Blutdurst und Exzesse

Lohr In den letzten Wochen des 2. Weltkrieges, als eigentlich auch den überzeugtesten Nazi klar sein musste, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, zeigte der Nationalsozialismus noch einmal ungeschminkt sein brutales Gesicht. Mit dem Wüten der Standgerichte befasste sich ein Vortrag von Dr. Monika Schmittner aus Goldbach, zu dem am Donnerstag Spessartmuseum und Volkshochschule eingeladen hatten.
Eine Gedenktafel auf dem Marktheidenfelder       -  Eine Gedenktafel auf dem Marktheidenfelder Altstadtfriedhof erinnert an
Männer, die in den letzten Kriegstagen an Ostern 1945 einen
gewaltsamen Tod fanden.
Eine Gedenktafel auf dem Marktheidenfelder Altstadtfriedhof erinnert an Männer, die in den letzten Kriegstagen an Ostern 1945 einen gewaltsamen Tod fanden. Foto: FOTO JULIA MEND
Die Historikerin hat sich durch Veröffentlichungen zu verschiedenen Aspekten der Regionalgeschichte einen Namen gemacht. Die "Torschluss-Massaker" stellten eine eigenständige Phase in der Geschichte des Nationalsozialismus dar, sagte sie und sprach von einer Atmosphäre von Lynchjustiz in einer Chaosgesellschaft, für die Wehrmacht und Gestapo verantwortlich waren. Schmittner sprach von "pathologischem Blutdurst und mörderischen Exzessen", die sich gegen das eigene Volk richteten.

 

Örtliche Standgerichte wurden ab 15. Februar 1945 eingerichtet. Sie hatten drei Möglichkeiten: Freispruch, Überweisung an ein ordentliches Gericht oder Verurteilung. Von der zweiten Möglichkeit wurde so gut wie nie Gebrauch gemacht. Opfer eines solchen Standgerichts wurde auch der Lohrer Dr. Carl Brand. Der Mord an dem Arzt, der den Amerikanern mit einer weißen Flagge entgegengehen wollte, um die Stadt kampflos zu übergeben, sei keine Tat eines Einzelnen gewesen, stellte die Referentin fest. Es habe aber offenbar wenigstens einen schwachen Versuch gegeben, die Hinrichtung zu verhindern. Durchkreuzt wurde diese Absicht durch einen Gefreiten der Feldgendarmerie, der mit fanatischem Eifer die Erschießung Dr. Brands betrieb.

In Aschaffenburg gab es den Fall des Leutnants Friedel Heymann aus Schweinheim. Der 20-Jährige war an der linken Hand verwundet und hielt sich als Genesender in seiner Heimat auf. Die Zeit seines Krankenurlaubs hatte er zum Heiraten genutzt. Die Ehe dauerte nur fünf Tage. Am 27. März 1945 wurde er festgenommen. Seine Frau beruhigte er mit dem Hinweis auf seine Papiere, die völlig in Ordnung waren.

Zum Tode verurteilt

Das hinderte ein Standgericht, das in der Aschaffenburger Jägerkaserne tagte, nicht daran, den hochdekorierten jungen Offizier wegen angeblicher Fahnenflucht, Wehrkraftzersetzung und Feigheit vor dem Feind zum Tode zu verurteilen. Am 28. März um 9 Uhr wurde Heymann in der Herstallstraße in Aschaffenburg öffentlich degradiert und gehängt. Die Leiche blieb tagelang hängen; seine junge Frau erfuhr davon erst Tage später im Luftschutzkeller.

Wie in vielen ähnlichen Fällen wurden die Beteiligten des Standgerichts-Verfahrens später zu bemerkenswert niedrigen Strafen verurteilt. Noch skandalöser war, dass es - wenn überhaupt - den Angehörigen der Opfern solcher Verfahren oft erst nach langjährigen Bemühungen gelang, die Rehabilitation der Ermordeten zu erreichen.

Ab dem 9. März 1945 wurden auch so genannte fliegende Standgerichte eingerichtet, Mordbanden in Uniform, die tatsächliche oder nur angebliche Deserteure, aber auch Zivilisten, die sich zu unvorsichtigen Äußerungen hinreißen ließen, verurteilten und meist sofort hinrichteten. Auf 7000 bis 8000 schätzt man die Zahl der Opfer dieser fliegenden Standgerichte.

Blutspur bis ins Sudetenland

Eines davon, das unter der Führung von Erwin Helm stand, zog eine Blutspur vom Rhein über den Odenwald und Franken bis ins Sudetenland. Auch in Heinrichsthal und Wiesen tauchte das Standgericht Helm auf. Ingesamt wurden ihm 26 Todesurteile nachgewiesen; dem stehen 32 Hinrichtungen gegenüber; in vielen Fällen machte man sich nicht einmal die Mühe, eines Verfahrens. Als Henker fungierte ein 19-jähriger Gefreiter. Die Opfer wurden meist gehängt.

Eine kritische Bemerkung zu einer Brückensprengung genügte Helm, den Landwirt Karl Weiglein in Zellingen an einem Baum vor seinem Haus aufhängen zu lassen.

In Marktheidenfeld wurden am Ostersonntag 1956 zwei unbekannte Soldaten auf dem Friedhof gefunden. Papiere und Erkennungsmarken fehlten. Erst 1953 kamen die Umstände des Mordes an das Tageslicht. Auch die beiden Soldaten waren Opfer des Standgerichts Helm geworden. Beteiligt waren auch der NS-Kreisleiter und ein HJ-Führer.

Zu den tragischsten Fällen gehörte auch der Fall des Leutnants Adalbert Kapperer. Der 25-jährige aus dem Aschaffenburger Stadtteil Schweinheim befehligte im Sudetenland eine Truppe kaum noch kampffähiger Soldaten. Weil er mit ihnen ohne ausdrücklichen Befehl ins Nachtquartier gegangen war, warf ihm Helm eine "grobe Dienstverletzung" vor. Das genügte für das Todesurteil.

1952 wurde Helm in der DDR verhaftet. Eine Auslieferung lehnten die dortigen Behörden ab, weil in der Bundesrepublik angeblich keine angemessene Bestrafung zu erwarten sei. Ein DDR-Gericht verurteilte ihn zwar zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe, aber schon 1956 wurde er auf Grund einer Amnestie begnadigt.

Sein Henker verarbeitete seine grausige Geschichte sogar zu einer Artikelserie in einer deutschen Zeitschrift, deren Wahrheitsgehalt allerdings recht gering war.

Erst dem energischen Einsatz des Aschaffenburger Bundestagsabgeordneten Hugo Karpf gelang es, zu erreichen, dass Leutnant Kapperer rehabilitiert wurde.

Erschütterte Zuhörer

Es war gerade die Schilderung von Einzelfällen, die die Zuhörer erschütterte. Eine lebhafte Diskussion schloss sich an. Dabei ging es unter anderem um die Frage, ob durch Zivilcourage der Bevölkerung der eine oder andere Mord zu verhindern gewesen wäre, und um die unzulängliche Aufarbeitung durch die Nachkriegs-Justiz.

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