RITTERSHAUSEN

Der Natur wieder ihren Lauf lassen

Nach den starken Regenfällen der vergangenen Wochen wurde aus der Thierbach-Au oberhalb von Rittershausen eine kleine Seenlandschaft. Bürgermeister Bernhard Rhein ist froh, dass das Dorf so vor Überflutungen geschützt wird. Foto: Gerhard Meißner

Rund 50 Liter Niederschlag, die seit Weihnachten im südlichen Landkreis Würzburg gefallen sind, haben den Thierbach erheblich anschwellen lassen. Vor zwei Jahrzehnten noch wären deshalb im Gaukönigshöfer Ortsteil Rittershausen vermutlich Straßen überflutet worden und Keller vollgelaufen. Seit man dem Thierbach einen naturnahen Verlauf zurückgegeben hat, gehören solche Hochwasserschäden der Vergangenheit an. Stattdessen ist ein wertvolles Biotop entstanden, in dem sich nicht nur Spaziergänger wohlfühlen, sondern auch seltene Tierarten wieder heimisch geworden sind.

Nach einem Spaziergang am Thierbach ist in diesen Tagen den wenigsten zumute. Es ist nasskalt, das Flüsschen hat die angrenzenden Wiesen überflutet. Gaukönigshofens Bürgermeister Bernhard Rhein freut sich über diesen Zustand. Er ist ein Beweise dafür, dass die Renaturierung den Erwartungen gerecht wird.

Bei der ersten Flurbereinigung in den 30er Jahren war aus dem Thierbach ein begradigtes Kastengerinne geworden; in steilen Ufern gefangen, um der Landschaft auch den letzten Quadratmeter Ackerland abzutrotzen. Die Folge: Weil die Äcker direkt bis an den Bach heranreichten, wurden Dünger und Spritzmittel ins Gewässer eingetragen.

Der Bach musste keine Hindernisse mehr überwinden, es fand aber auch kaum noch Belüftung statt. Die Selbstreinigungskräfte des Gewässers waren deshalb gestört. Vor allem aber kam es nach starken Niederschlägen regelmäßig zu Überschwemmungen, die von der Fuchsenmühle bis zum Ortseingang reichten, berichtet der Bürgermeister.

Mehr als 60 Jahre später war es erneut eine Flurbereinigung, die den Anlass gab, den unbefriedigenden Zustand zu beheben. 26 Hektar Fläche entlang des Thierbachs hat die Gemeinde damals gegen andere Äcker eingetauscht. Zu beiden Seiten des Bachs entstanden zehn Meter breite Streifen. Sie waren der Grundstock für die bauliche Renaturierung und bildeten zugleich einen Puffer gegen den Eintrag von Stickstoffdünger aus der Landwirtschaft.

Hinzu kamen Flächen, die man gezielt abgegraben hat, damit sich das Wasser nach starken Regenfällen ausbreiten kann und so zurückgehalten wird. Stellenweise wurden das Bachbett verbreitert, die Ufer abgeflacht und Hindernisse geschaffen, um die herum sich der Bach einen neuen Weg suchen muss. Seit dem Jahr 2002 blieb der Thierbach weitgehend sich selbst überlassen. Lediglich die Gehölze, die man gepflanzt hat – vor allem standortgerechte Weiden und Schwarzerlen – bedürfen hin und wieder der Pflege.

Die Natur hat sich den Thierbach seitdem zurückerobert, und der lässt seine Vergangenheit als Abflussgraben kaum noch erahnen. Viele seltene Vogelarten haben sich wieder in den Auen niedergelassen, sagt Bernhard Rhein. Sogar der Eisvogel wird hin und wieder gesichtet. Auch der Biber darf ungestört dort hausen, ohne Schaden anrichten zu können. Der Thierbach ist zu einem beliebten Ziel für Spaziergänger geworden. Auch der Freizeitwert der Gemeinde sei dadurch gestiegen, so Rhein. Vor allem aber – und das habe in Rittershausen auch die letzten Skeptiker überzeugt – sind Überschwemmungsschäden seitdem passé.

