WÜRZBURG

Damit die Angst nicht siegt

Beate Beyrich ist eine der Leiterinnen der „Frauenselbsthilfe nach Krebs“.
Beate Beyrich ist eine der Leiterinnen der „Frauenselbsthilfe nach Krebs“. Foto: Patty Varasano

Zwölf Jahre ist es her, dass bei Brigitte Keller Brustkrebs diagnostiziert wurde. Eine lange Zeit. In der sie sich intensiv mit ihrer Krankheit auseinandergesetzt hat. Allmählich könnte sie beginnen, sich stärker anderen Themen zu widmen. Doch das will die 55-Jährige nicht. Durch ihr Engagement in der Würzburger Gruppe „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ vergeht fast kein Tag, an dem sie es nicht mit der Thematik „Brustkrebs“ zu tun hätte. Denn Keller berät ehrenamtlich neu betroffene Frauen.

Seit Mai 2010 gibt es die Gruppe, die sich einmal im Monat in der Würzburger „Villa Kunterbunt“ trifft. Der Zulauf ist groß. Bis zu 25 Frauen zwischen 38 und 65 Jahren kommen jeweils zusammen, um sich mit Themen wie „Lebenslust“ und „Sterbeangst“ sowie mit Methoden der Tumorbehandlung und Entspannungsübungen zu beschäftigen.

Dass die Gruppe existiert, ist einem flüchtigen Moment im Sommer 2008 auf dem Würzburger Hauptbahnhof zu verdanken. Brigitte Keller war auf dem Weg nach Magdeburg, wo sie an der Bundestagung des deutschlandweiten Netzwerks „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ teilnehmen wollte. Neben ihr stand eine Dame, die sich von einem Verwandten verabschiedete: Dabei fiel das Stichwort „Magdeburg“.

Initialzündung am Bahnhof

Beherzt sprach Brigitte Keller die Mitreisende an: Ob sie auch zu der Krebstagung fahren würde? Die bejahte. Dieser Moment war nicht nur der Beginn einer Freundschaft. Sondern auch der Keim für die Würzburger Gruppe.

Beate Beyrich, so hieß die Mitreisende, hatte vor 14 Jahren die Diagnose Brustkrebs erhalten. Bei beiden Frauen steht der Verdacht im Raum, dass es sich um eine genetisch bedingte Brustkrebs-Form handelt könnte. Beide hatten die Diagnose als tiefen Einschnitt in ihren Alltag erlebt. „Ich kannte bis dahin auch niemanden, der ebenfalls diese Brustkrebsform hat“, sagt Keller. Ganz alleine suchte sie nach Informationen, die ihr helfen könnten, gut mit ihrer Erkrankung umzugehen. Diesen Prozess will sie anderen Frauen ersparen.

Auf der Tagung in Magdeburg beschlossen sie und Beate Beyrich deshalb, eine Anlaufstelle für betroffene Frauen aus dem Raum Würzburg aufzubauen.

Die „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ ist eine besondere Selbsthilfegruppe. Denn es geht um weit mehr als darum, sich monatlich zu treffen und auszutauschen. Brigitte Keller und Beate Beyrich stehen im engen Kontakt mit dem Comprehensive Cancer Center Mainfranken (CCC), das am Uniklinikum etabliert ist. Zu Achim Wöckel, dem Direktor der Universitätsfrauenklinik, haben sie ebenfalls einen heißen Draht.

„Wir können ihn jederzeit per Mail kontaktieren und vermitteln, wenn Patientinnen ein Problem haben“, sagt Keller. So könne es vorkommen, dass die Frauen sehr lange auf die Besprechung eines Untersuchungsergebnisses warten müssen. Über Wochen hinweg nicht zu wissen, welche Konsequenzen ein Befund nach sich ziehen wird, darunter können die Patientinnen laut Keller stark leiden.

Mit viel Engagement organisierten Brigitte Keller und Beate Beyrich 2017 zusammen mit dem CCC unter dem Motto „Alles was der Seele gut tut“ einen ersten Krebs-Selbsthilfe-Tag für Betroffene, Angehörige und Interessierte. Er erlebte heuer im Juni eine Neuauflage. Im Oktober findet erstmals ein Frauentanzfest statt. „Wir wollen dabei auf die Bedeutung der Prävention aufmerksam machen“, erklärt Beyrich.

Telefonische Beratung ist wichtig

Besonders wichtig ist den beiden Gruppenleiterinnen die telefonische Beratung von Frauen, die neu von Krebs betroffen sind. Gerade in den ersten Monaten nach dem Befund ist die Angst bei den meisten Patientinnen riesig.

Vor wenigen Wochen erst rief eine Frau bei Brigitte Keller an, die davon erzählte, wie sehr sie sich fürchtet: „Bei ihr wurde eine besonders aggressive Form von Krebs mit schlechter Prognose diagnostiziert.“

Brigitte Keller versuchte erst gar nicht, die Frau zu beschwichtigen: „Ich sagte ihr, dass ich sie in ihrer Angst sehr gut verstehen kann.“ Auf die Frage der Anruferin, ob sie es für sinnvoll hielte, eine Zweitmeinung einzuholen, bejahte Keller: „Ich nannte der Anruferin zwei zertifizierte Krebszentren.“

Gleichzeitig wies sie die Patientin darauf hin, dass sie ihre Krankenkasse unbedingt vorher darüber informieren sollte, dass sie eine Zweitmeinung haben möchte: „Damit die Kostenfrage gleich geklärt ist.“

Gäbe es die „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ nicht, würden sich noch mehr Frauen in der Region mit der Diagnose „Brustkrebs“ alleingelassen und überfordert fühlen. Es gäbe wahrscheinlich aber auch ganz handfeste Dinge nicht. So ist es den beiden Gruppengründerinnen zu verdanken, dass die Uni-Frauenklinik seit drei Jahren mit Johanna Schlereth eine „Breast Care Nurse“ hat.

Diese Schwester begleitet Frauen nach der Diagnose durch den gesamten Therapieprozess. Sie informiert über die Diagnostik und die Operation, über Nachsorgeuntersuchungen sowie Anlaufstellen für Menschen mit Krebs. Für die Patientinnen ist diese Art der psychosozialen Unterstützung immens wichtig. Sie wird auch stark nachgefragt. Weshalb sich die „Frauenselbsthilfe“ einen Ausbau des Angebots wünschen würde.

Deutschlandweit gibt es inzwischen mehr als 300 Gruppen der Organisation „Frauenselbsthilfe nach Krebs“. Doch nur sehr wenige sind so aktiv wie die Würzburger Gruppe. Das brachte Brigitte Keller und Beate Beyrich im vergangenen Jahr eine hohe Auszeichnung ein: Ihre Gruppe wurde zur „bewegtesten Gruppe des Bundesverbands“ gekürt.

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