Höchberg

Corona: Warum es unfair wäre, am Abi-Termin festzuhalten

Romy Baierlipp, 18 Jahre alt, Abiturientin aus Höchberg.
Romy Baierlipp, 18 Jahre alt, Abiturientin aus Höchberg. Foto: Dirk Baierlipp

Im Januar meinte meine Mutter noch: „Da gibt es jetzt ein Virus, das heißt ,Corona', aus China.“ Das Virus hat sich rasend schnell verbreitet. Immer mehr wurde verboten und geschlossen, bis hin zu den Schulen. Das öffentliche Leben wurde eingedämmt und die Ausgangsbeschränkungen verkündet. Die Welt in den Händen des Coronavirus. Niemand weiß genau, wie es weitergehen soll und was noch alles auf uns zukommt.

Die Situation ist sehr ernst, das ist mittlerweile hoffentlich allen bewusst. Trotzdem muss das Leben irgendwie weitergehen, denn es gibt auch ein Leben nach Corona. Hunderttausende Schüler fragen sich nun: „Schulabschluss 2020 – wie soll das gehen?“. Auch ich gehöre dazu. Bisher sind in Bayern die Abitur-Termine lediglich nach hinten verschoben. Wie aber soll es funktionieren, dass wir am 20. Mai unsere erste Abiturprüfung haben? Die Corona-Pandemie wird, allen Prognosen nach, zum Zeitpunkt der Prüfungen noch nicht eingedämmt sein.

Seit einigen Tagen ist nun eine Petition von zwei Hamburger Schülerinnen im Umlauf. Es geht darum, dass das Abitur 2020 ein sogenanntes Durchschnittsabitur werden soll – ein Abschluss ohne Abiturprüfungen also, basierend auf den bis zum Zeitpunkt der Schulschließung erbrachten Leistungen. Dazu soll der Durchschnitt der 32 bis 40 Halbjahresergebnisse errechnet und als Abiturnote festgelegt werden. Wenn man sich verbessern möchte, soll man die Möglichkeit erhalten, in einem seiner gewählten Abiturfächer eine mündliche Prüfung per Online-Videocall abzulegen. Viele halten das für eine Unverschämtheit. Man könne den Schülern doch nicht einfach ihr Abitur „hinterherwerfen“, das sei völlig unverdient.

Nein – es wäre keineswegs ein ungerechter und „hinterhergeworfener“ Abschluss. Unfair wäre es, wenn ich 2020 mein Abitur schreiben müsste. Die Schulen wurden abrupt geschlossen, abiturrelevante Themen wurden nicht mehr durchgenommen, es fehlen Wiederholungen und Vertiefungen im Unterricht. Nachhilfe oder Intensivkurse können nicht stattfinden. Unsere Lehrer schicken uns teils unkommentiert Themen und Aufgaben zu – das ersetzt auf keinen Fall den normalen Unterricht. Außerdem habe ich momentan wirklich andere Sorgen, als für meine Abiprüfungen zu lernen.

Die ungewisse Situation stellt für viele von uns eine psychische Belastung dar. Bei manchen gibt es Risikopatienten in der Familie, um die sie sich kümmern müssen. Oder aber die Familie hat durch die enormen wirtschaftlichen Umstellungen finanzielle Sorgen. Gleichzeitig sollen wir für unsere Abiturprüfungen lernen? Diese Prüfungen beeinflussen den jeweiligen Notendurchschnitt maßgeblich. Mit diesem Notendurchschnitt werde ich mich später bewerben. Das kann nicht sein.

Wir müssen gerade alle einander helfen und füreinander da sein. Soll ich da wirklich fürs Abitur lernen? Oder sollte ich nicht lieber versuchen, mich sozial zu engagieren? Diese Frage ist leicht zu beantworten: Ich helfe beispielsweise, wie viele andere auch, Risikogruppen, große Menschenmassen möglichst zu vermeiden und gehe für sie einkaufen. Das erscheint mir derzeit wichtiger als für mein Abitur zu lernen. So kann ich vielleicht Leben retten.

Ein anderer wichtiger Punkt: Es wird völlig selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass jede Schülerin und jeder Schüler zu Hause technisch bestens ausgestattet ist und somit Zugriff auf die Online-Angebote der Schule hat. Was, wenn dies bei einigen von uns nicht der Fall ist? Wie soll man dann bearbeiten, was man an Aufgaben zugeschickt bekommt? Auf all diese Fälle wird derzeit keinerlei Rücksicht genommen.

Ich selbst habe Glück: Mein Vater hat sein Büro in unserem Haus. Somit habe ich Zugriff auf Rechner, Drucker, Scanner, beste Internetanbindung und genug Raum, mich mit meinen Materialien auszubreiten. Was aber machen Schüler, die keinen Computer zu Hause haben oder keinen Internetanschluss? Ja, auch das gibt es noch. Darauf scheint niemand Rücksicht zu nehmen.

In den Medien werden meist die Schulen gezeigt, an denen alles reibungslos funktioniert und an denen der Online-Unterricht scheinbar sogar besser funktioniert als der normale. Die meisten Schulen sind aber noch längst nicht auf einem aktuellen technischen Stand. Zudem liegt der Erfolg des Online-Unterrichts auch an der jeweiligen Lehrkraft. Nicht alle Lehrer nehmen die Sache gleich ernst oder machen sie gleich gut, was ihnen auch nicht zu verübeln ist. Denn die Situation ist auch für sie eine noch nie dagewesene.

Als letzten, aber nicht minder wichtigen Punkt will ich auch den Aspekt der Virus-Verbreitung ansprechen. Es ist nicht außer Acht zu lassen, wenn deutschlandweit etwa 350.000 Schüler in Bus und Bahn zu ihren Schulen kommen, dort dieselben Toiletten benutzen, Stifte tauschen und sich zu mehreren in einem Raum aufhalten. Dass die Virus-Verbreitung so nicht unbedingt gestoppt wird, steht wohl außer Frage.

Das Abitur 2020 kann und sollte nicht wie geplant stattfinden. Wir befinden uns in einer außergewöhnlichen Situation, für die es eine neue, flexible Lösung braucht. Gerade Bayern, das einen hohen Anspruch an die Qualität seiner Bildung und Bildungsabschlüsse hat, steht hier vor einer großen Herausforderung.

Dieser Gastbeitrag stammt von der 18-jährigen Abiturientin Romy Baierlipp aus Höchberg.

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