Würzburg

Der Sportverein, der aus der Kneipe kam 

Die Waschküch war nicht nur eine legendäre Würzburger Kneipe. Sie gründete 1978 auch einen eigenen Sportverein. Das Lokal gibt's nicht mehr, den Verein schon.
Mit dem Kinderwagenrennen, das von der Oberthürstraße durch die Kolpingstraße und über den Grabenberg führte, sorgten die Sportfreunde Waschküch Anfang der 1980er-Jahre für Aufsehen. Foto: Sportfreunde Waschküch

Zehn Jahre nach 1968, dem Jahr, von dem viele glauben, dass es die Welt veränderte, eröffnete in der Würzburger Oberthürstraße eine Kneipe, die tatsächlich etwas veränderte im beschaulichen Würzburg. Weil sie anders war als die wenigen anderen Lokalitäten für junge Menschen. Drei Studenten und ein Diplom-Kaufmann hatten von der Distel-Brauerei eine brach liegende Innenstadt-Gaststätte angeboten bekommen, in der die Brauerei ein neues Konzept ausprobieren wollte: Ein Lokal von jungen Leuten für junge Leute. Von der ersten Idee bis zur Realisierung vergingen nur ein paar Monate und alsbald war „Die Waschküch“ bei den jungen Würzburgern in aller Munde.

Zum einen wegen ihres für die damalige Zeit neuen Konzeptes, aber auch, weil die vier Wirte mit allerhand seltsamen Ideen daherkamen. Da war zum einen das Kneipensymbol mit dem Strichmännchen, das mit dem Namen der Wirtschaft schlicht und ergreifend gar nichts zu tun hatte. Oder das „Dreimal rund um die Waschküch-Kinderwagenrennen“. Irgendwie war das eine sportliche Betätigung, die auch durchtrainierte erwachsene Menschen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit brachte und in Würzburg einmalig war. Weil aber einer aus dem Wirte-Quartett aktiver Basketballspieler und –trainer war, reifte bald der Gedanke, einen eigenen Sportverein ins Leben zu rufen. Der sollte natürlich ähnlich alternativ und ungewöhnlich werden wie es die Kneipe war.

Kneipe gründet Sportverein

Also wurden im August des ersten Kneipenjahres die Sportfreunde Waschküch von 1978 e.V. als Verein gegründet. Vorsitzender war Georg Schnarr, einer der Waschküchwirte und damals Medizinstudent. Zunächst gab es nur eine Basketballmannschaft. Altgediente Würzburger Basketballer fanden sich hier zusammen und meldeten ihr Team zum offiziellen Spielbetrieb an. Im Vordergrund stand nicht in erster Line das Erringen von Meisterschaften, sondern der Spaß am Spiel und das gemeinsame Beisammensein in der Vereinskneipe.

Das erste Basketballteam der Sportfreunde Waschküch (von links) Georg Schnarr, Roland Pfister, Werner Schwenkert, Klaus Patzelt, Jörg Blümel, Peter Schulz und Bernhard Koch. Foto: Sportfreunde Waschküch

Nicht nur das Lokal boomte, auch die Vereinsidee, Sportangebote für jedermann/frau  zu machen, lockte immer mehr Interessenten an. Es dauerte nicht lange, bis eine Herren-Handballmannschaft gegründet wurde, und nur ein Jahr später folgte ein zweites Basketballteam. Damit nicht genug. Bei den Handballern wurde ein Damenteam aus der Taufe gehoben, und es folgte eine Volleyball-Abteilung mit Herren- und Damen-Team. Alle Mannschaften nahmen am offiziellen Spielbetrieb teil. Später kamen auch noch eine dritte Basketballmannschaft, ein Basketball-Damenteam sowie eine Fußball-Abteilung dazu, so dass der Verein bald deutlich über 100 Mitglieder hatte.

Eines der Handball-Teams der ersten Stunde bei den Sportfreunde Waschküch. Foto: Sportfreunde Waschküch

Basketball-Tunier mit 24 Teams

Vor allem die Basketballer waren immer wieder zu Gast bei auswärtigen Turnieren, wo sie sehr beliebt waren, weil sie nicht allzu viele Siege einsammelten, dafür aber immer in bester Feierlaune waren. Daher entschloss man sich bald, auch selbst einmal Gäste einzuladen. Mit zehn Mannschaften ging es 1982 im Friedrich-Koenig-Gymnasium (FKG) los. 1983 waren es bereits 24 Damen- und Herrenteams aus ganz Deutschland, Österreich und Holland, die zum Waschküch-Turnier nach Würzburg reisten. Das hieß 72 Spiele in zweieinhalb Tagen zu organisieren, wozu man auch noch das Siebold-Gymnasium anmieten musste.

Weil die Vereinsspieler nach Ansicht der Veranstalter den Turniergedanken doch etwas zu ernst nahmen, wurde umstrukturiert. Schließlich sollte es nicht nur um den Turniersieg gehen. Denn zum Turnier gehörte eine große Fete mit Livemusik, Disco und einem jährlich neu kreierten Turnierdrink. Für künftige Turniere durften sich nur noch Einzelspieler(innen) anmelden, die zu Mixed-Teams zusammengelost worden. Der Spaß stand wieder im Vordergrund und die Resonanz war so groß, dass man in die damalige Carl-Diem-Halle (heute s.Oliver Arena) umziehen musste.

