Würzburg

Dauthendey: Wie der Würzburger beim Zaren fotografierte

Er war erst Hoffotograf beim Zar in Sankt Petersburg, dann kam er nach Würzburg. Zum 200. Geburtstag würdigen Kunsthistoriker jetzt die Rolle forschenden Fotokünstlers.
Wohl mit Selbstauslöser: Carl Albert Dauthendey mit seinen vier Töchtern aus erster und zweiter Ehe. Foto: Museum im Kulturspeicher Würzburg.

Er hat aufregende Jahre hinter sich, als er 1863 nach Würzburg kommt, im Mainviertel ein Haus kauft und mitten in der Stadt ein großes Atelier einrichtet. Zwei Jahrzehnte hat er in Sankt Petersburg gelebt und gearbeitet, hat bei Hofe und in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen verkehrt. „Daguerrotypien auf Papier“ fertigte er erst in der Zarenstadt an, dann experimentierte er mit Fotolitografien und porträtierte als Erster in Russland mit der neuen Technik bedeutende Persönlichkeiten. Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Adelige hielten vor Carl Albert Dauthendeys Kamera still – und ließen sich abbilden.

Als Lehrling in Leipzig die "Camera obscura" entdeckt 

Ein beeindruckender Werdegang. Am 1. November 1819 war Carl Albert Dauthendey in Ermsleben im Harz geboren worden. In Magdeburg hatte er Optiker und Mechaniker gelernt, dann in Leipzig am Optischen Institut Teleskope montiert und Linsen geschliffen. Als 1841 ein französischer Handlungsreisender nach Leipzig kommt, sieht der 21-jährige technikbegeisterte Lehrling zum ersten Mal eine „Camera obscura“. So eine „dunkle Kammer“ in der Größe einer Schachtel hatte auch Louis Daguerre genutzt, als er wenige Jahre zuvor das nach ihm benannte fotografische Verfahren erfand . . .

Dauthendey beginnt zu experimentieren. Schnappt sich einen Gärtnerburschen und ein Dienstmädchen, die ihm wieder und wieder geduldig im Sonnenlicht Modell stehen. Er tüftelt herum, wie die Kupferplatten beschichtet sein müssen, damit darauf tatsächlich irgendwann ein Abbild erscheint. Schnell hat der junge Mechaniker mit seinen „daguerrotypischen Porträts“ Erfolg. Er wird an den Herzogshof in Dessau berufen. Die Adeligen sind froh, wenn sie nicht mehr tagelang den Ölmalern Porträt sitzen müssen.

Mit Empfehlungsschreiben aus Dessau zum Zaren nach Russland

Mit einem Empfehlungsschreiben der Dessauer Herzogin reist Dauthendey schließlich nach Sankt Petersburg. Warum er nach Deutschland zurückkehrte? In Würzburg landete? Es mögen politische und private Gründe gewesen sein. Ein neuer Zar war im Amt, alte Gönner verschwanden, Dauthendeys junge Frau hatte sich das Leben genommen. Als 1842 die Behörden drohen, seine Kinder in ein orthodoxes Kloster zu stecken, kehrt er – inzwischen wieder verheiratet – Russland den Rücken.

Ob er der „erste deutsche Photograph“ ist, wie die Literatur teilweise schreibt? Dauthendey dürfe jedenfalls schon durch die damals seltene Internationalität seiner Karriere als „herausragender Vertreter der deutschen Kunst- und Bildgeschichte des 19. Jahrhunderts gelten“, sagt der Würzburger Kunsthistoriker Professor Eberhard Leuschner. „Wichtigster Bildkünstler im Würzburg des 19. Jahrhunderts war er allemal.“

Mit diesem Wappen warb Carl Albert Dauthendey für sein Atelier in Würzburg.  Foto: Sammlung Leuschner

Auch nach seiner Ankunft am Main behält Dauthendey die kyrillischen Lettern in seinem Logo bei. Er firmiert als „Photograph Dauthendey aus St. Petersburg“ – „offenbar wirkte diese Strategie verkaufsfördernd bei Würzburgern wie Russen in Franken“, sagt Leuschner. Nicht nur, dass die Würzburger Universitätsklinik zu damaliger Zeit einen glänzenden Ruf bei russischen Patienten genoss und zahlreiche Russen – bis hin zum Zaren – im nahen Bad Kissingen kurten. Auch das erste Hotel am Platze in Würzburg hieß nicht umsonst „Russischer Hof“.

Große internationale Tagung zum Pionier mit der Kamera

Die deutsch-russischen Verbindungen sind nur ein Grund, warum das Institut für Kunstgeschichte, das Museum für Franken und die Domschule Würzburg zum 200. Geburtstag des Fotopioniers nun – auch für die Öffentlichkeit – eine große internationale Tagung veranstalten. Sie soll Dauthendeys Karriere und die Orte seiner Tätigkeit dokumentieren. Soll seine Würzburger Jahre beleuchten. Sie soll die Anfänge der Fotografie im deutschen Sprachraum aufzeigen. Und, so Initiator und Organisator Eckhard Leuschner, eben auch „die weitgehend verschütteten Aspekte deutsch-russischer Kulturbeziehungen wieder ans Licht bringen“.

Im Stil eines Gemäldes: Frauenbildnis aus den frühen Jahren des Fotografen. Foto: Sammlung Leuschner
Moderner und im Stil der Zeit: Bildnis einer Dame aus der Zeit um 1890.  Foto: Sammlung Leuschner

Noch etwas ist wichtig, sagt der Kunsthistoriker: Die Jahre Dauthendeys in Würzburg – von 1863 bis zu seinem Tod 1896 – fallen zusammen mit der Blütezeit der Universität. Die, so Leuschner, „leitet sich auch aus dem fruchtbaren Austausch der Professoren mit den innovativen Kräften in Bürger- und Unternehmertum der Stadt her“. Dass der „forschende Photograph“ Dauthendey ein eigenes Labor unterhielt, weiter an Farbverfahren tüftelte, Weltausstellungsmedaillen für seine Erfindungen bekam und etliche Patente anmeldete und fast zeitgleich Wilhelm Conrad Röntgen hier an der Fixierung von „Licht“ arbeitete – für den Kunsthistoriker „kein Zufall“.

Auch der berühmte Anatom und Physiologe Albert von Koelliker ließ sich im Atelier Dauthendey porträtieren. Foto: Sammlung Dürrnagel

Wohl auch kein Zufall, dass Dauthendeys Sohn Max in jenen Jahren seine dichterische Erkundung von „Ultraviolett“ begann – als poetische Chiffre für die Macht dessen, das man nicht sieht, das aber doch da ist und Wirkung entfaltet. Lyriker und Erzähler Max Dauthendey, 1867 als Nachkömmling auf die Welt gekommen, wird die vielen Erzählungen seines hassgeliebten Vaters schließlich festhalten. Und dem „ersten Fotografen auf deutschem Boden“ 1912 einen ganzen Roman widmen: „Der Geist meines Vaters“.

Die Tagung zu Carl Albert Dauthendey findet von Montag bis Mittwoch, 4. bis 6. November, im Burkardushaus in Würzburg statt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht nötig. Die Vorträge beginnen jeweils um 9 Uhr und stehen allen Interessierten offen. Infos und das Programm unter: www.kunstgeschichte.uni-wuerzburg.de

Als Fotos populär wurden: Wer konnte, ließ sich - oder seine Kinder - ablichten. Foto: Sammlung Leuschner

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