WÜRZBURG/BISCHOFSHEIM

Der lange Weg zum Kreuzberg

176 Kilometer sind es von Würzburg bis zum Kreuzberg und zurück. Heuer machen sich wieder fast 600 Wallfahrer auf den Weg. Foto: Herbert Ehehalt

Kniebreche und Marodiwagen – diese Begriffe hat Michael Räth während seiner Berufstätigkeit als Präsident der Oberpostdirektion Koblenz nie gehört. Der inzwischen 84-Jährige hat die berufliche Verantwortung längst hinter sich gelassen. Die Kniebreche gleich hinter Waldberg als letzten steilen Aufstieg vor der Ankunft am Kreuzberg will der passionierte Wallfahrer aber auch dieses Jahr wieder bewältigen, wie überhaupt die 176 Kilometer der Kreuzbergwallfahrt – und zwar ohne den Marodiwagen nutzen zu müssen.

Wenn am 20. August vom Würzburger Neumünster aus die jährliche Wallfahrt der Würzburger Kreuzbruderschaft zum Kreuzberg startet, wird auch Michael Räth wieder einen Platz in der Reihe der fast 600 Wallfahrer einnehmen. Ungewöhnlich ist seine Teilnahme gleich unter mehreren Gesichtspunkten. Wie der Großteil der Mitglieder der Würzburger Kreuzbruderschaft lebt Michael Räth außerhalb der Bischofsstadt. Er lebt in Koblenz. Nur 530 der aktuell 2066 Mitglieder der Kreuzbruderschaft sind in Würzburg registriert. Der Großteil, 1201 Mitglieder, lebt im Landkreis Würzburg. Die restlichen Mitglieder leben verstreut über Bayern (246), das übrige Bundesgebiet (85) und sogar in Österreich, Schweiz, Dänemark und Portugal.

Den Kontakt zu ihnen pflegt Wolfgang Rüger als für die Mitgliederverwaltung zuständiges Vorstandsmitglied.

Wie so einige andere Wallfahrtsteilnehmer kommt auch Michael Räth eigens zum jährlichen Fußmarsch zum Heiligen Berg der Franken nach Würzburg. Hier wuchs er auf, direkt neben der Kirche Stift Haug. „Erst im Alter von 68 Lenzen, wenn andere ans Aufhören denken“, wie Räth sagt, wagte er seinen Einstieg bei der Kreuzbergwallfahrt. Vor kurzem ist er 84 Jahre alt geworden. Bereits im Vorjahr war Räth ältester Teilnehmer der Wallfahrt – und wird es nach Überzeugung von Präfektin Barbara Schebler wohl auch heuer sein.

Den Marodiwagen als Mitfahrgelegenheit bei Erschöpfung nutzte Michael Räth in all den Jahren nie. Die außergewöhnliche Fitness des „Senior-Wallfahrers“ rührt vom Wandern, Bergsteigen und Skifahren. „Meine Fitness ist eine Gnade“, sagt der Alterssportler.

„Bei scheußlichstem Wetter“ sei er bei seiner ersten Wallfahrt am Kreuzberg angekommen, erzählt er. Nachdem seine Frau einen schrecklichen Verkehrsunfall überstanden hatte, hätten sie zusammen ein Gelübde abgegeben: „Zum Dank für die vollständige Genesung laufen wir mit zum Kreuzberg“, so Räth. An das Versprechen wurde das Ehepaar durch einen Fernsehbericht zum 350-jährigen Bestehen der Wallfahrt erinnert. 1998 waren die Räths zum ersten Mal bei der Wallfahrt dabei – und danach jedes Jahr wieder. Vor zwei Jahren machte sich Michael Räth erstmals ohne seine Frau auf den Weg. Sie erwartet ihn stattdessen jedes Mal vor dem Kloster in der Rhön und bei der Rückkehr in der Semmelstraße in Würzburg.

Dazwischen liegen vor allem für die Vorstandsmitglieder der Bruderschaft viele organisatorische Herausforderungen. „Ohne eine klar strukturierte Aufgabenverteilung auf verschiedene Schultern wäre es nicht machbar“, sagt Präfektin Barbara Schebler. In ihrer Doppelfunktion als Vorbeterin trifft sie mit Unterstützung von Präses Pater Maximilian M. Bauer die Textauswahl für die Gebete und Meditationen unterwegs.

Den stressigsten Job hat Wallfahrtssekretär Hubert Hornung inne. Er kümmert sich um die Quartiere. Nach der Wallfahrt ist für ihn gleichzeitig vor der Wallfahrt. Denn dann kommen schon wieder die ersten Quartieranfragen. Die Bestätigungen versendet Hornung in der Regel nach Pfingsten. Aber auch während der Wallfahrt bietet er während der Rast eine Quartierbörse an. Die wird insbesondere von den Neu-Wallfahrern gerne genutzt. Der Wallfahrtssekretär findet selbst erst dann Ruhe, wenn er für jeden Teilnehmer eine Schlafmöglichkeit gefunden hat.

Die Vorbesprechung zur Ankunft am Kreuzberg und die Kontaktpflege mit den Gemeinden im Verlauf des Weges, ist Aufgabe von Wallfahrtsleiter Heribert Bulla. Mittlerweile im Ruhestand, ist Michael Weilnhammer als Polizeibeamter a. D. prädestiniert für die Verkehrssicherheit der Wallfahrt und die erforderlichen verkehrsrechtlichen Genehmigungen. Präses Pater Maximilian M. Bauer ist für die Auswahl des jährlichen Schwerpunktthemas und die Vorbereitung der Gottesdienste während der fünf Wallfahrtstage zuständig. Für den Franziskanerpater steht das diesjährige Leitthema bereits fest. Es lautet: „Geht den Weg der Barmherzigkeit!“

Auch Michael Räth möchte sich dieses Jahr wieder von Pater Maximilians Gedanken und der außergewöhnlichen Gemeinschaft auf der langen Strecke zum Kreuzberg und zurück nach Würzburg begleiten lassen. Das schwere Männerkreuz muss er dabei nicht tragen. So manches Anliegen aber wird er bei seiner 19. Wallfahrt dabeihaben – wie jeder andere Teilnehmer auch.

Kreuzbruderschaft

Die Anfänge der Kreuzbruderschaft reichen zurück in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Im Jahr 1647 vereinigten sich zwei fromme Gemeinschaften zur „Bruderschaft zum Heiligen Kreuz in Würzburg“. Seit 1647 führt diese Bruderschaft alljährlich vom 20. bis 24. August die Wallfahrt von Würzburg zum Kreuzberg in der Rhön und zurück zum Neumünster in Würzburg durch. Jedes Jahr sammeln die Wallfahrer am Kreuzberg beim Opfergang Spenden, bevor sich sich wieder auf den Rückweg machen. Der Erlös wird zur Unterstützung karitativer Zwecke verwendet, vorrangig in der Region. Aber auch ein Kinderheim in Bethlehem durfte sich schon über eine Zuwendung der Würzburger Kreuzbruderschaft freuen. ehe
Michael Räth ist mit 84 Jahren der älteste Wallfahrer der Würzburger Kreuzbruderschaft.

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