Der Vorgeschmack auf die Hölle

Gerolzhofen Über Düren verabschieden sich kurz nach 13 Uhr die letzten Thunderbolt-Begleitjäger, die die B-17-Bomber der 8. US-Luftflotte am 14. Oktober 1943 beim zweiten Luftangriff im Zweiten Weltkrieg auf Schweinfurt auf ihrem Weg nach Süddeutschland eskortieren. Die amerikanischen Luftverbände sind ab sofort der deutschen Luftabwehr ohne Begleitschutz ausgeliefert und völlig allein ihrem Schicksal überlassen. Bis Schweinfurt sind es für die "Iron Maiden" (Eiserne Jungfrau) und die anderen Kampfbomber noch verdammt lange eineinhalb Stunden.
Zum Militärmuseum unter freiem Himmel       -  Zum Militärmuseum unter freiem Himmel wird die Stelle unterhalb der Waldesruh zwischen Dingolshausen und Gerolzhofen, an der die beim zweiten Luftangriff auf Schweinfurt schwer
beschädigte 'Iron Maiden' (Eiserne Jungfrau) am 14. Oktober 1943 notlanden muss. Zu Fuß oder mit Fahrrädern kommen die Menschen von überall herbei, um den US-Bomber zu bewundern.
Kinderwagen sind kein Hindernis. Die aufs Heck aufgepinselte Seriennummer des in Seattle hergestellten Flugzeugs ermöglicht eine einwandfreie Identifikation von Maschine und Besatzung.
Auch diese eindrucksvolle Aufnahme machte Leo Bausenwein aus Oberschwarzach während seines Heimaturlaubs.
Zum Militärmuseum unter freiem Himmel wird die Stelle unterhalb der Waldesruh zwischen Dingolshausen und Gerolzhofen, an der die beim zweiten Luftangriff auf Schweinfurt schwer beschädigte "Iron Maiden" (Eiserne Jungfrau) am 14. Oktober 1943 notlanden muss. Zu Fuß oder mit Fahrrädern kommen die Menschen von überall herbei, um den US-Bomber zu bewundern. Kinderwagen sind kein Hindernis. Die aufs Heck aufgepinselte Seriennummer des in Seattle hergestellten Flugzeugs ermöglicht eine einwandfreie Identifikation von Maschine und Besatzung. Auch diese eindrucksvolle Aufnahme machte Leo Bausenwein aus Oberschwarzach während seines Heimaturlaubs. Foto: REPRODUKTION NORBERT VOLLMANN
Um die deutschen Stellungen im Unklaren über das eigentliche Angriffsziel zu lassen, wird fortan nicht mehr auf direktem Weg weitergeflogen. Die 1. und die 3. Division der 8. US-Luftflotte schlagen immer wieder Haken, um so eine Richtungsänderung anzutäuschen.

 

Die deutschen Soldaten des Funkhorchregimentes West auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals in Cap Blanc Nez bei Calais beobachten bereits seit dem Vorabend mit Interesse den regen Funkverkehr. Er lässt auf einen Angriff am nächsten Tag schließen. Nur das genaue Ziel, das kennen die Deutschen (noch) nicht.

Hunderte von Jagdflugzeugen sind in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Als die 1. Division der "Mighty Eigth", der "Mächtigen Achten", um 1250 Uhr die holländische Küste überfliegt, steigen die ersten deutschen Jäger von den Stützpunkten in Belgien und Nordfrankreich auf. Schon über der südholländischen Insel Walcheren attackieren Me 109 die P-47 der 353. Kampffliegergruppe. Die B-17-Bomber wie die Iron Maiden scheinen sie (noch) nicht zu interessieren. Doch diese Angriffe sollen sich nur als Vorgeplänkel und Ablenkungsmanöver herausstellen.

Die "Käfigtüren" öffnen sich

Spätestens nach Aachen und Düren bekommen die letzten amerikanischen Bomberverbände auf dem weiteren Weg in Richtung Köln zu spüren, dass auch dieser zweite Angriff auf Schweinfurt kein Zuckerschlecken, sondern ein Himmelfahrtskommando werden soll.

Es scheint, dass die deuschen Jäger in sicherer Entfernung nur darauf gewartet hätten, um mit vereinten Kräften zuzuschlagen. Jetzt, wo die Thunderbolts umgekehrt sind, werfen sich die Jagdflugzeuge mit ganzer Kraft wie abgerichtete Kampfhunde, deren Käfigtüren endlich geöffnet werden, auf ihre Opfer. Die Amerikaner müssen sich ab sofort pausenloser, wilder und massierter Angriffe erwehren. Die einmotorigen "Killerfighter" nähern sich meist von vorne, die zweimotorigen Angreifer von hinten, schießen zum Teil zeit- und ferngesteuerte Raketen ab und feuern unnachlässig aus ihren Bordkanonen und Maschinengewehren. Die deutschen Jäger lassen sich durch Tausende von schweren Browning-Maschinengewehren, die auf sie gerichtet sind, nicht davon abhalten, immer wieder die "Fliegenden Festungen" entschlossen und mutig anzugreifen.

