WÜRZBURG

„Das Filmemachen ist ein Mittel, Position zu beziehen“

Menschenrechte sind nicht verhandelbar: Studenten für Soziale Arbeit an der Fachhochschule organisierten zum dritten Mal... Foto: Christian Ammon

(ca) Vor 62 Jahren, am 10. Dezember 1948, verkündeten die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: darin heißt es „die Würde des Menschen ist unantastbar“. Dass sie häufig dennoch nur auf dem Papier stehen, zeigte die zum dritten Mal veranstaltete thematische Filmwoche „Human Rights Film Week“ in der Fachhochschule Würzburg. Über 500 Besucher interessierten sich für das durch Studiengebühren finanzierte Angebot.

Von den Mechanismen sozialer Ausgrenzung bei Kindern über den Nichtraucherschutz in Bayern bis zur Lage Transsexueller in Thailand befassten sich die Filme und Diskussionen mit Menschenrechtsfragen. Oft würde Engagement hierfür als „Gutmenschentum“ belächelt, weiß Simone Emmert, die als Mitarbeiterin an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaft die Reihe ins Leben gerufen hat, betont aber: „Menschenrechte sind stark und nicht verhandelbar“.

So sehen das auch die Mitglieder von „Frauen für Gerechtigkeit“ in Vadodara, einer Millionenstadt im nordwestindischen Staat Gujarat. Ihnen widmete sich in eindringlichen Aufnahmen der Dokumentarfilm „Shortcut to Justice“ des gebürtigen Würzburgers Daniel Burkholz zum Abschluss der Woche.

Nach bürgerkriegsähnlichen Unruhen zwischen Muslimen und Hindus haben 2002 Frauen aller Kasten und Schichten als Hauptleidtragende die Vereinigung gegründet - um sich zu wehren: „Die indische Justiz ist extrem überlastet, vor allem für die Unberührbaren und Armen existiert der Rechtsstaat faktisch nicht“, erklärte Burkholz. Der 47-Jährige Filmemacher und Rechtsanwalt, der bis 1985 Jura in Würzburg studierte, ist heute Dezernent für Umwelt und Schule im Märkischen Kreis.

Auf einem staubigen Platz am Rande eines Armenviertels sitzen die Frauen um einen Baum und halten Gericht. Eine junge Frau möchte sich von ihrem Mann trennen und fordert darum Geld für den Unterhalt. Nachdem sie eine weitere Tochter geboren hatte, habe sie ihr Mann regelmäßig geschlagen, erzählt sie. Elf lange Jahre. „Ich dachte, das ist halt so in der Ehe“, sagte sie.

Auch der Mann ist da. Er ist verunsichert. „Nur Schläge helfen, dass sie gehorcht“, verteidigt er sich wenig überzeugend. Die Frauen lassen dies nicht gelten und fordern von ihm, dass er Verantwortung übernimmt. Schließlich lenkt er ein: unter Aufsicht von „Frauen für Gerechtigkeit“ schließen beide eine Vereinbarung. Die Frau kehrt zu ihrem Mann ins Dorf zurück. Beide geloben, sich gegenseitig zu respektieren. Noch heute sei das Paar zusammen, berichtet Daniel Burkholz: „Zumindest ist damit der Gewaltkreislauf durchbrochen“, sagt er.

Eigene Produktionsfirma

Fasziniert habe ihn, wie die Frauen einen alternativen Weg fanden, den Konlikt zu lösen. Seit 2005 leitet der Rechtsanwalt eine eigene Produktionsfirma, die Roadside Dokumentarfilm in Bochum. Das, was er als Jurist nur begrenzt kann, das sollen seine Filme erreichen: „Das Filmemachen ist ein Mittel, Position zu beziehen und Einfluss zu nehmen.“

Die anschließende Podiumsdiskussion mit in der Frauenrechtsarbeit Aktiven lenkte den Blick von Indien nach Deutschland. „Bei uns war die rechtliche Situation der Frauen lange nicht viel anders als in Indien“, sagte etwa Brita Richl, Leiterin des AWO-Frauenhaus. Die Gründung von Frauenhäusern in den siebziger Jahren sei zunächst von Fraueninitiativen ausgegangen.

Auch hierzulande wird laut einer Studie des Familienministeriums jede vierte lebende Frau Opfer häuslicher Gewalt. Für Filmwochen-Initiatorin Simone Emmert ist Gewalt nicht auf körperliche oder sexuelle Übergriffe begrenzt, sie könne auch psychisch oder finanziell ausgeübt werden. „Die Täter fühlen ihre eigene Machtposition gefährdet und reagieren mit Gewalt, um sich gegen den Willen der Frau durchzusetzen“, erklärt die Spezialistin für Familien- und Menschenrechte.

Schlagworte

Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
1 1

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!