Würzburg

Der Papst hat bereits gebaute Brücken wieder gekappt

Papst Franziskus hat gesprochen. Seine Abschlussrede wurde am Ende des viertägigen Anti-Missbrauchsgipfels in Rom mit Spannung erwartet. Es gibt kritische Reaktionen.
Prof. Matthias Remenyi, Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft, Uni Würzburg. Foto: Remenyi

 Die Konferenz  zum "Schutz von Minderjährigen in der Kirche" ging am Sonntag zu Ende. Das  Oberhaupt der katholischen Kirche hielt seine mit Spannung erwartete Abschlussrede zum sogenannten Anti-Missbrauchsgipfel.  Papst Franziskus beschrieb darin sexuelle Gewalt als weltweites Problem - nicht nur in der Kirche. Er sprach von monströsen Verhaltensweisen, wenn sie in der Kirche geschehe, vom Instrument des Satans, von einer Ekklesiologie des Bösen gegen die Schwächsten. Er forderte: "Die Heiligkeit des Priesteramtes muss wieder hergestellt werden." Wichtig sei, "dieses Übel in eine Chance zu verwandeln, besser zu werden."

Vier Tage hat Papst Franziskus mit den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen weltweit sowie Ordensoberen und anderen, insgesamt 190 Teilnehmern im Vatikan in Rom getagt. Auf seine vorab als programmatisch bezeichnete Rede gibt es viele Reaktionen weltweit. Drei Stimmen aus der Region.

Professor Matthias Remenyi, Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft der Universität Würzburg, stellt sich seit Monaten beziehungsweise nach der Veröffentlichung der Missbrauchstudie (MHG-Studie) Fragen. Welche inhaltlichen und strukturellen Konsequenzen hat die Missbrauchskrise für die katholische Theologie? Was kann sie tun? Er hat dazu mit seinem Kollegen aus Regensburg, Professor Thomas Schärtl-Trendel kürzlich in Würzburg in Kooperation mit der Domschule zur Tagung "Nicht ausweichen - Theologie angesichts der Missbrauchskrise"ins Burkardushaus eingeladen. Im Herbst wird unter dem gleichen Titel im Pustet-Verlag ein Sammelband mit allen Vorträgen erscheinen. Professor Remenyis Statement zur Papstrede und zum Anti-Missbrauchsgipfel:

"Es ist vorbei. Das Treffen zum Schutz von Minderjährigen in der Kirche, der sogenannten Anti-Missbrauchsgipfel, ist vorbei. Vier Tage in Rom, die unter dem Dreiklang von Verantwortung, Rechenschaft und Transparenz standen. Ohne konkrete Beschlüsse, ohne Abschlusserklärung, dafür mit einer Vielzahl an Vorschlägen und Anregungen. Wieder mit großen Gesten der Betroffenheit. Tränen eines Kardinals. Bußliturgie. Ohne offiziellen Kontakt mit den Opfergruppen vor Ort in Rom, dafür mit berührenden Stimmen von Betroffenen, per Video-Stream zugeschaltet.

Und mit einer Schlussansprache des Papstes, die ebenfalls seltsam bitter oszillierte. Einerseits die klare Benennung von Heuchelei, Klerikalismus und Machtmissbrauch in der Kirche als Grundübel, das Bekenntnis zu unbedingtem Schutz der Kleinen. Andererseits eine Spiritualisierung und Relativierung der innerkirchlichen Misere: Wer Werkzeug des Bösen wird, hat nur bedingt selbst Schuld. Sextourismus und Internetpornographie sind schlimm, waren aber nicht das primäre Thema dieser vier Tage. Und bloß keine Rechtsversessenheit, keinen (so wörtlich!) Gerechtigkeitswahn unter dem Druck der Medien.

Mein Eindruck: Hier sprach keiner, der sich radikal von der Opferperspektive leiten lassen will. Hier sprach einer, der verzweifelt versucht, die Flügel in seinem Laden irgendwie zusammenzuhalten. Das war zu wenig. Auch für einen Pontifex, einen Brückenbauer. Denn über den Versuch, Brücken zwischen den innerkirchlichen Lagern zu bauen, wurden Brücken, die Betroffene schon gebaut hatten, wieder gekappt.

Der Papst dankte in dieser Schlussansprache den treuen Priestern und den Gläubigen, die diese unterstützen. Zu danken ist aber zunächst und zuvörderst den Betroffenen, für ihren Mut und ihre Wut, ihre Aufrichtigkeit und Klarheit, für ihre Stimme und ihren Rat. Franziskus zitierte Edith Stein: „Aus der dunkelsten Nacht treten die größten Propheten hervor.“ Wir haben sie längst. Sie nur zu hören, wird freilich nicht reichen. Gebe Gott, dass wenigstens der mediale Außendruck hoch genug bleibt, um Veränderung zu erzwingen, wenn sie schon nicht aus einer Umkehr des Herzens kommt.

Was ist die Bilanz? Das Ziel der Bewusstmachung des Problems und seiner globalen Ausmaße ist gewiss erreicht. Das ist nicht wenig. Bliebe es aber dabei, es wäre eine Schande. Zu Beginn der Konferenz sagte der Papst, es gehe nicht um leere Worte, sondern um konkrete und wirksame Maßnahmen. Dazu legte er eine 21-Punkte-Liste vor. Daran wird er, daran wird sich die Kirche messen lassen müssen. Nicht in ferner Zukunft, sondern sehr zeitnah. Sonst ist es vorbei."

