OCHSENFURT

Der 18-jährige Dawood muss als jugendlicher Asylbewerber zurechtkommen

Seit dem 10. Dezember lebt Dawood im Jugendwohnhaus des Kolpingwerks im Ochsenfurter Nachtigallenweg. Alleine war er aus seiner Heimat im Dreiländereck zwischen Syrien, der Türkei und dem Irak nach Deutschland gekommen. Im offiziellen Jargon gilt er deshalb als „unbegleiteter jugendlicher Asylbewerber“, ebenso wie seine acht Mitbewohner aus Syrien, Eritrea und Nigeria.
Heimat auf Zeit: Über das Internet hält Dawood Kontakt zu seinen Eltern und Freunden in seiner syrischen Heimatstadt Qam... Foto: Gerhard Meißner

Jetzt waren die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Angelika Weikert und der Ochsenfurter Abgeordnete Volkmar Halbleib in dem Jugendwohnhaus zu Besuch, um sich einen Eindruck von der Situation der Jugendlichen zu verschaffen.

Dawoods Eltern leben noch immer in Qamischli, einer syrischen Stadt unmittelbar an der Grenze zur Türkei. Die meisten Einwohner dort sind wie Dawood muslimische Kurden oder christliche Assyrer. In der Umgebung toben brutale Kämpfe zwischen den Anhängern des „Islamischen Staats“ und den kurdischen Peschmerga. Nur in Qamischli selbst herrscht noch relative Ruhe, erzählt Dawood.

Seine Eltern haben ihrem Sohn zur Flucht verholfen, um ihn vor den weiteren Wirren des Bürgerkriegs in Sicherheit zu bringen, und davor, selbst sein Leben im Kampf gegen die radikalislamischen Rebellen aufs Spiel setzen zu müssen. Sie selbst sind geblieben. Es ist das Schicksal vieler jugendlicher Flüchtlinge, die alleine auf sich gestellt in Deutschland ankommen.

Mit 18 Jahren ist Dawood der älteste im Jugendwohnhaus. In den letzten Wochen hat er bereits ein wenig Deutsch gelernt. Tagsüber macht er ein Praktikum im nahegelegenen Steinwerk Krämer-Hofmann. Sein Chef ist sehr zufrieden, sagt die Leiterin des Jugendwohnhauses, Renate Braunbeck. So bald es geht, möchte Dawood eine Ausbildung beginnen, die Zeit, die er in Deutschland lebt, für seine Zukunft nutzen. Renate Braunbeck will ihn dabei unterstützten. Leicht wird es den beiden nicht gemacht.

In Ochsenfurt waren die Jugendlichen herzlich aufgenommen worden. Mitglieder des Ochsenfurter Asylhelferkreises kommen regelmäßig vorbei, beschäftigen sich mit den Jugendlichen, begleiten sie ins Jugendzentrum oder nehmen sie auch mal mit nach Würzburg.

Vier der Jugendlichen aus Eritrea gehören der äthiopisch-orthodoxen Kirche an. Ein ehrenamtlicher Helfer begleitet sie an jedem Sonntagmorgen zum Gottesdienst nach Würzburg. Ein paar der Jugendlichen gehen zum Training beim Ochsenfurter Fußballverein, andere betreiben Leichtathletik oder spielen Tischtennis beim TV Ochsenfurt.

Auch zu den Nachbarn gibt es gute Kontakte. Die Leute kommen vorbei und erkundigen sich, sagt Renate Braunbeck. Neulich hat eine Frau Eis für die Jugendlichen vorbeigebracht. Eine spontane Geste der Gastfreundschaft, die den Jugendlichen hilft, sich in ihrer schwierigen Situation zurechtzufinden. „Die Welle der Hilfsbereitschaft, die wir hier erlebt haben, ist wirklich einzigartig“, sagt Christine Fabri, Leiterin des Kolping-Bildungswerkes.

Vieles könnte noch einfacher sein, wenn auch die offiziellen Stellen besser auf die Bedürfnisse der jugendlichen Flüchtlinge eingestellt wären. Eines der größten Probleme ist der Schulbesuch, sagt Renate Braunbeck.

Die Jugendlichen, für die noch die allgemeine Schulpflicht gilt, besuchen die Übergangsklasse an der Mittelschule in Gaukönigshofen. Für die Älteren, die sich in einem Berufsintegrationsjahr auf ihre Ausbildung vorbereiten könnten, fehlen an der Berufsschule in Ochsenfurt die Plätze, beklagt Christine Fabri. „Die Schulen sind zu wenig reaktionsfähig“, sagt sie.

Das Problem kennt SPD-Sozialexpertin Angelika Weikert aus ihrer Erfahrung als Vorsitzende der Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder in Nürnberg. Während des Schuljahres sei es schwierig, zusätzliche Plätze an Berufsschulen einzurichten. Die Staatsregierung habe aber zugesichert, zusätzliche Klassen einzurichten, wenn Bedarf besteht. Landtagsabgeordneter Volkmar Halbleib schlägt deshalb vor, weitere Schulplätze über die Regierung von Unterfranken oder den Landkreis Würzburg als Trägern der Berufsschule einzufordern.

Die Zeit drängt, weil in der ersten Aprilhälfte 18 weitere unbegleitete Jugendliche ins Ochsenfurter Kolpinghaus einziehen. Hinzu kommt ein Wohnheim für junge Flüchtlinge in Marktbreit und die Jugendlichen, die in den normalen Flüchtlingsunterkünften gemeinsam mit ihren Eltern leben.

Davon, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Förderschulen unterzubringen, hält Angelika Weikert nichts. Erhöhten Förderbedarf hätten sie lediglich hinsichtlich der Sprache. Im Gegenteil: In der Regel seien die Jugendlichen, die die beschwerliche Flucht aus ihrer Heimat auf sich genommen haben, hoch motiviert und leistungsbereit. Vor dem Hintergrund steigenden Fachkräftemangels hätten dies inzwischen auch die Handwerkskammern erkannt, so Weikert, und setzen sich für einen erleichterten Zugang zu Ausbildungsplätzen ein.

Bereits seit dem vergangenen Jahr genießen jugendliche Flüchtlinge einen besonderen Status, der ihnen den Aufenthalt in Deutschland für die Zeit ihrer Ausbildung garantiert. „Das ist ein ganz großer Fortschritt“, so die Politikerin.

Auch Dawood würde gerne einen Beruf erlernen, um irgendwann in sein befriedetes Heimatland zurückkehren können.

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