Würzburg

Christbaum im Wandel: War früher mehr Lametta?

Früher konnten es nicht genug silberne Fäden sein, heute eher weniger: Wie sich Christbaumschmuck im Laufe der Jahrhunderte verändert hat und sich immer noch wandelt.
Wie das glitzert: Main-Post-Leserin Alexandra Haas bestaunt 1973 den Christbaum.  Foto: Haas

Kugeln? Strohsterne? Lametta? – Auch der Schmuck des Christbaumes ist Moden und Trends unterworfen. Inwiefern hat sich Weihnachtsschmuck in den letzten Jahrhunderten gewandelt? Und wie kommen solche Veränderungen zustande?  Das Glasmuseum Wertheim zeigt seit über zehn Jahren eine Ausstellung über historischen Christbaumschmuck. Museumsleiterin Marianne Tazlari erklärt im Gespräch mit dieser Redaktion, was es mit Traditionen und Trends beim Christbaumschmuck auf sich hat.

Frage: Was gehörte früher zur Weihnachtsdekoration?

Marianne Tazlari: Ganz am Anfang hingen Äpfel und Gebäck an den Christbäumen. Äpfel wurden dann durch rote runde Kugeln ersetzt. Vergoldungen an den Kugeln sollten an Jesus, den König der Juden, erinnern. Um die 1879er Zeit hat man in reichen Bürgerhäusern ganz feine Bäume geschmückt mit silbernen oder mit weißen Kugeln. Diese Kugeln waren mit hochwertigen Drähten verziert. Am Baum konnte alles Mögliche hängen - alles was gerade en vogue war. Zum Beispiel wurden Zeppeline aus Glas geblasen und mit Drähten verbunden. Die hängte man sich dann an den Weihnachtsbaum. Am Baum fanden sich also alle Wünsche, die man hatte, und alles, was man toll fand - Sehnsüchte.

Was gehört heute zum Weihnachtsschmuck?

Tazlari: Die einen mögen's traditionell und die andern mögen's eher witzig. Tannenbäume können ganz schräg geschmückt sein. Es gibt alles. Zum Beispiel Schlagersänger am Baum. Ein italienischer Christbaumschmuckmacher hat vor fünf Jahren Comicfiguren für den Baum hergestellt. Traditioneller Christbaumschmuck sind Nikolaus und Früchte, Äpfel, Glocken und Musikinstrumente.

Wie kommen beim Christbaumschmuck Trends zustande?

Tazlari: Trends fallen nicht vom Himmel, sondern entwickeln sich mit der jeweiligen Gesellschaft. Sie kommen schon 10 bis 15 Jahre früher zustande. Christbaumschmuck ist ein Zeitzeichen. Zur Zeit sehen viele Glasornamente orientalisch aus. Sie sind mit viel Gold verziert. Das ist sehr orientalisch-byzantinisch. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Schmuck etwas mit der Wende zu tun. 1989 kamen unsere russisch-deutschen Mitbürger aus dem Osten über die Grenze kamen brachten das mit, was sie kannten und schön fanden. Es gibt aber auch, im positiven Sinne gemeint, "Spinner", welche zum Beispiel der in den 68er Jahren entstandenen Nachhaltigkeitsbewegung nahestehen, die seit ein paar Jahren etabliert ist. Einzelne nahmen deren Ideen auf und auf einmal war das große Bedürfnis bei vielen da: Ich will das auch haben. Am Christbaum hängen inzwischen gläserne Bienen und Schnecken. 

Fotoserie

Weihnachten früher

zur Fotoansicht

Hat der Weihnachtsschmuck eine religiöse Bedeutung?

Tazlari: Weihnachten ist im vierten Jahrhundert nach Christus vom Heidentum übernommen worden. Genauer gesagt: Von der Sonnwendfeier, die am 21. Dezember gefeiert wird. Man hat dann den 24. Dezember als christliches Fest genommen. Weihnachten, wie wir es hier in der westlichen Welt feiern, ist also ein christliches Fest. Im Glasmuseum Wertheim haben wir aber auch einen islamischen Lichterbaum mit Gläsern aus Syrien und dem Iran. In den islamischen Kirchenhäusern, den Moscheen, gibt es sehr viel Licht, vor allem Öllampen aus Glas. Es steht eine Sure im Koran, die das Licht verherrlicht: Gott ist wie Licht in einem Glas.

Was hat Weihnachtsdekoration mit Prestige oder sozialem Status zu tun?

Tazlari: Die Idee, sich einen Christbaum ins Haus zu holen, kam von Kaiser Wilhelm. Bürger waren im Kaiserreich dem Adel sozial untergeordnet. Um 1900 war der Christbaum also für Bürger ein sehr großes Statussymbol. Schon früh, 300 nach Christus, hatte man Immergrün im Haus, aber keine Bäume. Man hängte sich grüne Wedel in die Ecke. Heute werden überall Christbäume aufgestellt. 3o Millionen Bäume werden für Deutschland geschlagen. Da kann man sich fragen: Wenn überall so viele Bäume stehen, macht es überhaupt Sinn, sich selbst einen zu kaufen? Heute freut man sich vor allem an den Lichtern. Und viele Menschen haben den Gedanken: Hier ist Licht, hier ist Leben, kommt herein!