Ausflüge und Feiern 

Der ganze Verein half mit, um diese Mammutaufgabe zu stemmen. Schließlich fand ja parallel zum Turnier auch einige Male noch das legendäre Kinderwagenrennen statt. Legendär war auch so manche Weihnachtsfeier, die nicht selten bis zum Morgengrauen dauerte. Darüber wurde dann der sprichwörtlich gewordene „Mantel des Schweigens“ gedeckt. Auch kulturell waren die Sportfreunde gerne mal unterwegs. Vereinsfahrten führten sie beispielsweise nach Caen, Prag, Rom, Amsterdam und Hamburg.

Der Präsident hört auf

Schließlich kamen der Kneipenverein und vor allem seine Mitglieder in die Jahre und der Elan der frühen Jahre ließ spürbar nach. Uni-Absolventen verließen Würzburg, andere mussten von Berufs wegen kürzer treten, die Volleyballabteilung löste sich irgendwann „mangels Masse“ auf und die Fußballabteilung verließ gar geschlossen den Verein, um eigene Wege zu gehen. Anfang der 1990er wurde schließlich die Vereinskneipe „Waschküch“ verkauft und der Verein stand ohne Dach über dem Kopf da. Schließlich legte auch der Gründungsvorsitzende Schorsch Schnarr sein Amt nieder, um doch noch Arzt zu werden,  und damit war das erste Kapitel der Sportfreunde Waschküch beendet.

Der damalige Waschküch-Wirt Georg Schnarr hob die Sportfreunde aus der Taufe und war Gründungsvorsitzender. Foto: Sportfreunde Waschküch

Neuer Präsident wurde Klaus Walther. Er scharte ein neues Team um sich und mit viel Engagement gelang es, neuen Schwung in den Verein zu bringen, den manche schon tot gesagt hatten. Ein Basketballer, der lieber Fußball spielte, ließ die Kicker-Abteilung wieder aufleben. Mit Erfolg. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren von den mehr als 80 SFW-Mitgliedern 26 Fußballer.

Party zum 30-jährigen Bestehen

Im Jahr 2008 konnte schließlich das 30-jährige Vereinsjubiläum gefeiert werden. Hier trafen sich viele Mitglieder der ersten Jahre wieder und es trat eine Band auf, die sich in Anlehnung an das Lieblings-Vereinsgetränk – Williams Christ – und den davon abgeleiteten Schlachtruf „Willi hilf!“ „The Travellling Williburys“ nannte. 30 Jahre Sportfreunde Waschküch – daran hätte in den Anfangsjahren kaum jemand geglaubt. Und jetzt hat der etwas andere Verein, der in Würzburgs Sportszene wohl seinesgleichen sucht und oft belächelt wurde, noch einen drauf gesetzt und konnte vor wenigen Tagen sein 40-jähriges Bestehen feiern.

Nachdem auch Klaus Walther im Jahr 2015 als Vorsitzender zurückgetreten war, hat nun die dritte Generation den Verein übernommen. Neben Basketball und Fußball hat mit dem Kampfsport Karate eine neue Sportart bei den Sportfreunden Waschküch Einzug gehalten. Auch heute noch steht der unbedingte Leistungsgedanke nicht im Vordergrund, jeder der Sport treiben möchte, einfach weil er Spaß daran hat, ist willkommen.

Die dritte Generation

So sieht das auch der neue Vorsitzende Jörg Holländer, der die Nachfolge von Klaus Walther angetreten hat. „Wir waren etwas im freien Fall“, beschreibt er die Situation nach der Amtsübernahme, aber inzwischen habe sich der Verein stabilisiert. Aktuell haben die Sportfreunde 80 Mitglieder in den drei Abteilungen Fußball, Basketball und Karate. Die Karatekas sind in diesem Jahr vom Post SV zu den Sportfreunden Waschküch gewechselt und somit die jüngste Abteilung im Verein. Bei den Basketballern gibt es wieder Zulauf, nachdem man in der neuen Halle der TG Heidingsfeld am Wiesenweg Spiel- und Trainingszeiten gebucht hat und damit ein gutes Angebot machen kann. „Damit sind wir ein Stück weit attraktiver geworden“, so der erst dritte Vereinspräsident in der 40-jährigen Geschichte der Sportfreunde.

Bei den Basketballern gibt es übrigens etwas ganz Besonderes: Mit Bernhard „Beppo“ Koch geht heute noch einer mit den deutlich jüngeren Sportfreunden auf Korbjagd, der bereits im ersten Waschküch-Team des Jahres 1978 dabei war.

Wer sich über den etwas anderen Würzburger Sportverein informieren möchte, findet auf deren neu gestalteter Homepage www.sportfreunde-waschkuech.de alles Wissenswerte.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Basketballspieler
  • Karate
  • Klaus Walther
  • Kneipen
  • Sportfreunde
  • Sportvereine
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
2 2
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!