WÜRZBURG

Der Bienenforscher erzählt Betriebsgeheimnisse

Jürgen Tautz an einem „Hotel“ für Wildbienen auf dem Uni-Campus.Text
Jürgen Tautz an einem „Hotel“ für Wildbienen auf dem Uni-Campus.Text Foto: Patty Varasano

Ein Buch wollte er eigentlich gar nicht schreiben. Vor zwei Jahren emeritiert, ist Jürgen Tautz viel unterwegs. Fast so viel wie früher, als er Professor am Würzburger Biozentrum war, Studenten betreute, Verhaltensphysiologie und Soziobiologie lehrte und ganz nebenbei das interdisziplinäre Hobos-Projekt begann. Honeybee Online Studies – nicht nur, um Förderer und Freunde für die Internetplattform rund um die Honigbiene zu gewinnen, war Tautz umtriebig unterwegs. Er galt und gilt als Deutschlands bekanntester Bienenforscher. Und weil er gerne erzählt, weil er das Wissen weitergeben will und Forschung nicht für einen akademischen Selbstzweck hält, war er geschätzt an 32 von 52 Wochenenden im Jahr zu Vorträgen und Veranstaltungen und Treffen im Land unterwegs.

Mit Hobos und der Bienenforschung in neue Räume

Seit zwei Jahren nun ist er im Ruhestand. Und wer Jürgen Tautz kennt, weiß, dass der so ruhig kaum sein kann. Der Biologe ist aus dem Biozentrum aus und mit dem Hobos-Projekt und dem Verein Bienenforschung Würzburg in ein „Verfügungsgelände“ auf dem neuen Hubland-Campus gezogen. Und dort bekam er vor zwei Jahren Besuch von Diedrich Steen, Programmleiter im Gütersloher Verlagshaus.

Einem Verlag, dessen Schwerpunkte eigentlich Theologie und Spiritualität, Lebenskunst und Gesellschaft sind. Der Verlagsmann war neugierig auf die Arbeit der Würzburger Bienenforscher, ließ sich alles zeigen – und drängte den Professor zu einer Publikation.

Nach Steens Besuch wollte Jürgen Tautz immer noch kein Buch schreiben. Irgendwann, einige Zeit danach, der Zufall wollte es, bekam er mit, dass der Programmleiter des Verlagshauses selbst seit 20 Jahren imkert. Also machte er sich auf nach Gütersloh . . .

Und jetzt, zwei Jahre später, hält Tautz am Tisch im Hobos-Büro das neue Buch in der Hand: „Die Honigfabrik“. Zehn Jahre nach dem „Phänomen Honigbiene“ hat der populäre Bienenforscher wieder über Wächterbienen und Ammen, Sammlerinnen, Königinnen und Putzbienen geschrieben. Zusammen mit Diedrich Steen, dem Programmchef, der Tautz' Leidenschaft für die Imkerei teilt.

Druckfrisch - mit einem publikumsträchtigen Titel

Honigfabrik? „Die Wunderwelt der Bienen – eine Betriebsbesichtigung“, heißt der Untertitel. Und im Klappentext heißt es, dass der Leser mit den beiden Autoren die Fabrikhalle und die Produktionsmittel, das Personal, die Chefetage und Produktionsmittel kennenlernen wird. Und dass er erfährt, wer im Bienenstock wie mit wem zusammenarbeitet – oder auch nicht. Wer faul ist und wer schnorrt, wer schuftet und wer im Volk, wenn überhaupt, das Sagen hat. Jürgen Tautz schmunzelt selbst über den Titel. Das Buch sei für jedermann, ausdrücklich weniger für Imker. „Ich wollte ein Buch, das sich mit dem Verhältnis von Bienen und Menschen beschäftigt“, sagt Tautz. „Und unser Zugang zu den Bienen ist eben als Erstes der Honig auf dem Frühstücksbrot.“