Missbrauchsopfer tragen in Rom ein Kreuz und einen Banner durch die Via della Conciliazione Richtung Petersplatz im Rahmen eines Abendgebets der Organisation Ending Clergy Abuse (ECA). Am Sonntag ging das Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch zu Ende. Foto: Gregorio Borgia,AP,dpa

Eine Missbrauchs-Überlebende spricht von einem großen Desaster

Alexandra W. beschuldigt einen Würzburger Geistlichen des sexuellen Missbrauchs, der Vergewaltigung. Ihr Fall ist juristisch verjährt. Ihre Kirchenakte wurde Ende 2015 vom mittlerweile emeritierten Bischof Friedhelm Hofmann auf Empfehlung der Glaubenskongregation geschlossen. Vor wenigen Wochen ist ein zweiter Vorwurf gegen den Geistlichen bekannt geworden, ebenfalls verjährt. Alexandra W. kämpft weiter. Ihre Einschätzung zu den Worten von Papst Franziskus:  

"Diese Rede ist ein Desaster. Sie wurde von einem Menschen gehalten, der Macht anprangert, aber diese Macht in seiner ganzen Autorität nutzt. Zeichen dieses Machtmissbrauchs gibt es viele.

Der Papst manifestiert das verklärte Bild des engelsgleichen Priesters in seiner asexuellen Keuschheit und dem Volk Gottes - und denen, die 'gerechtigkeitswahnsinnig' sind. Diese Gerechtigkeitswahnsinnigen, die es gewagt haben zu schreien und dem heiligen Bild der Kirche Schaden zugefügt haben, sind wir: die Betroffenen mit ihren Helfern, der Presse. Wir stehen wie immer im Außen, auch wenn der Papst uns zuckersüß die Armen nennt und meint, dass er unseren Schmerz verstanden habe.

Wir sind nach seiner Wahrnehmung die wahren Schuldigen. Die Täter sind dagegen die Kranken, Besessenen, die es gilt rein zu waschen. Schuld hat nicht das System Kirche, sondern der Teufel, und dieses Werk des Bösen sollte man mit einem Exorzismus bekämpfen.

Da ist keine wahrhaftige Reue, da bleiben Worte wie 'zuhören, bewahren, schützen' nur Worthülsen. Der Papst suggeriert unseren Schutz und will nur seine Kirche schützen. Er schlägt mehrfach mit aller Gewalt auf uns Betroffene ein, indem er meint uns diktieren zu müssen, wer der Schuldige ist, was wir brauchen und ab welchem Punkt wir den Mund zu halten haben."

Der Papst hat nichts verstanden. Das Ergebnis ist ein historischer Kollateralschaden, von dem sich dieses System nicht erholen wird."

Wunibald Müller Foto: Theresa Müller

Wunibald Müller: Papst und Bischöfe haben Chance zur Umkehr vertan

Der Würzburger Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müllerhat von 1991 bis 2016 das Recollectiohaus der Abtei Münsterschwarzach geleitet. Immer wieder meldet sich Müller kritisch zu Wort. Seine Einschätzung:

"Was beim Missbrauchsgipfel erreicht worden ist, reicht nicht aus, um die tieferen Ursachen und nach wie vor vorhandenen Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt in der Kirche zu beseitigen und die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche, die gegen Null geht, zurückzugewinnen.

Die Missbrauchskrise hat deutlich gemacht: an der Kirche selbst ist etwas faul. Die Sünde kommt aus der Kirche selbst. Der üble Geruch, der von sexualisierter Gewalt in der Kirche, dem lieblosen Umgang der Bischöfe mit den betroffenen Opfern, ausging, kommt aus dem Innersten der Kirche, von der Fäulnis, die die Kirche befallen hat, die in der Gestalt des klerikalen Systems in der Kirche ihre stärkste Ausprägung findet.

Was daher in der katholischen Kirche ansteht, sind nicht noch mehr Juristen, noch mehr Bußgottesdienste, so sehr sie auch ihre Bedeutung und ihr Recht haben. Was ansteht, ist eine radikale Umkehr. Das ist die Botschaft, die vom Missbrauchsgipfel im Vatikan hätte ausgehen müssen und ausgegangen wäre, wenn dort die Weichen auf Umkehr gestellt und  ersten Schritte getan worden wären, die zur Umkehr führen.

Nicht nur, was den Schutz der potentiellen Opfer, den Umgang mit den Tätern und den Bischöfen, die vertuscht haben, betrifft. Vielmehr eine Umkehr, die sich vor allem darin zeigt, dass der Papst und die Bischöfe Macht abgeben und endlich Positionen aufgeben, die sexualisierte Gewalt in der Kirche begünstigen können. Dazu zählen unter anderem das Pflichtzölibat, die negative Einstellung zur Homosexualität, das Verbot, schwule Männer zur Weihe zuzulassen, eine Morallehre über das richtige sexuelle Verhalten, die der Wirklichkeit der Menschen von heute nicht gerecht wird.

Diese Umkehr hat nicht stattgefunden. Die Chance dazu haben Papst und die Bischöfe vertan. Sie zeigen damit, dass sie offensichtlich den Ernst der Lage nicht erkannt haben. Die katholische Kirche befindet sich in einer Situation, die an die Zeit vor der Reformation erinnert, ja mitunter sogar noch dramatischer ist. Nein, die gewünschte Wende, gar Umkehr, hat nicht stattgefunden. Vielmehr bewegt sich die Kirche weiterhin auf dem besten Weg, mit Karacho an die Wand zu fahren - wenn es nicht schon geschehen ist."

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