WÜRZBURG

Die Juden und ihre Sehnsucht nach Normalität

Neulich hat Alexandra Golosovskaia eine Gruppe älterer Damen beim Einkaufen in einem Würzburger Supermarkt begleitet. Plötzlich hört sie, wie ein Kunde zu einem Nebenstehenden sagt: „Ich dachte, die sind alle vergast.“ Fassungslos sei sie gewesen, sagt Golosovskaia, habe dann aber „funktioniert“. Schnell habe sie die Seniorinnen zur Seite geschoben. „Ich glaube, sie haben nichts mitbekommen.“ Dass Antisemitismus so offen artikuliert wird, mag ein Einzelfall sein. Überrascht ist die 67-Jährige gleichwohl nicht. „So ist es eben, als Jude in Deutschland zu leben“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Knapp 1000 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde Würzburg und Unterfranken, die meisten sind in den 90er Jahren als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eingewandert. Alexandra Golosovskaia kam vor 20 Jahren mit ihrem Mann und zwei Kindern aus der Ukraine. In der jüdischen Gemeinde arbeitet sie als Sozialarbeiterin. Sie feiert dort die Feste, organisiert viel, sie achtet den Sabbat, bemüht sich um koschere Küche. Als streng gläubig sieht sie sich nicht. Die Würzburger Juden leben ihre Religion wie die Angehörigen andere Glaubensgemeinschaften auch.

Manche sind nur auf dem Papier Juden, andere feiern vor allem die Feste wie zuletzt Chanukka, wieder andere verstehen sich als Orthodoxe. Manche wollen ihren Glauben auch öffentlich zeigen.

Kippa unter der Baseball-Kappe verdeckt

Alexander Shif ist einer von ihnen. Der 52-Jährige, der aus Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, stammt, engagiert sich als Jugendleiter in der Gemeinde. Seit er vor zehn Jahren angefangen hat, sich intensiv mit seiner Religion auseinanderzusetzen und in Israel Tora und Talmud zu studieren, zeigt er sich auch in Würzburg mit einer Kippa, der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung. Persönliche Anfeindungen habe er deshalb noch nicht erlebt, sagt der kräftige Mann. Trotzdem, sicher ist sicher: „Wenn ich in Berlin U–Bahn fahre, verdecke ich die Kippa mit einer Baseball-Kappe.“ Und in Würzburg? Es komme vor, so Shif, dass er mit Kindern aus der Gemeinde einen Ausflug plant und die Eltern ihn bitten, seine Kippa abzunehmen oder zumindest zu verstecken. Der Nachwuchs könnte gefährdet sein. Shif: „Normalität sieht anders aus.“ Die Furcht vor antisemitischen Übergriffen, sie ist auch unter den Juden in Mainfranken gestiegen.

Dass die Polizei die Sicherheitslage rund um das Gemeindezentrum Shalom Europa ständig im Blick hat, sind die Mitarbeiter gewohnt. Ebenso, dass sie regelmäßig anonyme Briefe mit judenfeindlichen Beschimpfungen, Holocaust-Leugnungen und abstrusen Verschwörungstheorien an die Behörden weiterreichen müssen. Da treten antisemitische Klischees zutage, wie sie Juden seit Jahrhunderten ertragen müssen. Auch die Polizei beschäftigt der Judenhass. Genaue Zahlen könne man aktuell nicht liefern, heißt es. Meist handele es sich jedoch um Straftatbestände wie Volksverhetzung, Verleumdung oder Holocaust-Leugnung, denen die Ermittler nachgingen. Ein Schwerpunkt sei die Verfolgung von Antisemitismus im Internet. Zuletzt sei man einem Würzburger auf der Spur gewesen, der auf Facebook unter falschem Namen gegen Menschen jüdischen Glaubens gehetzt und die NS-Verbrechen geleugnet habe.

„Angela Merkel ist unsere Bundeskanzlerin, nicht Netanjahu“

Für Ärger sorgt unter den Würzburger Juden, dass sie immer wieder für die Politik Israels in Haftung genommen werden. Die Solidarität mit dem jüdischen Staat sei groß, sagt Shif, „weil er im schlimmsten Verfolgungsfall unser letzter Zufluchtsort ist“. Aber das bedeute doch nicht, dass man deshalb jeden Schritt der Regierung von Benjamin Netanjahu gutheiße. „Angela Merkel ist unsere Bundeskanzlerin, nicht Netanjahu“, sagt auch Ariel Joseph. Der 38-jährige Krankenpfleger, der in Würzburg Medizin studiert, ist vor zehn Jahren auf den Spuren seiner Vorfahren zum Judentum konvertiert. Auch Joseph trägt Kippa, ist also als Jude erkennbar. „Free Gaza, Israel never existed“, habe es ihm entgegengehallt, als er mit Gästen in der Fußgängerzone unterwegs war.

Golosovskaia fürchtet, mit der Zuwanderung aus arabischen Ländern nehme auch der Antisemitismus zu. Schließlich würden die Menschen dort von klein auf zum Judenhass erzogen. Wie man dem begegnen kann? Mit Aufklärung in der Schule, mit Besuchen in KZ-Gedenkstätten, wie der Zentralrat der Juden vorschlägt? „Versuchen kann man es“, sagt die 67-Jährige. Ihr aber fehle der Glaube, dass die jungen Leute wirklich erreicht werden. Stattdessen fordert sie mehr Härte seitens der Politik, auch strengere Gesetze. Wer gegen Juden oder andere Menschen hetze, gehöre „notfalls ausgewiesen“. Sie wisse von einem jüdischen Jugendlichen, sagt Golosovskaia, der in der Schule von einem arabischen Jungen körperlich angegriffen wurde. Aber weder Lehrer noch Polizei hätten ihm geglaubt. Bei der Polizei sei ein solcher Fall nicht bekannt, heißt es auf Nachfrage.

„Anti-Antisemitismus ist Teil der deutschen Kultur“

„Politische Bildung sei eine Möglichkeit, dem Antisemitismus in der Gesellschaft entgegenzuwirken, sagt Tanja Wolf vom Institut für Politikwissenschaft an der Uni Würzburg. Wer hier lebe, müsse wissen, „dass Anti-Antisemitismus Teil der deutschen Kultur ist“. Unabhängig davon seien Psychologen und Pädagogen gefragt: „Wer über ein gesundes Selbstwertgefühl verfügt, hat es nicht nötig, andere Gruppen wie die Juden abzuwerten.“

Immer wieder werde auch in der jüdischen Gemeinschaft diskutiert, was man selbst tun könne, um Vorurteilen zu begegnen. Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen sei Shalom Europa ein offenes Haus. Allein mit Museumsführungen habe man seit 2006 über 30 000 Menschen erreicht, die sich für die tausendjährige Geschichte der Würzburger Juden interessierten. Inwieweit es sinnvoll ist, zu Festen wie Chanukka darüber hinaus in die Öffentlichkeit zu gehen und beispielsweise – wie die Muslime zu Ramadan – ein Zelt aufzubauen und dort unter anderem koscheres Essen zu servieren, darüber mache man sich immer wieder Gedanken, sagt Alexander Shif. „Wir wollen schließlich nicht immer nur als Opfer wahrgenommen werden.“

„Ein öffentliches Zelt? Lieber nicht“, sagt Alexandra Golosovskaia. Die 67-Jährige sehnt sich einer Normalität, von der sie selbst weiß, dass es sie für Juden in Deutschland vermutlich nie geben wird: „Lasst uns doch einfach in Ruhe.“

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