Also auf in die Fabrik. Jürgen Tautz und Diedrich Steen erzählen, wie das Leben im Bienenkasten funktioniert – aus der Sicht des Imkers, der jetzt im Frühjahr froh ist, wenn die Tage wärmer werden und die Bienen endlich Nektar sammeln können, und aus der Sicht des Wissenschaftlers, der die Beobachtungen aus der Praxis erklärt. „Wer anfängt, Bienen zu halten und auch nach drei Jahren, wenn alle Anfängerdramen durchlebt sind, noch Bienenvölker hat, der hat keine Bienen mehr, sondern umgekehrt: Den haben die Bienen!“, schreibt Steen, dessen Familie seit mehr als 100 Jahren Bienen hält.

Ein hinterlistiges Geschenk

Tautz kam spät auf die Honigbiene. Oder besser: die Honigbiene kam spät zu ihm. Martin Lindauer, der Professorenkollege und große Würzburger Bienenforscher, brachte ihm eines Tages eine Kiste surrender Bienen als Geschenk nach Hause. Verbunden mit dem Vorwurf, „dass es ein großer Fehler eines Zoologen sei, sich nicht mit Honigbienen zu beschäftigen“. Tautz blieb nichts anderes übrig, als sich im heimischen Garten um das geschenkte Volk zu kümmern. Und was er da beobachten konnte, das faszinierte ihn immer mehr. Bislang hatte er sich mit dem zentralen Nervensystem von Flusskrebsen beschäftigt. Er wechselte das Forschungsfeld.

Dass Bienen über eine Art Haustelefon kommunizieren? Dass Bienen im Winter energieeffizienter heizen als jede moderne Heizungsanlage? Dass Drohnen nur halbe Frauen sind? Dass Bienen sich ihre Schwestern im Wortsinne „backen“ können? Dass die Luft im Bienenstock heilende Wirkung hat? Dass Bienen Betriebsspionage betreiben, andere Bienenstöcke auskundschaften und eigentlich alles andere als bienenfleißig sind? Davon erzählt Tautz seit vielen Jahren in seinen Vorträgen, vor Schülern, in Volkshochschulen, vor Wirtschaftsbossen und Automobilmanagern. Und davon schreibt er jetzt im neuen Buch.

Neue Erkenntnisse, aber nicht nur für die Fachwelt

„Wissenschaftlich ist alles neu“, sagt Tautz über seine Kapitel. Neu, das heißt, auf dem neuesten Stand. Alte Beobachtungen – mit neuer Erkenntnis, neuer Interpretation. Für den Biologen ist das ein Stück weit neue Freiheit. Er ist nicht mehr gezwungen, auf Teufel komm' raus in Fachzeitschriften zu veröffentlichen, nur damit die endlos lange Publikationsliste noch länger wird, nur um sich in der geschlossenen akademischen Welt vor 300 Fachkollegen zu beweisen. „Es ist eine Erkenntnis, die nicht leicht fällt: Dass man auf diesem Weg als Wissenschaftler gar nichts bewirkt und erreicht“, sagt der Professor im Ruhestand.

Er selbst liest „unglaublich gerne alte Forscherliteratur“ – vom großen Karl von Frisch beispielsweise. „Weil die nicht so formalisiert und standardisiert ist, als hätte sie ein Computer geschrieben. Sondern weil die alten Aufsätze geschrieben sind wie Geschichten, die sich an jeden wenden.“

Heute muss Tautz nicht mehr publizieren, muss nicht mehr vor Gutachtern um Veröffentlichung in den Fachjournalen ringen. Aber forschen, beobachten, die Bienenwelt erkunden will er weiter. Die neuesten Erkenntnisse, die er gesammelt hat wie sein Beobachtungsobjekt die Pollen, hat er deshalb nicht für den kleinen Expertenkreis zusammengefasst. Sondern veröffentlicht in den wissenschaftlichen Abschnitten des Buchs.

