Würzburg

Dekanin zu Kinderporno-Dreh in Kita: "Hohe kriminelle Energie"

Wie konnte der mutmaßliche Täter in der Würzburger Kita kleine Jungs für den Kinderporno-Dreh missbrauchen? Die Verantwortlichen versuchen das Unerklärliche zu erklären.
In dieser Würzburger Kindertagesstätte soll ein 37-jähriger Logopäde mehrere Buben sexuell missbraucht haben. Foto: Daniel Peter

Entsetzen und Erschütterung sind aus jedem Satz zu lesen. Auf Nachfrage der Redaktion versucht die evangelische Dekanin Edda Weise das eigentlich Unerklärliche zu erklären: Wie ist es dem dringend tatverdächtigen Logopäden gelungen, in der Kindertagesstätte am Würzburger Heuchelhof kleine Jungs für den Dreh von Kinderpornografie zu missbrauchen?

"Der mutmaßliche Täter ist mit hoher krimineller Energie in unsere Kita eingedrungen und hat diesen Ort, an dem Kinder mit und ohne Behinderung Bildung und unbefangene Gemeinschaft erleben sollen, für seine perfiden Taten missbraucht", schreibt Weise. Die Dekanin vertritt die Kirchengemeinde, die Träger der integrativen Einrichtung ist, in der über 40 Kinder betreut werden. Ob unter den Opfern des Logopäden auch behinderte Jungen sind, dazu machen die Ermittler bislang keine Angaben.

Laut Edda Weise hat der Beschuldigte als Therapeut seine Leistungen "in Absprache mit Eltern, Ärzten und Krankenkassen" in den Räumen der Kita angeboten. Dazu gehöre auch, "dass er mit Kindern alleine war", so die  Dekanin auf Nachfrage. Dieses Vertrauen von Kindern, Eltern und Kita-Mitarbeitern habe der  mutmaßliche Täter "in abscheulicher Weise" missbraucht. Mittlerweile bestehe die Möglichkeit nicht mehr, dass externe Therapeuten Einzelbehandlungen in den Räumen der Kita anbieten.

Kita bekennt sich zu Verhaltenskodex

Edda Weise schreibt in ihrer Antwort auf Fragen der Redaktion, für die Kita bestehe ein "Schutzkonzept", das regelmäßig aktualisiert und mit den Mitarbeitenden besprochen und bei Fortbildungen geschult werde. Der Leitsatz dieses "Verhaltenskodex" laute: "Dem Schutz, der Fürsorge, der Erziehung und Bildung und der Wahrung der Rechte der Kinder sind wir verpflichtet."

Daraus ergäben sich Verhaltensgrundsätze, die dafür sorgen sollen, "dass Grenzverletzungen und Übergriffe präventiv vermieden werden". Konkret nennt die Dekanin unter anderem Wertschätzung, keine Toleranz für abwertendes Verhalten, Sexualpädagogik, einen konstruktiven Umgang mit Konflikten sowie die Wahrnehmung gesetzlicher Meldepflichten, sobald beispielsweise der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung besteht. 

Jugendamt empfiehlt offene Türen und Vier-Augen-Prinzip

Für die Stadt Würzburg, die die Rechtsaufsicht über alle Kindertageseinrichtungen in Würzburg hat, betont Sprecherin Claudia Lother, es gebe keine rechtlichen Vorschriften, die regeln, ob ein Therapeut mit Kindern allein in einem Raum sein darf. Es gebe aber "Handlungsempfehlungen" seitens des Jugendamts. Lother: "Diese empfehlen 'offene Türen' wie auch das 'Vier-Augen-Prinzip'."

Für die Kindertagesstätte, die in der Vergangenheit regelmäßig große Anerkennung für ihr integratives Konzept bekam, heißt es nun, ins Wanken geratenes Vertrauen wieder zu stabilisieren. Die Frage, ob Eltern bereits nach Alternativen für ihre Kinder suchen, lässt die Dekanin unbeantwortet. Sie unterstreicht, dass Vertreter des Trägers, des Jugendamts und die Kita-Mitarbeiter seit Bekanntwerden der Taten "in mehreren Elternveranstaltungen" mit den Müttern und Vätern im Gespräch waren und sind. "Ihre Ängste, Sorgen und Gedanken und das Wohl der Kinder stehen im Zentrum aller Bemühungen."

