- und Zollkontrollen gehörten ebenso zum Alltag wie Proviantaufnahme, schlechtes Wetter und ansteckende Krankheiten, die viele Todesopfer forderten.

Wochenlang unter freiem Himmel

So ist in einem Reisebericht aus dem Jahr 1817 unter anderem zu lesen: "Bei dieser ersten russischen Stadt Ismail (heute Ismaijl, Ukraine) mussten wir sieben Wochen unter freiem Himmel Quarantäne halten, bekamen jedoch täglich auf des Kaisers (des russischen Zaren) Befehl Brot, Mehl, Fleisch, Butter, Reis, Gerste, Kaffee und Zucker, auch Wein, Branntwein, Weinessig, Baumöl und Seife. An Arzt und Arzneien fehlte es auch nicht, aber die Nerven- und andere Fieber, gelbe und rote Ruhr, große Geschwüre an Kopf und Hals wüteten heftig. Dem Höhn (Familienname) starben zwei Kinder, Anne und Marie-Rosine, seinem Schwager Hörter vier, Andreas, Johannes, Anne-Elisabethe und der erst in Galatz (auf der Reise) geborene Daniel. Auch der Strumpfweber Jakob Nagel und sein Weib. In Ismail allein sollen 1328 Emigranten schon begraben liegen".

Allerdings staunten die Deutschen auch über die Fruchtbarkeit des Bodens und das reichhaltige Nahrungsmittelangebot. So schrieb Johann Christoph Bidlingmaier von Oetlingen 1820 bei seiner Reise Donau abwärts: "Alles ist hier wohlfeiler; das schönste Pfund-Brot kauften wir um 1 Kreuzer und etwa um 1 Pfennig; die Maß Wein, wie Branntwein für 6 bis 8 Kronen. Wir dachten und sagten oft: Wenn wir euch nur mitteilen könnten in eurem Mangel. Die Landteile, durch die wir reisen, sind alle so ergiebig, von Wien bis daher, so dass wir uns verwundern mussten. Viele Gegenden haben wir angetroffen, wo die Weinstöcke in Gebüschen stehen, wo sie also ihren Wein erhalten, ohne gepflanzt."

Bescheidener Wohlstand

Waren die Strapazen überstanden, ging es den Aussiedlern in der Regel nicht schlecht, was die Berichte ebenfalls belegen. Die Versprechungen des Zarenhauses wurden eingehalten und der fruchtbare Boden sowie das bäuerliche und handwerkliche Geschick der Siedler ließen in kurzer Zeit einen bescheidenen Wohlstand entstehen. Die Neusiedler wurden von den vor ihnen Angekommenen unterstützt und gründeten Dörfer, bauten Kirchen und pflegten ihre deutsche Kultur.

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