Der Schwänzeltanz - und das Rütteln an einem Tabu

Da ist zum Beispiel das Kapitel über den Schwänzeltanz. Ein Fall für sich. „Eine einzige Kolonie Honigbienen kann an einem Tag mehrere Millionen Blüten besuchen“, erzählt Jürgen Tautz und holt aus. 170 000 Arten von Blütenpflanzen weltweit werden von den Bienen bestäubt – eine Abhängigkeit sondersgleichen. Und die Bienen halten sich gegenseitig über ergiebige Futterquellen auf dem Laufenden.

Der österreichische Nobelpreisträger Karl von Frisch entschlüsselte vor bald 100 Jahren, wie die Bienen im dunklen Stock über Tanzfiguren miteinander kommunizieren. Tanzend und mit dem Hinterleib schwänzelnd geben die Kundschafterinnen den Kolleginnen im Stock ganz exakt Auskunft über Angebot, Richtung und Entfernung einer prall gefüllten Blüte. Durch den Schwänzeltanz werden Sammelbienen zu dem Ziel rekrutiert, das die Tänzerin anzeigt – das ist die schöne, charmante Lehrmeinung seit Karl von Frisch. Das steht in den Schulbüchern bis heute.

Für Jürgen Tautz ist der Schwänzeltanz ein wichtiges Thema – aber ein verdammt heikles. Der 68-Jährige beobachtet die Bienen, seitdem Martin Lindauer ihm den Stock in den Garten stellte. Er weiß, wie die Insekten im Brauseflug um eine Nektarquelle schwirren und dort Duftstoffe verteilen. Und er hat mit der BeeGroup und seinen Doktoranden Dutzende Mikrochips auf Bienen geklebt, die Bienenstöcke mit Sensoren ausgerüstet und dauerüberwacht, hat Dutzende Experimente, Aberdutzende Versuche gemacht. Er sagt: Es gibt auch eine Kommunikation außerhalb des Stocks, nach dem Tanz.

Stich ins Wespennest

Tautz hat Erkenntnisse von Karl von Frisch, Lindauer und anderen präzisiert, ergänzt – und das Bild vom Schwänzeltanz korrigiert. Er stach damit in ein Wespennest. „Schwänzeltanz entzaubert“ titelte die „Süddeutsche Zeitung“ im Dezember 2009 und zitierte Tautz mit der Behauptung, die Bedeutung des Bienentanzes werde stark überschätzt. Der eloquente Forscher wird leise und wortknapp bei diesem Thema und deutet nur an. Was nach dem Artikel, den er damals vor Veröffentlichung wider die Absprachen nicht mehr zu sehen bekam, über ihn hereinbrach, kann ein Außenstehender allenfalls erahnen. Ein Sturm der Entrüstung brach los, andere Forscher widersprachen vehement, eine Woche später brachte die SZ einen weiteren Artikel: „Und sie tanzen doch“.

In Wikipedia, dem Online-Lexikon, ist darüber heute so zu lesen: „Allerdings war diese 'Kontroverse' ein Missverständnis, da er (also Tautz, d. Red.) lediglich behauptete, dass die Informationen des Schwänzeltanzes ungenau seien und die Bienen in ein grob umgrenztes Gebiet lenken, in dem Anschlussreize die Bienen zur Futterquelle lenken.“

„Jedes Wort gewogen“

Was der „Bienenversteher“, wie der Tagesspiegel mal so schön schrieb, über den Schwänzeltanz, auf den ganze Kommunikationstheorien beruhen, zu sagen hat, ist im neuen Buch zu lesen. „Jedes Wort gewogen, jedes einzelne sorgfältig gewählt“, sagt Tautz. „Weil ich möchte, dass es keine Missverständnisse gibt.“ Die Kurzfassung geht so: Ohne Duft läuft bei den Bienen nichts.

Buchtipp

Jürgen Tautz, Diedrich Steen: „Die Honigfabrik. Die Wunderwelt der Bienen – eine Betriebsbesichtigung“. Gütersloher Verlagshaus. 288 Seiten, 19,99 Euro

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Der Bienenforscher erzählt Betriebsgeheimnisse. Foto: Gütersloher Verlagshaus

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