Staatsanwaltschaft: Ermittlungen dauern

Unterdessen müssen die Eltern weiter warten, bis sie Gewissheit haben, ob auch ihr Kind zu den möglichen Opfern des beschuldigten Logopäden gehört. Selbst wenn der Mann nun, wie er angekündigt hatte, mit der Kripo spreche, werde es noch dauern, bis weitere Opfer und Tatorte ermittelt seien, sagte ein Sprecher der "Zentralstelle Cybercrime Bayern" in Bamberg am Freitag.   

Rückblick

  1. Würzburger Kinderporno-Fall: Staatsanwalt klagt Logopäden an
  2. Ermittler: Mann des Logopäden im Kinderporno-Fall unschuldig
  3. Kinderporno-Fall: Kita-Personal hat nichts bemerken können
  4. Kinderpornos: Würzburger Fall führte zu zehn weiteren Verdächtigen
  5. Würzburger Kinderporno-Fall: Anklage noch in diesem Herbst?
  6. Liveticker: Vorläufige Ergebnisse im Würzburger Kinderporno-Fall
  7. Würzburger Kinderporno-Fall: Ermittlungen gegen SEK beendet
  8. Sexueller Missbrauch: Aufklärung für Behinderte tut not
  9. Vierter Tatort im Würzburger Kinderporno-Fall identifiziert
  10. Würzburger Kinderporno-Fall: Prügel bei der Festnahme?
  11. Würzburger Kinderporno-Fall: Anklage wohl noch in diesem Jahr
  12. So arbeitet die Soko im Würzburger Kinderpornofall
  13. Kinderporno-Fall: Eine Mutter bricht ihr Schweigen
  14. Kinderporno-Fall: Ermittler identifizieren weiteren Tatort
  15. Kinderporno-Fall: Zahl der identifizierten Opfer ist einstellig
  16. Dekanin zu Kinderporno-Dreh in Kita: "Hohe kriminelle Energie"
  17. Logopäde im Kinderporno-Fall bricht sein Schweigen
  18. Kinderporno-Fall: Eltern weiterer Opfer informiert
  19. Würzburger Kinderporno-Fall: Mutter erkennt ihren Sohn auf Foto wieder
  20. Ermittler im Kinderporno-Fall: Datenmenge größer als gedacht
  21. Kinderporno-Fall: Mehr als 50 Beamte ermitteln in der Soko
  22. Über Sexualität reden: Wie sage ich es meinem Kind?
  23. Warum der Kinderporno-Fall für die Redaktion eine Herausforderung ist
  24. Stadt: Pflegekinder von Verdächtigem nicht missbraucht
  25. Edda Weise: Wichtig für die Kinder ist jetzt ein normaler Alltag
  26. Würzburger Verdächtiger war ein beliebter Therapeut und Trainer
  27. Stadt Würzburg: Pflegekinder wurden nicht sexuell missbraucht
  28. Logopäde schweigt zu Kinderporno-Vorwürfen
  29. Missbrauchsbeauftragter rät Eltern zu präventivem Misstrauen
  30. Kinderpornografie-Fall: Was wir wissen und was nicht
  31. Kinderporno-Fall: Würzburger Polizei gründet Sonderkommission
  32. Würzburg unter Schock: Hat Logopäde Jungen missbraucht?
  33. Durchsuchte Kita galt als "Einrichtung mit Vorbildcharakter"
  34. Würzburger Kinderporno-Fall: Dekanin Weise ist "sehr bestürzt"
  35. Interview: So fahndet die Polizei im Darknet
  36. Würzburg: Kinder über Jahre missbraucht?

Schlagworte

  • Würzburg
  • Michael Czygan
  • Angeklagte
  • Edda Weise
  • Eltern
  • Elternveranstaltungen
  • Evangelische Kirche
  • Jugendämter
  • Kinder und Jugendliche
  • Kinderpornofall Würzburg
  • Kinderpornographie
  • Konfliktlösung
  • Logopäden
  • Rechtsaufsicht
  • Stadt Würzburg
  • Verbrecher und Kriminelle
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!