WÜRZBURG

Der Tag, an dem Würzburg zur Zielscheibe des Terrors wurde

Es war die Tat, die Mainfranken in 2016 in die weltweiten Schlagzeilen gerückt hat: Am Abend des 18. Juli stieg der 17-jährige Flüchtling Riaz K. in Ochsenfurt in den Regionalzug nach Würzburg. Mit einer Axt und einem Messer richtete er ein Blutbad an, verletzte vier Mitglieder einer Familie aus Hongkong schwer. Im Stadtteil Heidingsfeld kam der Zug zum Stehen, der Täter flüchtete, griff eine Spaziergängerin an und wurde schließlich von zwei Beamten eines Sondereinsatzkommandos erschossen, als er diese aus einem Dickicht heraus angreifen wollte.

„Mit dem Anschlag von Würzburg ist Bayern unmittelbar ins Zielspektrum des islamistischen Terrorismus gerückt“, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) im Rückblick auf ein auch für ihn persönlich sehr forderndes Jahr. Weil der Freistaat erstmals unmittelbar betroffen gewesen sei, sei das Attentat für die bayerische Sicherheitspolitik zweifellos „einschneidend“ gewesen.

Nach den Attentaten von Würzburg und Ansbach beschloss das Kabinett ein neues Sicherheitskonzept unter dem Titel „Sicherheit durch Stärke“. Es umfasst unter anderem die Aufstockung der Polizei um 2000 Stellen bis 2020, eine verbesserte Ausrüstung, von ballistischen Helmen und neuen Schutzwesten über bessere Dienstwaffen, bis hin zu gepanzerten Fahrzeugen. Die Justiz richtete eine „Zentralstelle Extremismus“ bei der Generalstaatsanwaltschaft München ein.

Schärferer Kurs in der Flüchtlingspolitik gefordert

Im Bereich der Flüchtlingspolitik forderte die Staatsregierung bereits im Sommer einen schärferen Kurs: „Wer ohne Papiere einreist oder seine Identität nicht belegen kann, muss an den deutschen Grenzen zunächst festgehalten und gegebenenfalls zurückgewiesen werden“, heißt es in einem Sicherheitspapier. Bereits eingereiste Flüchtlinge, deren Identität unklar sei, „müssen nachträglich unter Sicherheitsgesichtspunkten überprüft“ und ausländische Straftäter „schneller - auch in Krisengebiete - abgeschoben werden“.

Das jüngste Attentat von Berlin, aber auch das Gewaltverbrechen in Freiburg haben aus Sicht der Staatsregierung noch einmal den Handlungsbedarf auf Bundes- und Europaebene vor Augen geführt. So sei etwa der europäische Datenaustausch mit Ländern wie Griechenland, Italien, Portugal oder auch Irland mehr als lückenhaft, kritisiert Minister Herrmann: „Es kann doch nicht sein, dass etwa ein Straftäter, der in Griechenland mit Haftbefehl gesucht wird, in Europa herumfährt, ohne dass irgendein EU-Land darauf aufmerksam wird.“

Gesundheitliche und finanzielle Belastung der Opfer

Unterdessen leiden die Opfer des Axt-Attentats, darunter vier Touristen aus Hongkong, noch immer an den Folgen der Tat - sowohl gesundheitlich wie auch finanziell. Die Asiaten, die monatelang im Würzburger Uniklinikum behandelt wurden, sind mittlerweile zurück in ihrer Heimat, aber: „Die medizinische Behandlung ist teuer und nicht von unserer Krankenversicherung abgedeckt“, schreibt eines der Opfer, eine 27-jährige Frau, in einer E-Mail an Hans-Peter Trolldenier, den stellvertretenden Vorsitzenden der Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft in Würzburg. Mitglieder des Vereins hatten sich monatelang um die chinesischen Opfer und ihre Angehörigen gekümmert.

Die 27-Jährige und ihr Verlobter, ein 31-jähriger Ingenieur, arbeiten zwar wieder, was ihnen jedoch aufgrund der Attentatsfolgen schwerfällt. Um das Leben des Mannes, der am schwersten verletzt war, hatten die Ärzte in Würzburg wochenlang gerungen. In China müsse er die nötigen Nachbehandlungen aus eigener Tasche bezahlen.

Unterstützt wird die Familie weiter auch von der Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft, die ein Spendenkonto eingerichtet hat. 200 Menschen aus Mainfranken haben bislang rund 15 000 Euro für die Opfer gespendet, die sich in einer bewegenden E-Mail für die Hilfe und vielen Genesungswünsche bedanken.



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Rückblick

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