Auch an Bord der Iron Maiden kommen die vom Bug bis zum Heck über das gesamte Flugzeug verteilten elf 12,7-Millimeter-MG nicht mehr zur Ruhe. Am laufenden Band werden über das Bordmikrofon neue feindliche Eindringlinge gemeldet.

Trotz der beständigen Angriffe deutscher Kampfflugzeuge kommt die "Eiserne Jungfrau" zunächst ungeschoren davon. Währenddessen fängt ein B-17-Bomber nach dem anderen an zu rauchen oder geht in Flammen auf. Maschinen fallen zurück. Schon trudeln die ersten amerikanischen und deutschen Kampfflugzeuge nach unten, öffnen sich die Fallschirme abgeschossener Besatzungen. Die weißen Fallschirme sind die der Amerikaner, die braunen die der Deutschen.

Die Luftschlacht nähert sich langsam ihrer Entscheidung. Nach Köln geht es über den Rhein und vorbei an Bonn. Nördlich von Frankfurt schwenkt die 1. Division in der Gegend von Limburg an der Lahn stark nach Rechts, um schon Kurs auf Würzburg zu nehmen.

Maiden-Pilot Roland H. Martin aus Berkeley (Kalifornien) ist laut amerikanischen Zeitungsberichten der jüngste Flugzeugführer eines viermotorigen Bombers in der gesamten Air Force. Er ist 19 und hat in wenigen Tagen am 29. Oktober 20. Geburtstag. Schon sein Vater flog im Ersten Weltkrieg. Co-Pilot Linden Price (22) stammt ebenfalls aus Kalifornien und zwar aus Süd-Pasadena.

In der Luft wimmelt es nur so vor deutschen Kampfflugzeugen, allen voran die wirkungsvollen Jäger Focke-Wulf Fw 190 und Messerschmidt Me 109, die zweimotorige Messerschmidt Me 110, die sich von hinten in den Kondensstreifen heranschleicht, sowie Junkers Ju 88 und Me 410. Roland H. Martin: "Es waren mehr Flugzeuge als ich jemals zuvor auf einmal gesehen hatte".

Insgesamt wirft die deutsche Luftwaffe an diesem Tag den Amerikanern alle ihr nur zur Verfügung stehenden Jäger, Nachtjäger und Zerstörer entgegen, zusammengezogen aus dem gesamten Reichsgebiet. Und die Amerikaner haben seit den letzten verlustreichen Angriffen größten Respekt vor den "bandits", wie sie die deutschen Luftgegner bezeichnen.

Minuten, die zur Ewigkeit werden

Die Luftschlacht um Schweinfurt beim zweiten Tagangriff der Amerikaner auf die Kugellagerfabriken nähert sich langsam ihrer Entscheidung. Nach Köln fliegen die Bomber der 8. US-Luftflotte über den Rhein und vorbei an Bonn. Nördlich von Frankfurt schwenkt die 1. Division mit der  Iron Maiden  im Pulk nach Rechts. Schon ist bei Marktheidenfeld der Main überquert und Würzburg nach einer weiten Linkskurve bei Ochsenfurt nicht mehr weit.

Die "Eiserne Jungfrau" befindet sich bereits im Zielanflug auf Schweinfurt. In Kürze hat sie den vereinbarten Ausgangspunkt (initial point) für die Bombardierung bei Bergrheinfeld erreicht. Von hier aus heißt es sieben Minuten lang vollkommen geradeaus durch das Flakfeuer den Zielpunkt (aiming point) Schweinfurt anzufliegen, um die beste Voraussetzung für einen möglichst punktgenauen Bombenabwurf zu schaffen. In dieser Phase sind Mensch und Maschine vor allem für die Flakstellungen ein leichteres Ziel, wird die Zeit zur Ewigkeit. Deshalb ziehen die Amerikaner die besonderen Helme und Flak-Jacken an. Sie sollen vor den gefährlichen Splittern der Flakgranaten schützen.

Mit dieser Anzeige auf der       -  Mit dieser Anzeige auf der Titelseite der Schweinfurter Zeitung als dem offiziellen Organ der NSDAP gedenken
Partei und Stadt der Opfer des Bombenangriffs der Amerikaner am 14. Oktober 1943 auf die Kugellagerindustrie
in Schweinfurt. Der Tag wird aufgrund der hohen Verluste an Menschen und Material nicht nur zum 'schwarzen
Freitag' (Black Thursday) für die US-Luftwaffe, sondern auch für die damals 40 000 Einwohner. Über 300
Menschen sterben an diesem verhängnisvollen Tag in der Feuerhölle oder erliegen später ihren Verletzungen.
Mit dieser Anzeige auf der Titelseite der Schweinfurter Zeitung als dem offiziellen Organ der NSDAP gedenken Partei und Stadt der Opfer des Bombenangriffs der Amerikaner am 14. Oktober 1943 auf die Kugellagerindustrie in Schweinfurt. Der Tag wird aufgrund der hohen Verluste an Menschen und Material nicht nur zum "schwarzen Freitag" (Black Thursday) für die US-Luftwaffe, sondern auch für die damals 40 000 Einwohner. Über 300 Menschen sterben an diesem verhängnisvollen Tag in der Feuerhölle oder erliegen später ihren Verletzungen. Foto: FOTO REPRODUKTION NORBERT VOLLMANN

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