WÜRZBURG

Die Begeisterung verbindet

Sie stehen für die seit 28 Jahren stattfindende gemeinsame Motorrad-Ausfahrt: Daniela Steuer, Pädagogin bei den Mainfränkischen Werkstätten Würzburg, Motorradfahrer Peter Schädel, Edith Kasamas, Berufsbildung der Mainfränkischen Werkstätten, und Teilnehmerin Susanne Meininger. Foto: Herbert Ehehalt

In den Augen der Öffentlichkeit waren im Jahr 1989 Motorradfahrer in ihren Lederklamotten einfach Rocker. Gewöhnlich gab es damals auch eher selten Kontakt zu behinderten Menschen. Biker, wie Menschen mit Handicap, galten als Randgruppen. „Da muss etwas geschehen zur Änderung der öffentlichen Wahrnehmung“, waren sich Motorradfahrer-Urgestein Peter Schädel und Daniela Steuer, Pädagogin im Sozialdienst der Mainfränkischen Werkstätten Würzburg, einig. Das Schicksal wollte es, dass sich vor 28 Jahren ihre Wege in einer Biker-kneipe in Eibelstadt (Lkr. Würzburg) kreuzten. Und auf die Frage, wie zwei Randgruppen einen gemeinsamen Nenner finden sollen, hatte das ungleiche Duo eine einfache Antwort.

Zeichen für Toleranz

Noch heute bezeichnet die Pädagogin die bei dem Treffen geborene Idee einer gemeinsamen Motorradtour beider Gruppen eigentlich als verrückt. „Mit einer gemeinsamen Unternehmung von Bikern und Menschen mit Handicaps sollte für die breite Öffentlichkeit ein Zeichen gesetzt werden für gegenseitige Toleranz. Das Vorhaben hätte aber auch gründlich in die Hose gehen können“, resümiert Peter Schädel. Stattdessen freut er sich, dass „mit der damaligen Aktion nicht nur eine inzwischen 28 Jahre dauernde Erfolgsgeschichte ihren Anfang nahm, sondern auch bundesweit viele Nachahmer fand“.

Mit den Wünschen nach Bewegung, Unternehmung und Freiheit war schnell eine gemeinsame Basis gefunden. Wie unter Bikern, war der Traum vom „Easy Rider“ auch unter den Menschen mit Handicap innerhalb der Mainfränkischen Werkstätten vorhanden. Freilich klang das Vorhaben einer Motorradtour zunächst utopisch. Doch ausgestattet mit entsprechender Ausrüstung sollte es möglich sein, gab sich die Sozialpädagogin zuversichtlich. Und als Händler der amerikanischen Maschinen von Harley Davidson war Peter Schädel überzeugt, dass sich selbst für Rollstuhlfahrer der Wunsch nach der Beschleunigung, Tempo, brummenden Motoren und Benzingeruch realisieren lassen sollte. „Schließlich gibt?s auch Motorradgespanne oder Trikes, die annähernd das gleiche Fahrgefühl aufkommen lassen“, so Schädel.

Berührungsängste unbegründet

„Erstmals startete das gemeinsame Motorradprojekt am 23. Juni 1989 mit einer Ausfahrt unter Beteiligung von zehn Fahrzeugen. Den Abschluss bildete ein gemeinsames Grillfest“, erinnert sich Daniela Steuer. Dabei zeigte sich vor allem, wie unbegründet Berührungsängste zwischen Rollifahrern und bärtigen, tätowierten Bikern waren.

„Das Eis war damit nicht nur gebrochen, sondern durch die Begegnung zweier Randgruppen auch schon Inklusion gelebt, lange bevor der Begriff bekannt wurde für gesellschaftliche Teilhabe“, so das ungleiche Paar. Seither treffen sich Biker aus ganz Unterfranken unter der Organisation von Peter Schädel und Daniela Steuer einmal jährlich zu einer gemeinsamen, ganztägigen Motorradrundfahrt mit den Mitarbeitern der Mainfränkischen Werkstätten.

Schon bei der zweiten Tour waren 27 Feuerstühle unterwegs. Zunächst rekrutierte Schädel die Biker aus seinem Kundenstamm als bekannter Harley-Händler. Die Mundpropaganda verfehlte aber ihre Wirkung nicht. Weder auf Seiten der Biker, noch unter den gehandicapten Menschen. Und nach Überzeugung der Organisatoren setzte die jährlich wiederkehrende Aktion in der Gesellschaft maßgeblich einen Umdenkungsprozess mit in Gang zu einem beispielhaften, gegenseitigen respektvollen Umgang.

Arbeit Hand in Hand

Legendär waren in den 1990er Jahren in der Bikerszene Peter's Bike-Shows auf Schädels Betriebsgelände in Randersacker. Und auch hier konnten gemeinsam Vorurteile abgebaut werden. Hand in Hand arbeiteten Biker zusammen mit behinderten Menschen, egal ob beim Aufbau, an den Kassen oder bei der Reinigung des Geländes. Durch die Mithilfe verdiente sich so mancher die notwendige Ausrüstung für den Ritt auf den heißen Öfen. Durch die ungewöhnliche Zusammenarbeit und die gewachsene Gemeinschaft konnten viele Unterstützer und Förderer gefunden werden, sodass das Projekt in all den Jahren wachsen und sich weiterentwickeln durfte.

Mittlerweile gibt es für die Interessenten für die Ausfahrt aus dem Kreis der Mainfränkischen Werkstätten gar eine auf 50 Personen begrenzte Teilnehmerliste. Der tatsächliche Bedarf an Soziusplätzen ist mindestens noch einmal um die Hälfte größer.

„Stammgäste“ der gemeinsamen Motorradtour fanden sich auf beiden Seiten. Wie selbstverständlich gehört auch der 84-jährige Karl Muth seit bald 20 Jahren nach wie vor zu den Fahrern. Und wie er sagt, hat er bei den gemeinsamen Touren viel gelernt fürs Leben.

Breite Unterstützung

Nach Steuers Überzeugung lässt die Begegnung, der Spaß und der entspannte Umgang miteinander diesen Tag immer wieder zu einem besonderen Tag für alle werden. In diesem Jahr beteiligen sich an der Aktion 80 Motorradfahrer aus ganz Unterfranken, darunter viele Gespann- und Trikefahrer, um auch weniger mobilen schwerbehinderten Menschen einen besonderen Tag zu ermöglichen. So selbstverständlich wie der gemeinsame Umgang wurde auch eine breite öffentliche Unterstützung.

Dazu gehört die Motorradstaffel der Polizei zur Absicherung, ebenso wie die Beteiligung der Rettungsdienste von Rotem Kreuz, Malteser und Johanniter, oder auch des ADAC. Wurde am Anfang noch nach geeigneten Lokalitäten für die Rast oder Mittagspause gesucht, so ist es heute eine Selbstverständlichkeit, dass Bürgermeister, andere Politiker und Gastronomen einladen.

Deshalb sind Schädel und Steuer davon überzeugt – frei nach dem griechischen Philosophen Aristoteles – in all den Jahren nicht den Wind geändert zu haben, aber den Auslöser gegeben zu haben, die Segel anders zu setzen.

Daniela Steuer und Peter Schädel. Foto: Herbert Ehehalt

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