WÜRZBURG

Debatte zu Genitalverstümmelung: Ein Dialog auf Augenhöhe

Dieses Transparent wollen Annette und Rüdiger Nehberg über Mekka wehen sehen: Damit jeder Muslim erfährt, dass Genitalverstümmelung gegen den Islam verstößt.
Dieses Transparent wollen Annette und Rüdiger Nehberg über Mekka wehen sehen: Damit jeder Muslim erfährt, dass Genitalverstümmelung gegen den Islam verstößt. Foto: p. varasano

8000 Frauen erleiden jeden Tag ein unfassbares Schicksal voller Grausamkeit und Schmerz: Genitalverstümmelung. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die Zahl der Betroffenen Mädchen und Frauen weltweit auf über 150 Millionen. In 29 afrikanischen Staaten ist die „weibliche Beschneidung“, die nichts weiter als eine Verstümmelung ist, noch immer feste Tradition. Sie wird praktiziert, obwohl sie rechtlich verboten ist.

„Es ist ein wichtiges Thema, eine schlechte Tradition. Und wir wollen, dass sie beendet wird“, sagt Festivalchef Stefan Oschmann. Das Würzburger Kulturfest will nicht nur auf Musik und Kunst des großen Kontinents aufmerksam machen, sondern auch auf dessen Probleme: „Im „Havanna Club“ herrscht daher am Sonntagmorgen alles andere als ausgelassene Stimmung.

Grausamkeit ohne Betäubung

Die Podiumsdiskussion zum Thema Genitalverstümmelung stößt auf reges Interesse, es wird voll. Die Bestuhlung reicht nicht aus, schnell werden weitere Hocker geholt. Wer jetzt dazu kommt, muss stehen. Ausgewiesene Gegner der grausamen Praxis sitzen auf der Bühne und berichten über ihren Kampf gegen die Verstümmelung.

Einer von ihnen ist der Berliner Souleymane Diallo von „Mama Afrika e.V.“. Gegründet wurde der Verein von seiner verstorbenen Mutter, Hadja Kitagbe Keba, die selbst im Alter von sieben Jahren die Genitalverstümmelung erleiden musste. Seit 2000 engagiert sich der Verein in Guinea, der Heimat der Familie, gegen die grausame Tradition.

Mit Skizzen und Bildern, versucht Diallo das Schrecken zu erklären. Teilweise oder komplett werden den Mädchen Klitoris und Schamlippen abgeschnitten – ohne Betäubung. „Damit auch der Mann ein Gefühl bekommt: Das ist, als würde man den Penis entfernen“, sagt Diallo. Im schlimmsten Fall wird den Mädchen noch die Vagina verschlossen.

Unwissenheit ist der Hauptgrund

Die Folgen: Unvorstellbare Schmerzen, Infektionen, Inkontinenz und Komplikationen bei Geschlechtsverkehr und Geburt. Warum das alles? Diallo sieht viele Faktoren: Die Vermischung von Tradition und Religion sowie Unwissenheit. Und auch das Ideal von Treue und Jungfräulichkeit.

Über das Tabu-Thema werde in Guinea kaum gesprochen. Selbst wenn: Die größte Herausforderung von „Mama Afrika“ sei die Sprachenvielfalt. Allein im kleinen Guinea gibt es vier verschiedene Sprachen. Und die Amtssprache Französisch wird kaum gesprochen. Plakate oder Broschüren können nicht helfen.

„Mama Afrika“ agiert lokal. Der Verein hat einen Kindergarten aufgebaut. Dort soll das Selbstbewusstsein der Mädchen gestärkt und das Gespräch mit den Eltern gesucht werden. Ein Austausch „auf Augenhöhe“, zwischen Helfern und Eltern, so Diallo. Denn ansonsten bliebe bei den Einheimischen nur der Eindruck, Außenstehende würden ihre Kultur für schlecht halten.

Ohne erhobenen Zeigefinger

Auch seine Schwester Tiranke engagiert sich gegen weibliche Genitalverstümmelung. Sie leistet für die Menschenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ Aufklärungsarbeit in der afrikanischen Community in Deutschland. Auch für sie gilt: Augenhöhe wahren.

In der guineischen Diaspora in Deutschland war ihre Mutter bekannt, dadurch hat Tiranke Diallo einen anderen Zugang zu den Menschen. Über die Jüngeren, durch Frauentage oder Babyparties versucht sie eine lockere Aufklärung ohne erhobenen Zeigefinger. Ihr Ziel: Dass sich die Zahl der Betroffenen in Deutschland nicht weiter erhöhen.

Verstümmelung im Islam geächtet

Einen anderen Weg im Kampf gegen die Genitalverstümmelung geht der Menschenrechtsaktivist Rüdiger Nehberg. Seine Hilfsorganisation „Target“ hat eine Geburtsklinik in Äthiopien aus dem Boden gestampft – auch um beschnittenen Frauen eine schmerz- und komplikationsfreie Geburt per Kaiserschnitt zu ermöglichen.

Sein wichtigstes Engagement liegt jedoch im Gespräch – auch auf Augenhöhe, wie er betont: Nehberg hat es geschafft, dank seiner Erfahrung mit muslimischen Stämmen einen Dialog zu etablieren und so die Genitalverstümmelung von höchsten islamischen Rechtsgelehrten ächten zu lassen. Diesen Weg, sagt er, will er weiter gehen, bis jeder Prediger das Verbot verstanden hat.

Mit ihren Schilderungen und Berichten berühren Diallo und Nehberg die Besucher des Festivals. Viele zucken zusammen, blicken fassungslos. Einige wischen sich Tränen aus dem Gesicht. Nach der Diskussion gehen die ersten kerzengerade an die Info-Stände von „Mama Afrika“ und „Target“. Das Thema wird viele von ihnen nicht mehr in Ruhe lassen. Zumindest das wurde mit der Diskussion auf dem Africa Festival erreicht.

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