WÜRZBURG

Der Faktencheck vor dem Bürgerentscheid Faulhaber-Platz

„Tod des Einzelhandels“ und „Tote wegen Feinstaub“. Im Endspurt vor der Abstimmung rüsten die gegnerischen Parteien im Bürgerentscheid verbal auf. Stimmen die Fakten?
Der Kardinal-Faulhaber-Platz wie er sich heute darstellt. Foto: THOMAS OBERMEIER

Das Ratbegehren

Mit dem Bürgerentscheid 1 (Ratsbegehren) „Grüner Platz: Innenstadt für alle“ werben Oberbürgermeister und die Stadtratsmehrheit um Zustimmung. Der nach der Umlegung der Straßen auf 3000 Quadratmeter vergrößerte Platz soll mit einem „zurückhaltenden“ dreistöckigen Gebäude bebaut und teils begrünt werden. Wichtig ist im Ratsbegehren der Standort für den Individualverkehr: Eine Tiefgarage mit maximal 120 Stellplätzen soll die wegfallenden 71 ersetzen.

Die Argumente

(Wenn nicht anders vermerkt, stammen sie aus den Flyern)

Die Tiefgarage ist für die „optimale Erreichbarkeit“ der Innenstadt unentbehrlich.

• Fakt: Das Quartier um den Faulhaber-Platz hat durch die Umgestaltung zur Fußgängerzone 65 Stellplätze verloren, am Faulhaber-Platz werden 71 wegfallen. Die Markgarage, als nächstgelegene Tiefgarage, ist stark ausgelastet.

Die Innenstadt ist mit insgesamt rund 8000 Stellplätzen laut Parkraumtarifkonzept der Stadt besser versorgt als andere Großstädte. Jüngst wurden aber einige Oberflächenstellplätze entfernt. Dennoch sind 120 Tiefgaragenplätze nur 1,5 Prozent und damit nicht „unentbehrlich“.

Das Mainfranken Theater erhält einen „repräsentativen Vorplatz“.

• Fakt: Städtebauliche Argumente sprechen dafür. Ein mit Wegen erschlossener, von Gebäuden eingefasster und mit Nutzungen versehener Platz passt hier.

Das „zurückhaltende“ Gebäude zur Maxstraße schafft eine „geschützte Platzsituation und schirmt Straßenlärm und Verkehr ab.“

• Fakt: Rund 800 Busse und 13 000 Autos passieren heute täglich über die Theaterstraße den Faulhaber-Platz. Das Gebäude mit etwa 350 Quadratmetern Grundfläche soll an der neuen Maxstraße entstehen. Diesen Platzteil schützt es vor Lärm und Abgasen.

„Neue grüne Freizeitflächen mit zahlreichen schattenspendenden Bäumen“ entstehen.

• Fakt: Das stimmt! Der Stadtrat hat beschlossen, dass die Hälfte des Platzes begrünt wird, 26 Bäume gepflanzt und eine Wasserfläche für Kinder gebaut werden. Dass auf einer Tiefgarage Bäume wachsen, sieht man am Wichtermann-Platz in Schweinfurt. Dort stehen seit 1988 24 auf knapp vier Meter Höhe geschnittene Platanen, die im Sommer zwei Mal wöchentlich gewässert werden.

„Oben Park und unten Parken“ (Slogan der FDP).

• Fakt: Das hängt davon ab, was man unter einem Park versteht. Richtig große Bäume wie im Ringpark wachsen auf dem Deckel einer Tiefgarage nicht. Wie hoch sie werden, bestimmt der Wurzelraum. Die Stadt will 1,20 Meter Substrat aufschütten, neun Meter hoch sollen Bäume darin werden können.

„Der Bau der neuen Tiefgarage ist für die Stadt rentabel“ (Oberbürgermeister Christian Schuchardt)

• Fakt: Schwierig. Denn es gibt keine Angaben zu den Baukosten. Die Herstellungskosten hängen unter anderem von der Tiefe und der Bodenbeschaffenheit ab. Wenn die Garage gut ausgelastet ist – wie zum Beispiel die Marktgarage –, könnte sich ihr Bau in 15 bis 20 Jahren rechnen.

Ohne die Tiefgarage „geht Würzburg kaputt und wird langfristig abgetötet“ („Würzburg macht Spaß")

• Fakt: Das ist stark übertrieben. Denn von 120 Tiefgaragenplätzen würde vor allem der Einzelhandel rund um Eichhorn- und Spiegelstraße profitieren. Genauso wie er unter dem Verlust der 71 Parkplätze auf dem Faulhaber-Platz leiden würde. In der gesamten Innenstadt gibt es laut Gutachten auch in Spitzenzeiten in Parkanlagen (zum Beispiel Juliusgarage, Theater, Alte Mainbrücke und Congress Centrum) 870 freie Parkplätze. Dennoch gibt es aus Geschäften oder Praxen Klagen, dass Parkmöglichkeiten fehlen. Eine Erklärung für den „gefühlten“ Mangel könnte die vergebliche Suche nach Stellplätzen auf der Straße sein. Die gut 1700 bewirtschafteten Stellplätze auf der Straße sind laut dem Gutachten immer stark ausgelastet.

