WÜRZBURG

Die Biene, das Waldtier

Benjamin Rutschmann inspiziert eine Schwarzspechthöhle in einer alten Buche im Biosphärenreservat Schwäbische Alb.
Benjamin Rutschmann inspiziert eine Schwarzspechthöhle in einer alten Buche im Biosphärenreservat Schwäbische Alb. Foto: Rutschmann/Kohl

Vielleicht ist die Honigbiene das beliebteste Insekt der Welt. Ganz sicher aber ist sie das am besten beforschte Insekt überhaupt. Umso verwunderlicher ist es da, dass nur wenige Menschen wissen, dass es noch natürlich nistende Honigbienenvölker in Deutschland gibt. Und noch verwunderlicher, dass die „Bienenbäume“, die natürlichen Wohnungen der Honigbienen, kaum erforscht sind. Bienen im Wald? Über wild lebende Kolonien von Apis Mellifera in Europa gibt es bislang keine wissenschaftlichen Daten. Den Wald als ursprünglichen Lebensraum der Pollensammler hatten Forscher überhaupt nicht im Blick.

Warum die Bienenforscher in den Wald gehen

An der Universität Würzburg aber interessieren sich zwei junge Biologen gerade für das Waldtier, das die Hausbiene eigentlich ist. Benjamin Rutschmann und Patrick Kohl, Wissenschaftler vom Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie, machen sich seit zwei Jahren im Wald auf die Suche nach wild lebenden, natürlich nistenden Honigbienen.

„Es ist vorher schlicht noch keiner in die Wälder gegangen und hat geschaut: Leben dort Bienen?“, sagt Benjamin Rutschmann, der auch Wissenschaftler im bekannten Projekt „HOneyBee Online Studies“, kurz Hobos, ist. Vielleicht, weil die Suche eine knifflige Sache ist: „Einzeln sind die Bienen im dichten Wald schwer zu finden“, sagt Kohl. „Man wird da nie zufällig ein Honigbienenvolk finden.“ Denn die Kolonien leben hoch im Baum – in einer Höhle im Stamm.

Anflug auf die Wohnung: Unsere Honigbiene hat ursprünglich in Baumhöhlen in Laub- und Mischwäldern gewohnt.
Anflug auf die Wohnung: Unsere Honigbiene hat ursprünglich in Baumhöhlen in Laub- und Mischwäldern gewohnt. Foto: PAtrick Laurenz Kohl

Guter Lebensraum: Viele Nektarquellen, viele Baumhöhlen

Im Sommer 2016 waren die beiden Biologen zum ersten Mal auf der Suche: in den Buchenwäldern des Nationalpark Hainich in Thüringen, dort wo sich keine Imker ansiedeln dürfen und der Lebensraum noch möglichst ursprünglich ist. Der Hainich zählt zu den größten zusammenhängenden Laubwäldern in Mitteleuropa. Neben Buchen gibt es dort verschiedene Ahorn- und Lindenarten – eine reiche Nektar- und Pollenquelle für Honigbienen und andere bestäubende Insekten.

Im vergangenen Sommer waren die beiden Doktoranden dann auch in den Wäldern des Biosphärenreservats Schwäbische Alb unterwegs: „Dort gibt es ein detailliertes Verzeichnis von Bäumen mit Schwarzspechthöhlen“, sagt Benjamin Rutschmann. Bester Wohnraum für die Waldbienen – „doch die alten Spechthöhlen sind bisher noch nie systematisch auf die Besiedlung durch Honigbienen untersucht worden“.

Nachmieter in der Schwarzspecht-Wohnung

Was Schwarzspecht-Höhlen auszeichnet: Sie sind groß gezimmert. Mindestens 20 Liter sollte eine Höhle umfassen, damit die Bienen genug Honig zum Überwintern horten können. „Schwarzspechte können solche Höhlen auch schon in Bäumen mittleren Alters schaffen“, sagt Rutschmann.

In den beiden Waldgebieten gingen die Biologen auf ihrer Honigbienen-Forschung mit unterschiedlichen Methoden vor. Im Hainich verfolgten sie die Heimflugrouten von Bienen, die an extra aufgestellten künstlichen Futterstellen am Waldrand zum Sammeln kamen. Spannende Frage für die Forscher: Wie weit fliegt ein Schwarm in den Wald? Die angelockten Insekten, die vom Zuckerwasser der Biologen genascht hatten, führten die Forscher zu etlichen Bienenbäumen im Nationalpark, teils tief im Wald, bis zu drei Kilometer vom nächsten Bienenstand entfernt.

