Würzburg

Corona: Würzburger Gesundheitsamt bereits am Limit?

Der Corona-Hotspot in Unterfranken ist die Region Würzburg. Stößt dort das Gesundheitsamt deshalb an seine Grenzen? Ein Fall in Reichenberg lässt das vermuten.
Symbolfoto Corona Foto: Wolfgang Kumm, dpa

Die Corona-Pandemie bringt die Gesundheitsämter an ihre Belastungsgrenze. Dies zeigt ein Fall in der Gemeinde Reichenberg im Landkreis Würzburg. Seit vergangenen Samstag ist klar: Auch eine Person, die sich ehrenamtlich als Wahlhelfer am 15. März engagiert hatte, ist mit dem Coronavirus infiziert. Unklar ist, ob die Person am Tag der Kommunalwahl bereits das Virus in sich trug und ob sie andere an diesem Tag angesteckt hat. Klar ist: Sie hatte am Wahltag mit vielen Menschen Kontakt. Mit einigen auch engeren.

Dem Bürgermeister der Gemeinde Reichenberg, Stefan Hemmerich, war klar: "Jetzt ist schnelles Handeln gefordert." Noch am Samstag habe er deshalb mit dem Leiter des Würzburger Gesundheitsamtes, Johann Löw, telefoniert. Dieser habe ihm mitgeteilt, dass es derzeit nicht mehr möglich sei, Kontaktketten weiter zu verfolgen oder Tests durchzuführen. Die Kapazitäten seien erschöpft. Der Bürgermeister solle nichts unternehmen und niemanden informieren. Erst bei weiteren Personen mit Symptomen könne man reagieren.

Bürgermeister warnt am Sonntag 30 Kontaktpersonen per Telefon

Ein Schock für den Bürgermeister. Einerseits habe er "volles Verständnis für die Notsituation und die Überlastung der Gesundheitsämter". Andererseits, so Hemmerich, wenn man jetzt aufhöre, Infektionsketten nachzugehen, habe man in kürzester Zeit ein Vielfaches an Infizierten. "Es ist doch wichtig, Betroffene möglichst schnell zu informieren, damit sie sich richtig verhalten. Sonst tragen sie das Virus unwissend in Beruf oder Familienkreis weiter, vielleicht sogar an Menschen aus Risikogruppen." So holte sich Hemmerich gleich am nächsten Tag die telefonische Erlaubnis des Amtsleiters, Kontaktpersonen selbst ermitteln und informieren zu dürfen. Er telefonierte am Sonntag mit rund 30 Menschen, die Kontakt mit der infizierten Person hatten. "Ich habe sie sozusagen selbst in Quarantäne geschickt", so der Bürgermeister.

Dieser Fall steht im Gegensatz zur täglichen Pressemitteilung des Würzburger Gesundheitsamtes an die örtlichen Medien, in der die Zahlen der bestätigten Neu-Infektionen des jeweiligen Tages genannt werden. Dort heißt es, das Gesundheitsamt ermittele "wie gewohnt routiniert" die Kontaktpersonen und mögliche Infektionsketten. Die Redaktion hatte das Gesundheitsamt um eine Stellungnahme gebeten. Eine Sprecherin des Amtes teilte am Mittwoch mit, man wisse um den Reichenberger Fall und werde die Kontaktpersonen noch ermitteln. Dies sei bislang aufgrund der personellen Auslastung des Amtes aber noch nicht geschehen. Hilfreich wäre, wenn sich Menschen, deren Testergebnis positiv ausfällt, im Vorfeld des Gesprächs mit dem Mitarbeiter des Gesundheitsamts selbst eine Liste der Menschen erstellen, mit denen sie engeren Kontakt hatten.

Gesundheitsamt wird personell aufgestockt

Seit Montag wird das Würzburger Gesundheitsamt personell aufgestockt, sowohl in der Verwaltung, als auch bei den Ärzten. Mitarbeiter arbeiteten seit Ende Februar an ihrer Belastungsgrenze, teils bis zu 14 Stunden am Tag, heißt es in einer Pressemitteilung. Zwischen fünf und 50 Namen würden dem Ermittler-Team pro Telefonat mit einem neuen bestätigten Covid-19-Fall genannt. Ein Teil davon wird als "Kontaktperson der Kategorie I" eingestuft. Laut Definition des Robert-Koch-Instituts sind dies Menschen aus demselben Haushalt oder medizinisches Personal. Denn sie tragen ein höheres Infektionsrisiko. Diese Personen werden telefonisch informiert. Die Angerufenen seien "dankbar für die Klarheit", auch wenn sie sich anschließend 14 Tage in häusliche Quarantäne begeben müssten, so das Amt.

Dass es offenbar längst nicht mehr in jedem Fall so läuft, zeigt der Reichenberger Fall. Die Gemeinde mit ihren fünf Ortsteilen hat jetzt beschlossen, am kommenden Sonntag keine ehrenamtlichen Wahlhelfer mehr einzusetzen. Die Briefwahl wird komplett von Verwaltungspersonal und deren Ehepartnern ausgezählt.

In fünf Tagen doppelt so viele bestätigte Corona-Fälle
In Unterfranken hat sich die Zahl der bestätigten Coronafälle innerhalb von fünf Tagen fast verdoppelt. Hatten sich bis vergangenen Freitagabend nachweislich 358 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, waren es am Mittwochabend bereits 684. In Stadt und Landkreis Würzburg stieg die Zahl der bestätigten Neu-Infektionen im gleichen Zeitraum von 166 auf 297. Elf Menschen sind im Würzburger Seniorenheim St. Nikolaus am Coronavirus gestorben.
Bayernweit schnellte die Zahl in fünf Tagen von 3107 auf 7289 nach oben; deutschlandweit von 14 000 auf 31 554. Ohne Gegenmaßnahmen, so viele Experten, wäre unser Gesundheitssystem bald schon überlastet. Denn ein Infizierter steckt im Schnitt drei weitere Menschen an.
In ganz Deutschland gibt es 28 000 Intensivbetten. In Bayern sind es nach einer Schätzung der Bayerischen Krankenhausgesellschaft etwa 4000. Weitere Intensiv- und Beatmungsstationen werden gerade eingerichtet.
In unterfränkischen Krankenhäusern werden derzeit mehr als 40 Corona-Erkrankte stationär behandelt, die meisten von ihnen in Würzburg und Aschaffenburg. Mindestens 14 Menschen liegen auf der Intensivstation.

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