Würzburg

Der gute Morgen: Wunibald Müller besucht sich selbst

Die Corona-Krise als Herausforderung. In einer neuen Serie geben Menschen aus der Region positive Impulse für den Tag. Heute: Der Theologe Wunibald Müller.
Wunibald, Müller (69), Theologe und Psychotherapeut aus Würzburg.
Wunibald, Müller (69), Theologe und Psychotherapeut aus Würzburg. Foto: Patty Varasano

Kennen Sie das auch? Wenn wir uns in einer Krise befinden, weil wir einen großen Verlust erlitten haben, zum Beispiel einen lieben Menschen oder eine Aufgabe, die uns erfüllt, haben wir manchmal das Gefühl, als bestünden wir nur noch aus dem Verlust. Die Krise beherrscht unser ganzes Sein. Das ist verständlich und wir benötigen oft auch Zeit, den Verlust zu betrauern.

Das kenne ich auch bei mir. Im Laufe meines Lebens habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir in solchen schweren Zeiten auch folgende Einstellungen und Verhaltensweisen helfen. Auch in der gegenwärtigen Situation.

Zunächst einmal nehme ich bewusst Kontakt auf zu mir selbst, meinem Inneren. "Heute besuche ich mich, hoffentlich bin ich zuhause", sagt Karl Valentin. Genau das tue ich. Während meines Besuches bei mir selbst vergegenwärtige ich mir alles, was ich trotz der Krise bin, habe, tun kann. Ich mache mir bewusst: ich lebe, ich atme, und während ich das denke, atme ich bewusst ein und aus. Ich vergegenwärtige mir, dass ich genug zu essen habe, ein Dach über dem Kopf habe, gehen kann, lesen kann – und bin dankbar dafür. Ich sage zu mir: Du bist mehr als die Krise.

Dann gehe ich aus mir heraus und richte den Blick nach außen. Ich mache mir bewusst und komme in Berührung mit den Menschen, die mir am nächsten sind, meine Familie, meine Freunde und Freundinnen, gute Bekannte, Nachbarn. So gut es geht, trete ich in Kontakt mit ihnen: bei den Menschen, mit denen ich zusammenlebe eine Umarmung, bei anderen eine Mail, ein Anruf, ein Zuwinken, ein Lächeln. Dabei versuche ich, von meinem Herzen her in Kontakt mit ihnen zu treten. Wenn dann eine entsprechende Resonanz erfolgt, ein vibrierender Draht zwischen uns entsteht, tut mir das gut und ich kann zu mir sagen: Du bist mehr als die Krise.

Schließlich hilft mir die Erfahrung, inmitten der Krise an das Grenzenlose angeschlossen zu sein, zu spüren, ich bin Teil eines Größeren. Der Einzelne wird ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben. Für mich persönlich ist das Gott, dem ich mich vertrauensvoll überlasse. Daraus erwächst mir der Mut, was ich tun kann, um diese Krise zu bestehen, zu tun. Denn: Ich bin mehr als die Krise. Und: Du bist mehr als deine Krise.

Dr. Wunibald Müller (69), ehemaliger Leiter des Recollectio-Hauses, lebt und arbeitet als Theologe und Psychotherapeut in Würzburg. Dieser Beitrag gehört zur Main-Post-Serie "Der gute Morgen", in der in Zeiten der Corona-Krise Menschen aus Franken ihre positiven Gedanken aufschreiben und mit unseren Leserinnen und Lesern teilen.

Rückblick

  1. Danke für diesen guten Morgen
  2. Der gute Morgen: Warum Fritz Sörgel für Bundesliga-Spiele ist
  3. Der gute Morgen: Ralf Jahn wagt einen mutigen Blick nach vorn
  4. Der gute Morgen: Leonie Ebert und das Indianer-Sprichwort
  5. Der gute Morgen: Barbara Stamm fragt nach der Ernährung für die Seele
  6. Der gute Morgen: Fredi Breunig genießt den Wonnemonat Mai
  7. Der gute Morgen: Steff Bauer und all die kleinen Michelangelos
  8. Der gute Morgen: Schwester Teresa Benedicta vertraut auf Gott
  9. Der gute Morgen: Susanne Röder nutzt die Natur als Kraftquelle
  10. Der gute Morgen: Jerry James besinnt sich auf Janis Joplin
  11. Der gute Morgen: Heike Richartz wartet auf den Silberstreif
  12. Der gute Morgen: Frank Jansen und das Dankbarkeitstagebuch
  13. Der gute Morgen: Harald Ebert freut sich wieder auf die Schüler
  14. Der gute Morgen: Barbara Lohoff und die japanische Gelassenheit
  15. Der gute Morgen: Sebastian Schuppan glaubt an die Gemeinschaft
  16. Der gute Morgen: Silvia Kirchhof fühlt sich wie ein Vogel im Käfig
  17. Der gute Morgen: Franz Schmitt über die Sehnsüchte der Senioren
  18. Der gute Morgen: Was Ines Procter richtig ans Herz geht
  19. Der gute Morgen: Burkhard Hose über intensive Glücksmomente
  20. Der gute Morgen: Warum Leonie Becks Ziel nun ein anderes Datum hat
  21. Der gute Morgen: Michael Lindner-Jung über bedeutende Momente
  22. Der gute Morgen: "Wie geht es Ihnen?", fragt Thomas Schmelter
  23. Der gute Morgen: Werner Vollmuth hört gerne zu
  24. Der gute Morgen: Dieter Wenderlein baut solidarische Netzwerke
  25. Der gute Morgen: Susanne Wildfeuers Erinnerung an die guten Mächte
  26. Der gute Morgen: Josef Schuster über die Kostbarkeit des Lebens
  27. Der gute Morgen: Albert Knötts Zeit mit Kommissar Brunetti
  28. Der gute Morgen: Mathias Repiscus hofft auf Söders Treueprämie
  29. Der gute Morgen: Ausnahmezustand braucht Ausnahmeverhalten
  30. Der gute Morgen: Lohrs Dekan Till Roth stellt ganz neue Grundfragen
  31. Der gute Morgen: Wunibald Müller besucht sich selbst
  32. Der gute Morgen: Mut zur Solidarität
  33. Der gute Morgen: Volker Heißmann rät zum Lächeln in der Krise
  34. Der gute Morgen: Warum Doris Zölls auf das Leben vertraut
  35. Der gute Morgen: Bischof Franz Jung über die österliche Hoffnung
  36. Der gute Morgen: Harald Gante und der Dank an die Truppe
  37. Der gute Morgen: Gisela Bornowski über Dinge, die nicht abgesagt sind
  38. Der gute Morgen: Marcel Schäfer rät zu mehr Dankbarkeit
  39. Der gute Morgen: Anselm Grüns Tipps gegen den Lagerkoller
  40. Der gute Morgen: Nutzen wir die erzwungene Entschleunigung!
  41. Der gute Morgen: Eine Krise bringt auch Chancen
  42. Der gute Morgen: Wie die Wüstenzeit zur Quelle der Kraft wird

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Der gute Morgen
  • Karl Valentin
  • Krisen
  • Lächeln
  • Mut
  • Psychotherapeuten
  • Schäden und Verluste
  • Theologinnen und Theologen
  • Verhaltensweisen
  • Wunibald Müller
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!