WÜRZBURG

Bukowski-Abend: Großartig und ganz nah am Trash

Drei Reihen zusätzlicher Stühle waren nötig um die Besucher der Premiere des „Charles Bukowski-Abends“ im Würzburger Theater Ensemble unterzubringen. Dabei gelten die drastische Lyrik und die derbe Prosa des US-Autors mit deutsch-polnischen Wurzeln als etwas aus der Zeit gefallen.

Doch seine Underground-Lyrik und die Live-Musik hatten überraschenderweise den Würzburger Kultur-Untergrund Generationen- und Szenen-übergreifend mobilisiert und bescherten dem Off-Theater ein volles Haus.

Ausschließlich mit Original-Texten von Bukowski (1920-1994) beleuchtet das Regieteam Helga Wiesend und Norbert Bertheau schlaglichtartig typische Momente aus dem Leben des Autors und vielseitigen Gelegenheitsjobbers. Bertheau trägt überwiegend die lyrischen Passagen vor, während die Prosatexte dem Würzburger Maler Thomas Mehrländer vorbehalten sind.

Nicht nur weil er von seinem Äußeren schon alle Vorstellungen erfüllt, die man sich von einem Underground-Poeten macht oder von Bukowski-Fotos kennt, ist Mehrländer der Fixstern des Abends. Der vom Leben geprägte Körper, der schlurfende Gang, die verlangsamten, sparsamen Bewegungen, die raue, rauchige Stimme und die ungekünstelte Sprache sind der ideale Resonanzboden für die Themen zwischen Job-Erfahrungen und alltäglichem Überlebenskampf, Alkohol-Exzessen und Abenteuern mit Frauen: Es ist, als stünde Bukowski selbst auf der Bühne – und läse seine Texte in bestem und breitestem Fränkisch. Immer ganz nah am Trash, und doch einfach großartig.

Norbert Bertheau hat es da wesentlich schwerer: immer wieder greift er mit den poetischen Texten die wechselnden Rhythmen der dreiköpfigen Band auf, mal im harten Rock-Stakkato, mal im breiteren Rap-Tempo, mal solo und dann wieder im Dialog oder überlagert von der Live-Musik. Überhaupt die Musik – sie ist mehr als illustratives Beiwerk, sondern ein ganz und gar eigenständiges Element des Abends. Angetrieben von Chico Vorgels furiosem Post-Punk-Schlagzeug verwandeln Bassist Rüz Löser (zusätzlich auch Drums) und Gitarrist Ralf Stövesandt (gelegentlich auch mit seiner „singenden Säge“) das Theater in einen Underground-Keller, in dem wohl auch Bukowski gerne trinkender Gast gewesen wäre.

Rund zehn Jahre nach der erstmaligen Aufführung beweist das Theater Ensemble mit seinem Bukowski-Abend: auch der Würzburger Kultur-Underground lebt weiter, auch wenn das vor 30 Jahren gegründete, zuletzt ebenfalls auf dem Bürgerbräu-Gelände beheimatete Kulturzentrum längst tot ist. Bis zum 11. Februar, jeden Freitag und Samstag. Karten: Tel. 4 45 45

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