WÜRZBURG

Bunte Kirchentags-Atmosphäre

Neudeck
In der Augustinerkirche: Friedensaktivist Rupert Neudeck kritisiert das deutsche Asylrecht scharf. Foto: Daniel Peter

Der Zuspruch für die ökumenische Nacht der offenen Kirchen hält unvermindert an. Rund 3500 Menschen kamen nach Schätzung der Organisatoren zu den Veranstaltungen am Freitag. Neben zahlreichen Angeboten wurde auch ein aktuelles gesellschaftlich-politisches Thema angesprochen: die Flüchtlingsproblematik. Für die unzähligen ehrenamtlichen Helfer fand Rupert Neudeck, Gründer von Cap Anamur, anerkennende und lobende Worte, für das Asylgesetz harsche Kritik.

Freitagabend in der Innenstadt: Die Glocken vieler Kirchen läuteten zu einer ungewöhnlichen Zeit um 19 Uhr. Die Kirchentore standen weit offen und viele Gotteshäuser waren in besondere Lichtnuancen getaucht. Außerdem ließen romantische Arrangements mit Kerzen und Teelichtern die Besucher Kirche einmal ganz anders erleben. Viele Menschen machten sich auf den Weg – keineswegs nur regelmäßige Kirchgänger. Die Besucher konnten zu jeder Zeit jeden Kirchenraum betreten, sich umsehen, mitsingen, Melodien und Worten lauschen und nach Belieben weiterziehen zum nächsten Gotteshaus.

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Nacht der offenen Kirchen

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„Es herrscht hier eine Kirchentags-Atmosphäre“, schwärmte eine Besucherin. „Man kommt leicht ins Gespräch mit Unbekannten, diskutiert kurz und zieht weiter.“ Auch Mitorganisatorin Pfarrerin Susanne Wildfeuer war von der Stimmung begeistert. Es fasziniere sie immer wieder, wie sich die Stadt an diesem Tag verwandele. Über die „große Akzeptanz“ der Angebote auch unter jungen Leuten freute sich Mitorganisator Bruder Martin Koch. Dass Ordensleute verschiedener Herkunft in einer Kirche zusammenkommen, um den Abend gemeinsam zu gestalten, ist für ihn „ein großes Geschenk“.

Neudeck in der Augustinerkirche

19 Gotteshäuser beteiligten sich an der neunten Auflage der Nacht der offenen Kirchen unter dem Thema „Treffen Sie Gott und die Welt“. In der Augustinerkirche widmete man sich der Flüchtlingsproblematik. Dafür wurde Rupert Neudeck eingeladen. Der Gründer von Cap Anamur weiß, wovon er spricht. Neudeck verstand es, mit wenigen Worten ein paar wichtige Wahrheiten in Erinnerung zu rufen. So kritisierte er das deutsche Asylrecht scharf. Das „miserable, viel zu komplizierte“ Asylrecht müsse gekippt werden, da es nicht mehr zeitgemäß sei, sagte er unter Beifall der Besucher.

Für die meistern Flüchtlinge, die hier sind, sei es sehr wichtig zu wissen, ob sie hier sicher seien und ob sie hier bleiben dürften. Neudeck bemängelte, dass viele Flüchtlinge zum Nichtstun verurteilt würden. Dabei wäre die Möglichkeit zu arbeiten, eine wichtige Voraussetzung für die Integration. Hart ging er auch mit der im Asylrecht verankerten Residenzpflicht ins Gericht. „Die Flüchtlinge müssen doch das Recht haben, sich zu bewegen und zu arbeiten“, forderte er. Für die unzähligen ehrenamtlichen Helfer fand Neudeck nur warme, anerkennende und lobende Worte. Wenn nicht hunderttausende Menschen bereit wären, die nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge menschlich zu akzeptieren, ihnen eine Hand zu geben und ein freundliches Gesicht zuzuwenden, dann wäre die ganze Flüchtlingsaufnahme schon gescheitert. „Die Bürokratie allein hätte das nicht schaffen können.“ Neudecks Vortrag wurde vom Liedermacher Manuel Campos mit sozialkritischen Texten begleitet.

In der Augustinerkirche berichtete Oberbürgermeister Christian Schuchardt ergriffen vom Schicksal seiner Eltern bei der Flucht aus Ostpreußen zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Auch wenn viele sie für Exoten halten – sie selbst sehen sich nicht so. Als weltfremd erst recht nicht. Aber sind die Ordensleute tatsächlich so wie du und ich? In der Franziskanerkirche kitzelte Moderator Eberhard Schellenberger zum Teil witzige Antworten aus ihnen heraus. Am Podium standen Schwester Katharina Ganz, Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, Schwester Teresa Reulbach von den Ritaschwestern, Pater Michael Maaß von den Mariannhillern und Bruder Dieter Dahmen von der Christus-Bruderschaft in Triefenstein. Sie erzählten von ihrem Werdegang, ihren Hobbys und ihren Freunden außerhalb des Klosters. Ja, es sei schon eine andere Welt – das Leben hinter den dicken Klostermauern. Aber deswegen seien sie nicht von gestern, sagten sie augenzwinkernd.

Faszination Ostkirche

Von jeher haben die religiösen Bilder der Ostkirche eine besondere Faszination auf die Menschen ausgeübt. In der kleinen Kapelle der Catholica Unio lernten die Besucher Neues kennen. Archimandrit Pater Gregor Hohmann führte sie in die Welt der Ostkirche ein. Diese unterscheide sich erheblich von der westlichen Kirche allein durch die vielen Ikonen. „Die Ikonen spielen in der Frömmigkeit und in der Liturgie der Ostkirche eine große Rolle“, erläuterte der Augustinerpater.

Ikonen bildeten nicht ab, was man mit Augen sehe; vielmehr wollten sie sichtbar machen, was man nicht sehe. „Sie sind nicht einfach Dekoration, sondern Fenster in die jenseitige Welt.“

Die Kapelle am Grabenberg 2a wird von drei Gemeinschaften benutzt: Einer Gruppe von katholischen Christen, die den byzantinischen Ritus kennenlernen wollen. Für sie hält Pater Gregor als Vertreter der Catholica Unio Gottesdienst. Daneben teilen sich die orthodoxen rumänischen Christen in Würzburg den Raum mit den katholischen Ukrainern. Letztere haben zwar die Tradition der orthodoxen Kirche, erkennen aber den Papst als ihr Oberhaupt an.

Stimmungsvoller Abschluss

Laut den Organisatoren der Nacht der offenen Kirchen nahmen rund 200 Besucher am Abschlussgebet am Marktplatz teil. Bruder Martin hatte dazu das Volkslied „Der Mond ist aufgegangen“ gewählt. „Eigentlich war es als ein Solostück geplant, aber auf einmal haben alle mit eingestimmt und alle Strophen gesungen. Das war schön.“

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