Zell

Das Osterei der Hexe

Markus Ettlinger (links) spielt im Theaterstück einen jugendlichen Klostersekretär, Bernd Spengler (rechts) einen Arzt und Pater.
Markus Ettlinger (links) spielt im Theaterstück einen jugendlichen Klostersekretär, Bernd Spengler (rechts) einen Arzt und Pater. Foto: Ernst Jerg

Für historische Themen aus der Region hat der Autor Roman Rausch bereits in der Vergangenheit ein Händchen bewiesen. Nun hat er ein Theaterstück über das Schicksal der Maria Renata Singer geschrieben, die als letzte deutsche Reichshexe traurige Berühmtheit erlangt hat. Diesen Sommer bringt der Arbeitskreis Kultur der Gemeinde das Stück über den Hexenwahn am Originalschauplatz im Kloster Unterzell (jetzt evangelische Versöhnungskirche) zur Aufführung. Ein Osterei soll der Legende nach damals eine entscheidende Rolle gespielt haben.

In der Marktgemeinde Zell am Main bestanden bis zur Säkularisation 1803 zwei Klöster des Praemonstratenser-Ordens, nämlich das Kloster Oberzell, in dem damals die Mönche lebten und das Nonnenkloster in Unterzell – in deren Ruinen heute die evangelische Kirche untergebracht ist.

Singer war für die Finanzen zuständig

Ostern im Jahr 1748 war als Subpriorin die damals bereits über 70-jährige Nonne Maria Renata Singer, eine fleißige und gewissenhafte Klosterfrau für die Finanzen des Klosters zuständig. Ihre einzige Freude waren ihre Pflanzen im Klostergarten und ihre Katzen. Auf die Anpumpversuche ihrer Brüder, die damals gerade in Oberzell einen „Stararchitekten“ namens Balthasar Neumann beauftragt hatten, reagierte die Subpriorin sehr abweisend.

Maria Renata Singer hatte wohl auch eine Osterspende zugunsten des Klosterumbaus an die Mönche des Ordens abgelehnt, worüber diese sehr verärgert waren. Beim langjährigen Zeller Chronisten Eduard Kohl ist zu lesen, dass am Gründonnerstag die Konventualen nach altem Brauch von Unterzell in feierlicher Prozession nach Oberzell zogen, wo jede Nonne ihrem Beichtvater ein Osterei überreichte.

Der Klosterbeichtvater der Subpriorin Maria Renata Singer soll nach der Übergabe ihres für ihn gefärbten Eis jedoch alsbald ein Jucken in der Hand gespürt haben. Diese Reaktion ließ erst nach, als er seine Finger in Weihwasser tauchte. Der Mönch habe daraufhin Verdacht geschöpft und angeblich beichtete ihm Maria Renata daraufhin, eine Hexe zu sein, wobei sie die Bitte anschloss, ihr davon doch abzuhelfen.

Subpriorin der Hexerei bezichtigt

So kam es zu einer Vernehmung und Zimmerdurchsuchung, bei der weitere aus Pflanzen hergestellte Hexenutensilien zum Vorschein gekommen sein sollen. Sicher ist, dass in der Folge auch die jüngeren Mitschwestern im Kloster die strenge Subpriorin der Hexerei bezichtigten und sie für ihre eigene Besessenheit vom Teufel verantwortlich machten. Und auch weitere Krankheiten an Mensch und Vieh in der Umgebung fanden jetzt in den angeblichen Hexenkünsten der Subpriorin ihre Ursache.

Der Würzburger Anwalt und Zeller Gemeinderat Bernd Spengler hat während seines Studiums seine rechtshistorische Grundlagenarbeit über den Prozess gegen Maria Renata Singer geschrieben. Der Jurist bilanziert: „Das längst überwunden geglaubte Gespenst des Hexenwahns mit all seinen Denunzierungen erhob sich 1749 plötzlich noch einmal in Würzburg aus dem Grab.“

Fürstbischof verbot Hexengerichte

Mehr als hundert Jahre zuvor, nämlich 1629 hatte der Hexenwahn in Würzburg unter dem sechs Jahre regierenden Fürstbischof Philipp Adolf von Ehrenberg mit über 900 Hinrichtungen seinen Höhepunkt erreicht. Als jedoch im Jahre 1642 Johann Philipp von Schönborn den Bischofsstuhl bestieg – von dem Jesuiten und Professor Friedrich Spee vom Unsinn der Hexenprozesse überzeugt – verbot er für allemal die Verfahren der Hexengerichte im Gebiet des Hochstiftes .

Selbst massivste Proteste der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, das Unverständnis in den europäischen Fürstenhäusern und der Spott, „die Würzburger seien die letzten Hexenverbrenner“ und „eine verdummte Masse“ konnten 1749 den Prozess gegen die der Hexerei beschuldigte Klosterfrau und ihre anschließende Hinrichtung auf dem Hexenbruch nicht verhindern .

Roman Rausch hat Theaterstück geschrieben

Für den Juckreiz, den das übergebene Osterei ausgelöst hat, gibt es laut Spengler eine einfache Erklärung, nämlich eine allergische Reaktion auf die pflanzlichen Farbstoffe. Die Klosterfrau kannte die Farbstoffe der Pflanzen. Und auch die beschriebene Besessenheit einiger Mitschwestern würde heute wohl als epileptischer Krampfanfall diagnostiziert. Viele Familien versteckten damals nämlich ihre kranken oder unzüchtigen Kinder im Kloster.

Was der Hexenwahn mit den Menschen machte und welche Motive hinter dem Prozess gegen die betagte Nonne steckten, all das hat Roman Rausch basierend auf Chroniken und wissenschaftlichen Untersuchungen in seinem Theaterstück verarbeitet. Im Dezember 2011 war Rauschs Roman „Die Kinderhexe“ beim lovelybooks.de-Leserpreis „Die besten Bücher 2012“ in der Kategorie „Historischer Roman“ unter die Top Ten im deutschsprachigen Raum gewählt wurde. Der Roman behandelt das Phänomen, dass bei den Hexenprozessen der Neuzeit auch Minderjährige als Hexen beschuldigt, verurteilt und getötet wurden.

Unter der Regie von Norbert Bertheau kommt nun das Theater-Stück über die letzte deutsche Reichshexe, aufgeführt von der Theater-Company Zell auf die Bühne.

Termine sind am 18.,19.,20., 26. und 27. Juli. Kartenvorverkauf ist im Bürgerbüro im Rathaus Zell, Tel.: (0931) 46878-14 und in der Tourist-Information im Falkenhaus am Marktplatz, Tel.: (0931) 2398.

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