WÜRZBURG

Die Kulturtafel stößt an ihre Grenzen

Sie engagieren sich für kulturelle Teilhabe: (von links) Gründungs- und Vorstandsmitglied Regine Räder, Öffentlichkeitsbeauftragte Annette Popp, Schatzmeister Stefan Kern, Kulturgast Kerstin Spatz und Irmgard Gülsdorff vom Ticketvermittlungsteam. Foto: Pat Christ

Die Entwicklung ist rasant: In lediglich drei Jahren vermittelte die Würzburger Kulturtafel 10 000 Tickets für Kultur- und Sportveranstaltungen. Mehr als 1000 Erwachsene und Kinder aus Stadt und Kreis sind inzwischen Kulturgäste. Diese Zahlen machen das 40-köpfige Team stolz. Doch sie bereiten auch Sorgen. Denn der Verein ist an seine Grenzen gestoßen. Bei einem Infostand am 8. Juli will das Team darauf aufmerksam machen, dass es dringend hauptamtliche Unterstützung benötigt.

„Wir bräuchten jemanden, der zwei Stunden täglich im Büro arbeitet“, sagt Regine Räder, die den Verein mit etablierte, sich seit der Gründung im Vorstand engagiert und zusätzlich die Geschäfte führt. Gerade Letzteres bedeutet inzwischen extrem viel Arbeit. Ständig trudeln Mails ein. Ständig klingelt das Telefon.

Ein Kulturgast zum Beispiel ruft an, weil er Zweifel hat, an welchem Ort ein Konzert stattfindet. Oder er muss absagen. Oder eine Veranstaltung fällt aus. Dann muss den Kulturgästen abgesagt werden. Ein Theater ruft an, weil ein Gast nicht erschienen ist. Ein Kulturgast, der am Vorabend im Theater war, hat das Bedürfnis, sich für dieses schöne Erlebnis zu bedanken.

Nicht zuletzt die zehn Ehrenamtlichen in der Ticketvermittlung erleben, dass die Arbeit immer komplexer wird. „Es müssen oft sehr spezielle Sachen beachtet werden“, sagt Irmgard Gülsdorff, die das Vermittlungsteam leitet. Mancher Kulturgast kann grundsätzlich nur am Wochenende zu Veranstaltungen gehen. Ein anderer ist auf einen Rollstuhlplatz angewiesen. Der nächste hat Probleme, zu hören – weshalb er eine Induktionsschleife benötigt. Einige Gäste sind grundsätzlich nicht vor, andere grundsätzlich nicht nach 18 Uhr telefonisch zu erreichen.

Nur mit viel Glück klappt es gleich beim ersten Anlauf, eine Karte zu vermitteln. „Im Durchschnitt sind pro Ticket vier Anrufe nötig“, erläutert Stefan Kern, der sich im Kulturtafel-Team um das Spendensammeln kümmert. In welcher Reihenfolge die 1000 Kulturgäste jeweils angerufen werden, entscheiden die Ticketvermittler über ihre Datenbank.

Kürzlich zum Beispiel stellte das Mainfranken Theater 40 Tickets für „Nabucco“ zur Verfügung. Die Vermittlerin gab zunächst den Begriff „Oper“ in die Suchmaske ein. Der Rechner zeigte daraufhin, wer sich von den Kulturgästen für Opern interessiert. Außerdem schien eine Prioritätenliste auf: Ganz oben standen jene Gäste, die schon lange nicht mehr in der Oper waren. Diese Liste arbeitete die Vermittlerin nach und nach ab.

Das Ticketangebot schwankt, wobei es keinen mauen Monat mehr gibt. 250 Karten stehen eigentlich immer zur Verfügung. „Der Durchschnitt liegt bei 400 Karten“, sagt Kern. Wobei es Monate mit 600 gespendeten Karten gibt. In diesen Monaten müssen die Vermittlerinnen und Vermittler also fast 2500 Mal zum Hörer greifen, um alle Karten an den Mann oder die Frau zu bringen.

Die Kartenvermittlung wird laut Annette Popp von der Öffentlichkeitsarbeit des Vereins auch deshalb immer komplizierter, weil viele Gäste nicht mobil sind. Da sie von Hartz IV oder einer kleinen Rente leben, können sie sich keinen Busfahrschein leisten: „Sie kommen also erst gar nicht zum Veranstaltungsort.“ Das Team der Kulturtafel führte inzwischen etliche Gespräche über die Einführung eines Sozialtickets. In anderen Städten gibt es das. Doch in Würzburg will man sich noch nicht auf diesen Weg machen.

Manchmal kommt für einen Moment Frust hoch, weil die Arbeit so viel schwieriger und so viel anspruchsvoller ist, als man am Beginn auch nur geahnt hätte. Doch das Feedback der Kulturgäste ist stets aufs Neue Motivation, weiterzumachen.

Wie wichtig die Kulturtafel ist, unterstreicht Kulturgast Kerstin Spatz. Widrige Umstände, erzählt die junge Frau, führten dazu, dass sie gerade unter chronischem Geldmangel leidet: „Deswegen könnte ich mir niemals eine Theaterkarte leisten.

“ Das war früher anders gewesen: „Da hatte ich sogar ein Theater-Abo.“ Dass sie trotz ihrer momentanen Armut nicht auf Kultur verzichten muss, ist für Spatz beglückend.

Beim Infostand am 8. Juli auf dem Sternplatz wollen Mitglieder des Vereins „Kulturtafel“ sowie ehrenamtliche Helfer darauf aufmerksam machen, wie wichtig es ist, sich für kulturelle Teilhabe in Würzburg einzusetzen. Mit der Aktion ist die Hoffnung verbunden, dass es gelingt, kontinuierliche Spender, Sponsoren oder Zuschussgeber für eine geringfügig beschäftigte Bürokraft zu finden. Rund 10 000 Euro wären derzeit pro Jahr zusätzlich nötig, um eine solche Kraft einzustellen.

Wer für die Kulturtafel spenden möchte, kann dies tun über das Spendenkonto: IBAN: DE30 7905 0000 0047 6350 40, BIC: BYLADEM1SWU.

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