WÜRZBURG

Damit auch Blinde studieren können

Einsatz für für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung: Sarah Munz (rechts) engagiert sich im neuen Unterstützungsdienst für blinde Studierende, den Sandra Ohlenforst von der Kontakt- und Informationsstelle KIS an der Uni Würzburg aufgebaut hat.
Einsatz für für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung: Sarah Munz (rechts) engagiert sich im neuen Unterstützungsdienst für blinde Studierende, den Sandra Ohlenforst von der Kontakt- und Informationsstelle KIS an der Uni Würzburg aufgebaut hat. Foto: Pat Christ

Behinderungen, die man gar nicht sieht, können problematischer sein als Handicaps wie eine Querschnittlähmung. „Die Studierenden trauen sich dann oft nicht, einen Nachteilsausgleich zu beantragen“, sagt Sandra Ohlenforst von der Würzburger Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS). 130 Studentinnen und Studentinnen wandten sich heuer bereits an sie. 85 Prozent davon mit einer unsichtbaren, chronischen Erkrankung der Psyche.

„Wer nicht betroffen ist, kann oft nicht verstehen, was eine Beeinträchtigung bedeutet.“

Sandra Ohlenforst, Kontakt- und Informationsstelle

Viele Dozenten in Würzburg legen die Studienordnung großzügig aus, damit auch Studierende mit Handicap Prüfungen schaffen: „Die Universität Würzburg steht gut da“, so die aus Aachen stammende Soziologin und Psychologin, die KIS seit April 2010 leitet. Den Studierenden, die zu ihr kommen, macht sie Mut, frühzeitig zum Beispiel eine Zeitverlängerung bei Klausuren oder Hausarbeiten zu beantragen: „Manche trauen sich nicht, da sie befürchten, man würde ihnen unterstellen, dass sie nur einen Vorteil suchen.“ In seltenen Fällen ist die Angst berechtigt, da Dozenten tatsächlich zweifeln, ob der Nachteilsausgleich gerechtfertigt ist. Dann vermittelt Ohlenforst.

Behindertenfreundlichkeit darf für die 36-Jährige kein Akt besonderer Humanität, sondern sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Gleichzeitig versteht die KIS-Leiterin, dass es Probleme zwischen Menschen mit und solchen ohne Behinderung gibt: „Wer nicht betroffen ist, kann oft nicht verstehen, was eine Beeinträchtigung bedeutet.“ Auch Sandra Ohlenforst hat eine unsichtbare chronische Krankheit. 16 Mal schon wurde sie wegen schwerwiegender orthopädischer Probleme im Schulterbereich operiert. Ihr offizieller Grad der Behinderung beträgt 60 Prozent. „Mir ist klar, dass man mir dies nicht ansieht“, sagt die stets freundliche, jedoch resolute Frau.

Seit sie in Würzburg ist, wurde noch keine ihrer Forderungen kategorisch abgelehnt. Im Gegenteil. Ohlenforst erreichte viel. So ist es seit ihrem Amtsantritt möglich, dass behinderte Studierende eine Leihfristverlängerung erhalten. Aktuell baut sie einen Unterstützungsdienst für blinde Studierende auf. Ohlenforst: „Eine der Psychologie-Studentinnen an der Uni ist vollkommen erblindet. Alles Material aus den Vorlesungen bereiten wir für sie auf.“

Ganze Bücher werden eingescannt, damit die junge Frau über die Sprachausgabe ihres Computers lernen kann. Sarah Munz, studentische Mitarbeiterin bei KIS, ist hierfür abgestellt.

Im AK Barrierefreiheit der Studierendenvertretung, in dem sich Munz außerdem engagiert, kreisen die aktuellen Diskussionen um bauliche Barrieren an der Universität. Viele Gebäude sind alt und für Studierende mit Handicap schwer zugänglich. Doch auch hier hat Sandra Ohlenforst einiges erreicht: „Heuer noch wird es eine Behindertentoilette an der Uni am Sanderring geben.“ Und das Geographiegebäude am Hubland erhält einen Treppenlift. Für Tanja Kempf von der Schwerbehindertenvertretung der Uni wäre es schön, wenn auch die Cafeteria der Uni am Sanderring für sie als Rollstuhlfahrerin zugänglich wäre: „Das scheitert leider am historischen Gebäude.“

Von der Finanzierung durch Studiengebühren loszukommen, das wäre Sandra Ohlenforsts wichtigster Wunsch für die Zukunft der Kontakts- und Informationsstelle: „Derzeit werden wir etwa zur Hälfte aus Studiengebühren finanziert. Und keiner weiß, was passiert, sollten die Beiträge tatsächlich abgeschafft werden.“ Nach Ansicht der Soziologin müsste der Freistaat dafür sorgen, dass KIS dauerhaft gesichert wird und Planstellen geschaffen werden.

An der Universität Würzburg, so ein weiterer Wunsch, sollte es schließlich einen Topf geben, aus dem Studienassistenzen finanziert werden können. Hierfür stehen augenblicklich keinerlei Mittel zur Verfügung.

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