Ein Ausblick: Was denken sie, wie wird sich Weihnachtsschmuck weiter entwickeln?

Tazlari: Ich weiß nicht, ob bald Roboter oder kleine Alexas am Baum hängen werden. Das Thema Natur und Pflanzenwelt wird sich sicher intensivieren, aber in anderen Formen als früher. Bananen, Orangen oder Gewürze empfinden wir heute nicht mehr als exotisch. Das haben wir ja alles und diese Dinge sind für uns selbstverständlich. Aber vielleicht werden bald Getreidebüschel als Glasschmuck an den Christbaum gehängt. 

Die historischen Fotos haben Leser an die Redaktion geschickt. Für alle veröffentlichten Fotos gibt es als Dankeschön das soeben erschienene Buch "Würzburger Geheimnisse 2". Die Bücher werden in den nächsten Tagen zugeschickt.

Rückblick

  1. Anzeige: Händler verbrennt rund 100 Christbäume
  2. Lohrer Weihnachtsmarkt auf dem Prüfstand: Künftig am Schlossplatz?
  3. Das Wipfelder Weihnachtshaus der Familie Schneider leuchtet hell in dunkler Nacht
  4. Facebook & Instagram: Wettlauf der Netzwerke um die heilste Weihnachtswelt?
  5. Schöne Bescherung! Was ein ADAC-Helfer an Heiligabend alles erlebte
  6. Würzburger Adventskalender: Überraschung im Ausland
  7. Video: Tierische Weihnachtsgrüße aus Pflochsbach in die Welt
  8. Geburtstag an Weihnachten: Raclette fürs Kitzinger Christkind
  9. MSP-Wunschzettel: Nikolaus wünscht sich glückliche Menschen
  10. Würzburger Adventskalender: Salziger Schock  beim Plätzchenessen
  11. Stimmen Sie ab: Welches Essen darf an Heiligabend nicht fehlen?
  12. MSP-Wunschzettel: Ein Job, ein Bett und inneren Frieden
  13. MSP-Wunschzettel: Gegen den Welthunger und für genussvolles Essen
  14. Wie Holzschnitzer Metz die Rhön in die Weihnachtskrippe holt
  15. Guter Baum, böser Baum? Was los ist, wenn man sorglos dekoriert
  16. Statt Festtagsbraten: Unser Weihnachtsmenü zum Nachkochen
  17. Segnitz: Das weihnachtliche Miniatur-Wunderland in der Scheune
  18. Würzburger Adventskalender: Statt Christkind kommen die Trolle
  19. 7 Tipps für stressfreie Weihnachten
  20. Wie einsame Menschen in Würzburg gemeinsam Weihnachten feiern
  21. Würzburger Adventskalender: Was unbedingt  in die Krippe gehört
  22. Würzburger Adventskalender: Getrübte Stimmung bei der Bescherung
  23. Würzburger Adventskalender: Als das Christkind vom Himmel kam
  24. Würzburger Adventskalender: Letzte Rettung im Dönerladen
  25. Würzburger Adventskalender: Bei Weihnachten ist weniger mehr
  26. Würzburger Adventskalender: Was Weihnachten eigentlich bedeutet
  27. Plätzchen backen mit Amanda: Lieblingsrezepte der Nilpferddame
  28. Wenn der Adventskranz von Haus zu Haus wandert
  29. Würzburger Adventskalender: Turbulentes Fest im neuen Haus
  30. Würzburger Adventskalender: Aufregung im Weihnachtsflieger
  31. Winterdorf im Dornheim: Eisstockschießen im Biergarten
  32. Würzburger Adventskalender: An Heiligabend ins Schwimmbad
  33. Würzburger Adventskalender: Weihnachten vor über 70 Jahren
  34. Würzburger Adventskalender: Heiligabend auf der Intensivstation
  35. Quiz: Kennen Sie die Weihnachtstraditionen der Welt?
  36. Die Tücken des Geschenk-Gutscheins
  37. Weihnachten: Warum wir Stille brauchen
  38. Würzburger Adventskalender: Als Benno sich den Braten schnappte
  39. Würzburger Adventskalender: Warum es nicht lohnt, brav zu sein
  40. Marktheidenfelder Weihnachtsmarkt: Ein Lichterfest zum Start
  41. Würzburger Adventskalender: Als Nikolaus mit der Eisenbahn kam
  42. Würzburger Adventskalender: Der Nikolaus kommt in Opas Schuhen
  43. Würzburg Adventskalender: Wer in Wahrheit der Nikolaus war
  44. MSP-Wunschzettel: Nichts, was man kaufen und einpacken könnte
  45. Die blinde Verena Bentele weiß, wie das Christkind riecht
  46. Die schönsten Weihnachtsfilme: Wählen Sie Ihren Favoriten!
  47. Alles, was Sie zum Röttinger Winterzauber wissen müssen
  48. Autoverlosung Bad Neustadt: 3500 Lose sind bereits verkauft
  49. Wann läuft Sissi an Weihnachten 2019 im TV?
  50. 50 500 Lampen: So entstand das Weihnachtshaus in Veitshöchheim

Schlagworte

  • Würzburg
  • Kathrin Lang
  • Christbaumschmuck
  • Christentum
  • Glasmuseen
  • Islam
  • Kugeln
  • Weihnachten
  • Wilhelm
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
1 1
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!