Manche Autofahrer finden einige Tiefgaragen auch zu unkomfortabel oder sie erwarten, dass es in der kleinen Großstadt Würzburg so günstige Parkplätze gibt wie in Kleinstädten.

„Über das Weltklima wird am Faulhaber-Platz nicht entschieden“ (Mittelstandsunion Würzburg-Stadt).

• Fakt: Die bayerische Umweltministerin Ulrike Scherf sieht das anders. „Städte haben eine Schlüsselrolle beim Erreichen der internationalen Klimaschutzziele“, sagte sie der Süddeutschen Zeitung. Aber auch für das innerstädtische Klima „müssen wir grüne Lungen schaffen.“

Das Bürgerbegehren

Mit dem Bürgerentscheid 2 (Bürgerbegehren) „Grüner Platz am Theater“ will ein Bündnis aus Politik und Bürgern die Pläne des Rathauses stoppen. Sie stellen Aufenthaltsqualität und Klimaschutz in den Mittelpunkt und sind gegen eine Tiefgarage. Stattdessen sollen die 3000 Quadratmeter mit großen Bäumen bepflanzt werden.

Der Park sorgt für „besseres Stadtklima und sauberere Luft“.

• Fakt: Der Klimawandel ist wissenschaftlich belegt. In absehbarer Zukunft wird des in der Würzburger Innenstadt heißer werden. Bäume kühlen durch Verdunstung und filtern Schadstoffe aus der Luft. Die Kühlwirkung eines Parks ist aber auf einen Umkreis von etwa 100 Metern beschränkt. Das Klima der ganzen Stadt verbessert ein Faulhaber-Park deshalb nicht.

„Nur eine konsequente Begrünung kühlt die Altstadt.“

• Fakt: Laut dem mikroklimatische Gutachten der Stadt zum Vergleich zwischen Rats- und Bürgerbegehren kühlen beide Varianten. Aber Bäume eines echten Parks tun das etwa mehr. Wie der Würzburger Klimaexperte Heiko Paeth betont, dass nur in echter Erde gepflanzten Bäume mit ihren Wurzeln ans Grundwasser kommen und deshalb deutlich mehr Wasser verdunsten können.

Würzburg ist Bayerns „Feinstaubmetropole“.

• Fakt: Das war sie im Januar, als am Stadtring Süd ein bayernweiter Feinstaub-Rekordwert gemessen wurde. Insgesamt wurden die Feinstaub-Grenzwerte dort bislang an 23 Tagen überschritten, genauso oft am Stachus in München. In keiner anderen bayerischen Stadt gibt es heuer mehr Überschreitungen.

„Vom Rennweg über die Theater- und Bahnhofsstraße führt die Giftrinne Würzburgs“. (Aktionsbündnis-Sprecher Jörg Töppner)

• Fakt: Stickoxide und Feinstaub werden zwar als Schadstoffe und nicht als Gifte bezeichnet, aber dieser Teil der Innenstadt ist tatsächlich sehr stark betroffen. Laut Umweltreferent Kleiner ist die Belastung von Bahnhof- , Textor- und Theaterstraße mit Stickoxiden eine der höchsten der Innenstadt (vergleichbar sind Grombühl- und Zeller Straße). Auch die höchsten Feinstaubwerte der Innenstadt misst das Bayerische Landesamt für Umweltschutz in der Theaterstraße.

„Hohe Schadstoffwerte führen in Deutschland bei über 30 000 Menschen zum vorzeitigen Tod.“

• Fakt: Weltweite Studien belegen, dass Feinstaub und Stickoxide in der Luft die Zahl tödlich verlaufender Schlaganfälle, Herzleiden und Atemwegserkrankungen wie Asthma erhöhen. Laut einer Statistik des Umweltbundesamts gab es 2014 in Deutschland über 41 000 vorzeitige Todesfälle aufgrund schmutziger Luft.

Der Würzburger Arzt Michael Imhof und andere Mediziner warnen seit Jahren vor „schwersten gesundheitsschädlichen Auswirkungen der regelmäßig erhöhten Stickoxid- und der Feinstaubwerte“.

