WÜRZBURG

Casting fürs WG-Zimmer

Gefunden: Robin Fensky und Bettina Salmen in ihrer neuen Wohnung.s: Thomas Obermeier Foto: Foto

Robin Fensky und Bettina Salmen sind glücklich. Der 31-jährige BWL-Student im ersten Semester und die 29-jährige Medizinerin sitzen in ihrer neuen, 85 Quadratmeter großen Wohnung in der Sanderstraße. „Nach drei Monaten Wohnungssuche haben wir endlich einen Platz zum Rumtollen ganz in der Nähe der Fachhochschule gefunden, wo ich studiere“, sagt der gebürtige Hamburger. Bis die beiden ihren Mietvertrag unterschreiben konnten, hatten sie allerdings rund 90 Stunden im Internet verbracht.

Nach einem Monat hätten sie entnervt eine Anzeige in der Tageszeitung aufgegeben, erzählen sie. „Da kam nur Schrott, von irgendwo außerhalb“, sagt Bettina Salmen, die aus Traunstein stammt und lange in München gelebt hat. An einem „glücklichen, sonnigen Tag“ hätten sie dann gleich drei Angebote auf ihre Anfrage beim Internetportal „wg-gesucht.de“ bekommen. Die erste Wohnung hatte Mainblick, sei aber klein gewesen und ohne Balkon. Die zweite habe die Vormieterin schnell loswerden wollen, eigentlich sei sie schon vergeben gewesen. „Aber plötzlich war der Nachmieter verschwunden“, sagt Robin. „Da haben wir gleich in die Hand gespuckt und den Deal eingetütet.“

Vorstellungsrunde in der WG

Im Internet fündig geworden sind auch die 20-jährige Anja Meusel aus Ebermannstadt und ihre 19-jährige Mitbewohnerin Maria aus Forchheim, die Lehramt für Sonderpädagogik studiert. Zwei Monate läng hätten sie intensiv auf den verschiedenen Internetportalen nach einem Mitbewohner gesucht, berichtet Medienkommunikationsstudentin Anja. Klare Vorstellungen hatten die beiden: „Er muss sauber und zumindest etwas ordentlich sein. Außerdem sollte er auch mal mit uns etwas außerhalb der WG unternehmen. Wir wollten keine Zweck-WG.“ Ihren dritten Mann fanden sie eines Sonntags: „Am Mittag haben wir die Anzeige ins Netz gestellt, und am Abend hatten sich bereits 100 Interessenten gemeldet“, sagt Maria. „Fast jeder hat geschrieben, dass er gerne Sport macht und gerne kocht.“

Per Mail luden sie 30 Kandidaten ein, die sich mit kurzen, prägnanten Sätzen wie „Hey, ich will Euer Mitbewohner sein“ von den anderen Bewerbern abgehoben hätten. „Wir wollten jeden persönlich kennen lernen.“ 15 Stunden Zeit nahmen sie sich für das Casting. „Das Schlimmste war ein Meckerer, der an allem herumgenörgelt hat“, berichtet Anja. „Ein Anderer hat zwanghaft einen Witz nach dem anderen erzählt.“ Authentizität, Echtheit sei für sie ein wichtiges Auswahlkriterium gewesen. Die Nagelprobe: der Smalltalk auf einem Podest, dem einzigen „Möbelstück“ der Wohnung. „Wer es nicht gut gefunden hat, ist gleich rausgeflogen.“ Übrig blieben vier Kandidaten, mit denen die beiden Erstsemester gemeinsam ein Bier tranken. Dann stand der dritte Mitbewohner fest. „Falls die drei Anderen nichts finden, können sie die ersten zwei Wochen bei uns schlafen. Studi-Solidarität“, sagt Anja.

Auf studentische Solidarität ist auch noch der 19-jährige André Härterich aus Tübingen angewiesen, der seit diesem Semester Medienmanagement an der Fachhochschule studiert. Weil er erst am 3. Oktober im Nachrückverfahren einen Studienplatz in Würzburg erhielt und die FH-internen Kennenlerntage bereits am nächsten Tag begannen, blieb ihm für Wohnungsbesichtigungen erst nach einigen Tagen Zeit.

Als er in der ersten Wohnung im Frauenland eine Liste mit den Namen von etwa zehn Mitbewerbern sah, habe er schon die Hoffnung aufgegeben. Abends kam per SMS die Absage: „Guten Abend, ich hab’ das Zimmer leider an jemand anderen vergeben. Viel Glück bei der Suche.“

Prüfungssituation am Küchentisch

Im Frauenland machte André Härterich auch das erste Mal ein WG-Casting mit. Nach der Wohnungsbesichtigung habe ihn die Freundin seiner potenziellen Mitbewohnerin 20 Minuten lang „ganz banale Sachen“ wie „Was machst Du hier?“ gefragt. „Ich hab’ vor mich hingestammelt und wusste nicht so recht, was ich sagen soll“, berichtet der Student. „Die wollten wissen, ob ich ein Langweiler bin oder eine coole Socke. Wenn Du allein am Küchentisch sitzt und zwei Mädels Dich anstarren, ist das schon komisch.“

In dieser Prüfungssituation habe er sich bemüht, auf Anhieb sympathisch zu wirken – ohne sich großartig zu verstellen oder zu verbiegen. Geklappt hat es auch im zweiten Fall nicht. „Ich habe auch von Leuten gehört, die im vergangenen Jahr das gleiche Problem hatten und mehrere Wochen auf dem Campingplatz geschlafen haben“, sagt der FH-Student. Momentan übernachtet er noch bei einem Kumpel in Eisingen. Wählerisch ist er nicht mehr: „Ich würde gerade fast alles machen.“

GebotenAnja Meusel und Mitbewohnerin Maria führten für ihre WG ein aufwändiges Casting durch.
Gesucht: André Härterich auf Zimmersuche.

Schlagworte

  • Fachhochschulen
  • Internet
  • Semester
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!