Würzburg

"Das ist nicht gerecht": Würzburger Förderlehrerin darf nach 42 Dienstjahren nicht in Ruhestand

Seit sie 22 Jahre alt ist, hat die Würzburger Lehrerin blinde, sehbehinderte und taubblinde Kinder unterrichtet. Aufhören darf sie nicht. Grund ist Piazolos neuer Erlass.
Eine Würzburger Förderlehrerin darf nach dem jüngsten Piazolo-Erlass nach 42 Dienstjahren nicht in den Ruhestand, sondern muss weiter unterrichten (Symboldbild).  Foto: Nicolas Bettinger

Sie wollte nach Südamerika fliegen in diesem Herbst. Nach Ecuador, genauer gesagt, in ein Land, das sie tief beeindruckt hat, als sie es vor vielen Jahrzehnten schon mal bereist hat. Aber aus der lang ersehnten Reise zum Ruhestandsbeginn wird nichts. Frau S., die dienstälteste Lehrerin der Würzburger Graf-zu-Bentheim-Schule, einem Förderzentrum mit Schwerpunkt Sehen, darf nämlich nach 42 Dienstjahren nicht in den Ruhestand gehen. Sie muss weiter unterrichten, vielleicht ein Jahr noch, vielleicht auch mehr. So will es der bayerische Kultusminister Michael Piazolo.

Neuerung: Antragsruhestand vor Vollendung des 65. Lebensjahres wird nicht mehr genehmigt

Vor rund zehn Tagen hat Piazolo (Freie Wähler) ein Maßnahmen-Paket zur Sicherung des Unterrichts vorgestellt, das unter anderem vorsieht, dass Grundschullehrer eine Stunde mehr arbeiten, dass Teilzeitarbeitskräfte mindestens 24 Stunden pro Woche im Einsatz sind, dass Sabbatjahre nicht mehr genehmigt werden und auch Anträge auf einen Beginn des Antragsruhestands vor Vollendung des 65. Lebensjahres nicht mehr genehmigt werden. Abgesehen von der zwangsweisen Wochenstundenerhöhung treffen die Maßnahmen nicht nur Grundschullehrer, sondern auch Mittelschullehrer und Förderlehrer. 

Viele Menschen mit Sehproblemen benutzen am Computer  die Braille-Zeile: An dem Brettchen können sie auf Blindenschrift verfolgen, was auf dem Bildschirm passiert. Lehrerin S., die viele Jahrezehnte blinde Schüler unterrichtet hat, kennt sich mit den Geräten aus (Symbolbild). Foto: Matthias Hiekel

"Ich habe im Radio von Piazolos Maßnahmen gehört, hatte gleich ein schlechtes Gefühl, gleich die Angst, dass es mich treffen könnte", sagt S., die ihren vollen Namen ungern öffentlich machen möchte und ihre Geschichte auch nur deshalb erzählt, weil sie gefragt worden ist. Zwei Tage nach der Piazolo-Ankündigung habe die Schulleitung ihr dann tatsächlich eröffnet, dass sie, aufgrund der neuen Weisungen aus München, weitermachen müsse. "Dabei habe ich noch vor Weihnachten den Antrag gestellt, nach Schuljahresende aufzuhören. Bisher gab es nämlich eine Übergangsregelung, nach der man nach dem 64. Geburtstag in Ruhestand gehen darf. Und ich werde in diesem August 64 Jahre alt." 

"Es war gut. Aber es war auch viel und deshalb finde ich, dass es reicht."
Förderlehrerin aus Würzburg mit 42 Dienstjahren

Gegen  Piazolos Maßnahmen-Paket gehen am Samstag in Würzburg zahlreiche wütende Lehrer auf die Straße, weil sie nicht einsehen, dass sie die "verfehlte Bildungspolitik des Kultusministeriums" ausbaden müssen, wie es in Pressemitteilungen heißt.

"Sehr bitter" fühlt sich die Neuregelung aus dem Kultusministerium auch für Frau S. an. Das liegt nicht daran, dass sie der Gedanke, weiter vor einer Klasse zu stehen, mit Entsetzen erfüllen würde. "Ich liebe meinen Beruf und ich liebe die Kinder und ich mache den Job immer noch gern und gut", sagt die Förderlehrerin, die als äußerst engagierte und beliebte Lehrkraft gilt. Eine, die, Eltern und Schülern zufolge, vor dem Unterricht von den Kindern umarmt, am Wochenende manchmal angerufen und nach den Ferien mit Freude begrüßt wird. Eine, die in den vielen sehbehinderten, blinden und beeinträchtigten Kindern, die sie unterrichtet hat, immer den wissbegierigen, kompetenten, starken Menschen gesehen hat mit seinem Potential. Eine, die ihre Schüler gefördert hat und dabei auf jeden einzelnen eingegangen ist. Sicher bekomme sie das Zusatzjahr noch hin, meint Frau S. "Aber wenn man über 60 ist, merkt man eben jedes Extrajahr. Die körperliche Verfassung wird schlechter; man ist einfach nicht mehr so belastbar."  

Zwei Studien. 42 Jahre in Vollzeit. Und nebenbei noch selbst zwei Kinder erzogen.

Und die Arbeit, die Frau S. über vier Jahrzehnte geleistet hat, war fordernd. Sehr früh ist S. ins Berufsleben eingestiegen, schon mit 22 hatte sie ihr erstes Studium, Grundschullehramt, abgeschlossen, und startete ins Referendariat – dem Zeitpunkt, ab dem die Dienstjahre gezählt werden. Ein Jahr arbeitete sie dann als Mobile Reserve, ein Jahr als Lehrerin für schwererziehbare Kinder. Sattelte dann, abgeordnet von ihrem neuen Arbeitgeber, dem Würzburger Blindeninstitut, noch ein zweijähriges Aufbaustudium als Förderlehrkraft Sehen drauf.

Sie unterrichtete in den folgenden Jahrzehnten blinde Kinder, sehbehinderte Kinder, mehrfachbehinderte Kinder, taubblinde Kinder, wobei jede Behinderung eine neue Herangehensweise und neue Förderansätze verlangte, die erst mal gelernt werden mussten. Die ganzen 42 Jahre arbeitete Frau S. in Vollzeit, obwohl sie selbst auch zwei Kinder bekam und großzog. "Es war gut. Aber es war auch viel und deshalb finde ich halt jetzt, dass es reicht", sagt S. 

Der Unterricht taubblinder Kinder verlangt andere Unterrichtsansätze als etwa der Unterricht von sehbehinderten oder blinden Kindern (Symbolbild). Foto: Nicolas Bettinger

Als unfair empfindet Frau S. den Umstand, dass in ihrem Fall der bayerische Staat als Dienstherr weniger die 42 in Vollzeit abgeleisteten Dienstjahre im Blick hat als den Umstand, dass sie im Herbst 2020 noch nicht das 65. Lebensjahr vollendet haben wird. "Das ist nicht gerecht." 

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