„Man sieht, dass man mit wenig Aufwand große Wirkung erzielen kann“, sagt der Bürgermeister. Selbst das Unwetter vom 29. Mai 2016, bei dem rund um Rittershausen in einer Stunde 60 Liter Regen pro Quadratmeter niedergegangen sind, und bei dem der Giebelstadter Ortsteil Eßfeld von einer Schlammlawine überrollt wurde, konnte hier keine Schäden anrichten. „Die Renaturierung hat ihre Bewährungsprobe bestanden“, so Rhein.

Vielen anderen Gewässern dritter Ordnung, wie die kleinen Bäche offiziell bezeichnet werden, hat der Thierbach damit viel voraus. Nach der europäischen Wasserrahmenrichtlinie sollen auch sie wieder in einen ökologisch guten Zustand versetzt werden, sagt Herbert Walter, Chef des Wasserwirtschaftsamts in Aschaffenburg. Während die Behörde für die größeren Bäche und Flüsse direkt verantwortlich ist, unterstützt sie die Gemeinden bei der Pflege der kleinen Bäche.

Bis zu 75 Prozent der Kosten stehen als Zuschuss in Aussicht, wenn Gewässer wieder naturnah gestaltet werden, oder Rückhaltungen für den Schutz vor Hochwassern geschaffen werden. Nach den Unwettern vom Mai 2016 wurde dieses Förderprogramm sogar noch ausgeweitet. Außerdem können sich Kommunen den ökologischen Ausbau von Gewässern ihrem Öko-Konto gutschreiben lassen, um sie bei späteren Baumaßnahmen als ökologischen Ausgleich geltend zu machen.

In seinem jüngsten Rundschreiben rührt auch der Bayerische Gemeindetag kräftig die Werbetrommel für die ökologische Gewässerentwicklung. Durch seine hohe Aufenthaltsqualität sei ein natürlich gestalteter Bachlauf ein Standortvorteil für eine Wohngemeinde und zugleich ein Lernort, um Kindern das Bewusstsein für die Natur näher zu bringen. „In dem Moment, in dem ein gelbes Rapsfeld als natürlich und schön empfunden wird, ist es für diese Bewusstseinsbildung zu spät“, heißt es in der Veröffentlichung.

Weil Niederschläge verzögert weitergeleitet werden, leistet der ökologische Ausbau kleiner Bäche auch einen Beitrag zum Hochwasserschutz am Main. Zumindest die kleineren, häufig wiederkehrenden Hochwässer können dadurch abgeschwächt werden, so Herbert Walter vom Wasserwirtschaftsamt. In der Renaturierung sämtlicher Gewässer, wie sie von der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie angestrebt wird, sieht er allerdings eine „Generationenaufgabe“.

In Gaukönigshofen will man sich mit dem Erreichten noch nicht zufrieden geben. Im Bereich ehemaliger Kleingärten soll das Thierbachufer ebenfalls aufgeweitet und ökologische gestaltet werden. Bernhard Rhein wartet dazu noch auf die Unterstützung des Wasserwirtschaftsamts.

Für die Ortsteile Eichelsee und Acholshausen will der Gemeinderat außerdem ein Konzept für den Schutz vor Überschwemmungen in Auftrag geben, um gegen die Zunahme von Starkregenereignissen gewappnet zu sein. „Durch die Thierbach-Renaturierung sind wir für den Klimawandel gut gerüstet“, so Bürgermeister Bernhard Rhein.

„Durch die Thierbach-Renaturierung sind wir für den Klimawandel gut gerüstet.“
Bernhard Rhein, Bürgermeister von Gaukönigshofen
Im Bereich einer ehemaligen Kleingartenanlage in Gaukönigshofen soll der Thierbach ebenfalls noch ökologisch ausgebaut w... Foto: Gerhard Meißner
Der Biber kann am renaturierten Tierbach wenig Schaden anrichten. Foto: Gerhard Meißner

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