WÜRZBURG

Die Lessigs erproben das Galeristenleben

Fotograf Benjamin Brückner, frischgebackener Würzburger Kunstförderpreisträger, stellte seine Werke im Milchhof aus.
Fotograf Benjamin Brückner, frischgebackener Würzburger Kunstförderpreisträger, stellte seine Werke im Milchhof aus. Foto: Ivana Biscan

Würzburgs Künstlerinnen und Künstler luden am Wochenende in ihre Ateliers ein. Wochenlang lagen Flyer in der Stadt aus, die die Adressen und ein paar Stichpunkte zum Werk verrieten.

20, 30 oder 40 Skulpturen-Freunde am ersten Tag – Harald Scherer hat sie nicht gezählt, sondern sich überraschen lassen. Der Holzbildhauer und Steinmetz nahm zehn Jahre lang nicht an Atelierstagen teil, weil bisher gleichzeitig stets ein Symposion – so heißen die Bildhauerworkshops – im thüringischen Suhl stattfand. Das fiel heuer aus, und Scherer nahm nicht nur selbst beim Würzburger Ateliercorso teil, sondern stupste auch seinen Nachbarn an, den Fotografen Benjamin Brückner, frischgebackener Würzburger Kunstförderpreisträger.

„Ladestation“ im Milchhof

Beide arbeiten im Milchhof zwischen Münz- und Sanderstraße, dem man seine ursprüngliche Funktion als Verteilstation für Milchwägen noch ansieht. Direkt nach dem Umbau Ende der 1990er Jahre war der Milchhof mit Konzerten, Lesungen und Performances mal eine sehr aktive Adresse. Scherer und Brückner setzten sich heuer zwar nicht unter Druck, an glorreiche Zeiten anzuknüpfen. Scherer wusste allerdings: Von allein kommen selten Leute rein. Deswegen druckte er zur Ergänzung des kulturamtlichen Flyers eine eigene Einladungskarte, um Bekannte gezielt anzusprechen.

Das hat sich auch für die Besucher gelohnt. Bei einem neueren Werk, der „Ladestation“, konnten sie ihr Handy auf ein freischwingend aufgehängtes Holzrelief legen, sich auf eine original mongolische Filzmatte stellen und die Schwingungen ihres Handys in neuem Ambiente wahrzunehmen versuchen. Oder zumindest: Sie konnten miteinander über Sinn und Chancen von Vibrationen diskutieren.

Erstmals dabei: Curd Lessig

Überhaupt zum allerersten Mal öffnete der 91-jährige Curd Lessig sein Atelier auf der Keesburg der Öffentlichkeit. Dabei hat er es bereits 1962 gebaut und bezogen. Von der Straße aus erkennt man an der Milchglasfassade des Hausanbaus gleich den Zweck des umbauten Raumes: Der wurde als Atelier errichtet.

Neben Haus- und offener Ateliertür sitzt das Ehepaar Curd und Eva Lessig. Die Töchter begleiten Gäste ins Allerheiligste, eine gut bestückte Ausstellung mit vielen bekannten Motiven des fleißigen Münchner Akademie-Absolventen. Eine Wand hängt voller Akte beziehungsweise kleiner Szenen aus dem Aktkurs, bei dem Curd Lessig den bekleideten Kollegen gelegentlich mehr Aufmerksamkeit widmete als den nackten Modellen.

Warum er bisher nie an diesen Kunsttagen teilnahm? „Das Atelier war immer tabu“, sagt Eva Lessig, da wollte er nie gestört werden. Inzwischen ist es dem Paar aber etwas zu ruhig im Anbau geworden. Die Hausherrin „möchte, dass es wieder etwas belebt wird“. Sie liebäugelte damit, das Atelier zur Galerie umzurüsten und vielleicht regelmäßig zu öffnen. Da war das Würzburger Kunstwochenende ein willkommener Versuchsballon. Aber mit zehn Gästen pro Stunde im Schnitt zu viel. Deswegen meinen die Lessigs: Ist wohl doch keine so gute Idee, aus dem Atelier eine Galerie zu machen.

Über die Stadtgrenzen hinaus

Die Region zog bei den Würzburger Künstlertagen mit. Schließlich arbeiten die veranstaltenden Berufsverbände über die Stadtgrenzen hinaus. Erhard Löblein in Zell ist seit sechs Jahren bei der Aktion dabei. Zuvor wohnte er bei Düsseldorf, in Erkrath, wo er mit einigen Kollegen an den Ateliertagen der nordrheinischen Kunstmetropole teilnahm. Als der gebürtige Marktbreiter wieder nach Unterfranken zog, war er froh, in der Szene auf alte Bekannte zu treffen – eben auf Tage des offenen Ateliers.

In einem Barockhaus in der Zeller Ortsmitte steht seine Staffelei und teilt sich den Raum mit einem Bett. Der 84-Jährige arbeitet sehr präzise, schmutzt nicht, sondern seufzt: „Manchmal würde ich auch gern mit wildem Pinselschwung Gesichter auf die Leinwand werfen.“ So etwas ist aber nicht seine Art.

Das erkennt man an ein paar hervorgesuchten Gemälden aus der Zeit um 1970, die penible Op-Art-Muster auf den halben Millimeter genau konstruieren. An den Wänden von Wohnzimmer, Treppenhaus und auch auf der Terrasse sieht man aber rasch: Seins ist der menschliche Körper, und zwar „So“, sagt Löblein und windet sich den Arm über den Kopf. Aus irgendeinem Grund haben seine Gestalten oft eine gekrümmte, gewundene Haltung. Dabei steht er sich selbst viel Modell, weil: „Es ist willig, ich kann alles mit ihm machen, es ist immer da.“

Ein paar Zeller schneien in die Wohnung rein. Viel Betrieb ist nicht, doch das ist dem Künstler auch recht so: „Wenig Besuch ist mir lieber als die Massen bei der Zeller Kunstmeile alle zwei Jahre, wenn ich nicht mehr durch die eigene Wohnung komme.“ Die Tage des offenen Ateliers bringen jedenfalls Kunstbetrachter herbei, die sich wirklich für die Arbeit des Gastgebers interessieren.

Erhard Löblein in Zell machte heuer bereits das sechste Mal mit bei den Tagen des offenen Ateliers.
Erhard Löblein in Zell machte heuer bereits das sechste Mal mit bei den Tagen des offenen Ateliers. Foto: Ivana Biscan
Curd Lessig beim Tag des offenen Ateliers       -  Der Künstler Curd Lessig öffnete an den Tagen des offenen Ateliers zum ersten Mal den Ort seines Schaffens im Frauenland.
Der Künstler Curd Lessig öffnete an den Tagen des offenen Ateliers zum ersten Mal den Ort seines Schaffens im Frauenland. Foto: Daniel Peter

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