In den Buchenwäldern des Biosphärenparks Schwäbische Alb inspizierten die Forscher knapp hundert Habitatbäume mit alten Schwarzspechthöhlen. Ihr Ergebnis: Sieben Prozent dieser Buchen waren von Honigbienen besetzt. Die erste Bilanz: „Wild lebende Honigbienenvölker leben regelmäßig in Baumhöhlen in naturnahen Buchenwäldern mit Dichten von mindestens 0,11 bis 0,14 Kolonien pro Quadratkilometer.“

Versuchsvölker in den Wald geschickt

Biologe Patrick Kohl füllt eine Futterstelle mit Zuckerwasser im Hainich Nationalpark.
Biologe Patrick Kohl füllt eine Futterstelle mit Zuckerwasser im Hainich Nationalpark. Foto: B. RUTSCHMANN/p. Kohl

Um zu testen, wie weit Imkervölker vom Waldrand in das Waldgebiet eindringen würden, simulierten Kohl und Rutschmann das Ausschwärmen – und beobachteten das Verhalten im Schwarm. Sie entschlüsselten die Bienentänze der ausgeflogenen Spurbienen, die dem entflohenen Schwarm von der neuen „Nisthöhle“ berichteten. Ergebnis: So weit fliegen die Honigbienen erst einmal nicht in den Wald, sie suchen Höhlen in einem Umkreis von knapp einem halben Kilometer. Die Forscher schließen daraus, dass wilde Schwärme das Innerste des Waldes in mehreren Schritten besiedeln, über mehrere Jahre hinweg. Und dass Honigbienen in unseren Wäldern auch über mehrere Generationen überleben können.

Das Fazit der beiden: „Natürlich nistende Honigbienenvölker gibt es in deutschen Buchenwäldern, aber in geringer Dichte.“ Ihre erste Studie soll Start für eine genaue Erforschung der Populationsdynamik und Ökologie der wild lebenden Honigbienen in europäischen Waldgebieten sein.

„Seit fast 100 Jahren wird das Orientierungsverhalten und das Kommunikationsverhalten der Honigbienen mit immer raffinierteren Methoden erforscht und es sind Zehntausende Veröffentlichungen entstanden“, sagt Hobos-Initiator Professor Jürgen Tautz. „Aber ausnahmslos wird zur besseren Übersichtlichkeit für den Forscher auf weiten freien Feldern gearbeitet.“

Unsere Honigbiene (Apis mellifera) hat ursprünglich in Baumhöhlen in Laub- und Mischwäldern gewohnt. Zwei Würzburger Wissenschaftler zeigen, dass es heute noch wild lebende Honigbienen in Deutschland gibt.
Unsere Honigbiene (Apis mellifera) hat ursprünglich in Baumhöhlen in Laub- und Mischwäldern gewohnt. Zwei Würzburger Wissenschaftler zeigen, dass es heute noch wild lebende Honigbienen in Deutschland gibt. Foto: PAtrick Laurenz Kohl

Der Wald als natürlicher Lebensraum der Bienen sei als „Forschungslabor“ komplett außer Acht gelassen worden, sagt der Bienenforscher. „Man kann davon ausgehen, dass für das Waldinsekt Honigbiene im ursprünglichen Lebensumfeld komplett andere Bedingungen auch für Orientierung und Kommunikation herrschen.“

Erstes Fazit der Forscher: Die Biene überlebt ohne Imker-Fürsorge

Patrick Kohl und Benjamin Rutschmann sind sicher, dass das „Haustier“ Honigbiene auch ohne Imkerei überlebt: „Naturnahe Buchenwälder in ganz Europa können durchaus ein Zuhause für wild lebende Völker sein, weil sie genügend geeignete Nistplätze bieten.“ Die Würzburger Biologen gehen davon aus, „dass in den nächsten Jahrzehnten der Wald als Lebensraum für Honigbienen eine immer größere Bedeutung bekommen wird“. Wenn alte Bäume mit Schwarzspechthöhlen im bewirtschafteten Wald geschützt werden, helfe das womöglich auch den wilden Völkern.

Viele Fragen: Wie lebt die Waldbiene?

Wie sehen die Nester aus? Wie ist das Mikroklima in den Baumhöhlen? Wie leben die Honigbienen dort mit Mikroorganismen zusammen? Wie gesund sind die Waldinsekten? Haben sie Parasiten? Was passiert mit den Waldbienen in schweren Zeiten, bei Hunger und Krankheiten, in langen und kalten Wintern? Überleben Honigbienen in den Wäldern trockene und heiße Sommer, auch wenn sich kein Imker um sie kümmert?

Bienenbäume melden!

Viele offene Fragen, die die Würzburger Biologen in den nächsten Jahren im „BEEtrees-Projekt“ beforschen wollen. Das Ziel: den Erhalt wild lebender Bienenvölker zu sichern. Aber dazu müssen erst einmal möglichst viele natürlich nistende Bienenvölker in ganz Mitteleuropa erfasst werden.

BEEtrees-Projekt: Wer einen Bienenbaum mit einem natürlich nistenden Bienenvolk oder einen ehemaligen Baum mit Nest kennt, kann dessen Standort dem Hobos-Team melden.

 

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