„Die Lebenserwartung in Würzburg ist bereits deutlich niedriger als in anderen Regionen.“

• Fakt: Der Arzt Imhof nennt eine Studie des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, wonach die Lebenserwartung von Männern in Würzburg 2011 um 1,1 Jahre unter dem Durchschnitt anderer Regionen lag. In der Region Starnberg war sie beispielsweise um 3,8 Jahre höher. Allerdings bezieht sich diese Zahl auf ganz Würzburg - nicht auf stark mit Feinstaub belastete Bereiche wie den Mittleren Ring oder die Theaterstraße.

„Eine Tiefgarage bedeutet mehr Verkehr und mehr Schadstoffe für die Altstadt“ (Töppner)

• Fakt: Umweltreferent Wolfgang Kleiner sagte jüngst gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass Würzburg im Kampf gegen die Schadstoffbelastung der Innenstadt „verstärkt auf den öffentlichen Nahverkehr, Carsharing, Fahrrad-Verleih und den Ausbau von Radwegen setzt.“

Die Frage dieser Redaktion, ob die geplante Tiefgarage am Faulhaber-Platz in diesem Zusammenhang Sinn macht, beantwortet Kleiner nicht, weil er als Kommunalreferent Abstimmungsleiter des Bürgerentscheids und zur Neutralität verpflichtet ist.

Laut Parkraumtarifkonzept sorgen mehr Parkplätze generell für mehr Verkehr. Tiefgaragen können aber den Parksuchverkehr verringern, wenn gleichzeitig die Oberflächenparkplätze reduziert oder deutlich verteuert

Rückblick

  1. Faulhaber-Platz: Statt Kritik gab's diesmal Lob
  2. Zoff ums Grün: Kritik an Umgestaltung des Faulhaber-Platzes  
  3. Faulhaber-Platz: Wie soll der künftige Park aussehen?  
  4. Der neue Faulhaber-Platz ist eröffnet
  5. Kardinal-Faulhaber-Platz: Rasen wie ein Teppichboden
  6. Faulhaber-Platz: Bagger schaufelt am historischen Pflaster
  7. Bratwursthäusle am Faulhaberplatz vor ungewisser Zukunft
  8. Faulhaber-Platz soll noch im Sommer grün werden
  9. Faulhaber-Platz: Rollrasen statt Asphalt
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  12. Faulhaber-Platz: OB entschuldigt sich
  13. Standpunkt: Der OB verliert ein zweites Mal
  14. Sperrung Faulhaber-Platz: Kritik am OB
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  16. Bürgerentscheid: Die meisten stimmten im Steinbachtal ab
  17. Parkverbot am Faulhaber-Platz
  18. Bürgerentscheid: Würzburger sagen Nein zur Tiefgarage
  19. Standpunkt zum Bürgerentscheid: Schlingerkurs abgewählt
  20. Würzburger sagen Nein zu Tiefgarage am Faulhaber-Platz
  21. +++LIVE+++ Bürgerentscheid zu Kardinal-Faulhaber-Platz in Würzburg
  22. Würzburger entscheiden über Platz in der Innenstadt
  23. Bürgerentscheid-Endspurt mit Pro- und Contra-Stimmen
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  25. Standpunkt: Mehr als eine Platz-Frage
  26. Bürgerentscheid stellt Briefwahlrekord auf
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  28. Mittelständler: „Es geht um die Zukunft des Einzelhandels“
  29. „Neue Mitte“ will Tiefgarage
  30. Umland und Handel fordern die Tiefgarage
  31. Der Faktencheck vor dem Bürgerentscheid Faulhaber-Platz
  32. Faulhaber-Platz: Heimatpfleger ist gegen Bebauung
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  34. Kardinal-Faulhaber-Platz: Begrünung gut fürs Klima
  35. Töppner: Vom 68er-Protestler zum Bürgerentscheids-Sprecher
  36. Infoabende zum Bürgerbegehren
  37. Kardinal-Faulhaber-Platz: „Wollt ihr die Stadt kaputt machen?“
  38. Gutachten zum Faulhaber-Platz liegt vor
  39. Bürgerentscheid zum Kardinal-Faulhaber-Platz findet statt
  40. Würzburg vor dem siebten Bürgerentscheid
  41. Vor dem Bürgerentscheid: Das Streitgespräch
  42. Vor dem Bürgerentscheid: Hauptstreitpunkt Tiefgarage
  43. Bürgerentscheid: Hält die Stadt, was sie plakatiert?
  44. Bürgerentscheid: OB sagt Streitgespräch ab
  45. Bürgerentscheid Faulhaber-Platz: Vorwürfe an die Stadt
  46. Bürgerentscheid Faulhaber-Platz: Jeder Baum zählt
  47. Heiße Zukunft für Würzburgs Innenstadt
  48. Bürger können zwischen Grün und Grün entscheiden
  49. Automatische Briefwahl: Bürger zum Mitmachen mobilisieren
  50. Faulhaber-Platz: Komplett grün oder nur teilweise?

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