REICHENBERG

Die Natur als Spielplatz und Spielzeug

Bürgermeister Karl Hügelschäffer ist stolz: „So schnell wurde noch kein Kindergarten bei uns geplant, gebaut und eröffnet.“ Dabei war er selbst skeptisch, als er zum ersten Mal von dem Projekt gehört hat.
Besuch im Wald: Im Beisein von Landrat Eberhard Nuß, Bürgermeister Karl Hügelschäffer, Pater Leo Beck und Pfarrer Matthias Penßel wurde der Waldkindergarten Schlupfwinkel im Guttenberger Forst offiziell eröffnet. Foto: Wilma Wolf

Schon wieder so eine unausgegorene Idee, die bald im Sande verlaufen wird, habe er sich gedacht, erzählt er bei der offiziellen Eröffnung des Waldkindergartens. Doch Zug um Zug habe das Projekt Fahrt aufgenommen. Dabei wurde aber auch schnell klar, dass es ohne das Engagement der Gemeinde nicht geht.

So stand schon bald fest, dass die Gemeinde Reichenberg die Trägerschaft übernehmen wird. Die bayerischen Staatsforsten stellten das Gelände zur Verfügung und Franziska Rothmeyer, die Leiterin der Lindflurer Kita steig in das Vorhaben ein.

Die Gemeinde stellte Geld zur Verfügung, ein Bauwagen wurde angeschafft und im Landratsamt ließ man sich beraten. Das emsige Arbeiten im Wald begann. Der Tennisclub Reichenberg stiftete seine alte, aber massive Vereinshütte, die von vielen Helfern und vor allem den Reichenberger Pfadfindern im Rahmen der 72-Stunden-Aktion „Uns schickt der Himmel“ aufgebaut wurde. Sponsoren wurden gefunden, die sich um die Einrichtung der Hütte und die Stromversorgung kümmerten. Gleichzeitig wurden Personal und Kinder gesucht.

„Alle haben zusammen geholfen“, sagte der Bürgermeister. So konnten die ersten Waldkinder planmäßig zum Kindergartenstart am 2. September den Schlupfwinkel beziehen.

Hügelschäffer hat selbst erlebt, dass im Waldkindergarten eine besondere Stimmung herrscht. Außerdem sei es „ohne Zweifel eine tolle Möglichkeit, Kinder im Einklang mit der Natur zu erziehen und ihnen den Lebensraum Wald ganz nah zu bringen.“ Auch wenn der Naturkindergarten „nicht für jedes Kind und nicht in die Erziehungsvorstellung aller Eltern“ passe.

Jahreszeiten erleben

„Waldkinder lernen durch das intensive Erleben der Jahreszeiten den Lebenskreislauf kennen und sie lernen, damit zu leben“, erläuterte Ina Jordan von der Elterninitiative, die den Anstoß für den Waldkindergarten gegeben hatte. „Die Natur schenkt den Kindern Raum und Material zum Spielen, Zeit und Ruhe. Sie schreibt ihnen nichts vor, setzt lediglich natürliche Grenzen, lässt sie so sein, wie sind“, meinte sie. Wissenschaftlich sei es erwiesen, dass gerade das freie Spiel bei Kindern viele Kompetenzen weckt und vorantreibt.

Im Regelkindergarten findet nach Jordans Meinung zu viel drinnen statt, man geht zu wenig raus. Im Waldkindergarten ist das anders. „Das Kind in der Natur ist immer tätig und jede Tätigkeit hat ihren Sinn. Je einfacher die Spielräume und Materialien, umso kreativer wird das Spiel sein, je natürlicher die Spielmaterialien, desto natürlicher wird das Kind wachsen“, davon ist die Naturpädagogin überzeugt.

Zudem könnten die Kinder im Wald der Reizüberflutung durch Medien entgehen und Ruhe einkehren lassen. Durch Schnitzen, Klettern, Balancieren und Beobachten werde das Körperbewusstsein und die Gesundheit der Kinder gefördert. „Unsere Erde braucht Menschen, die es von Grund auf gelernt und verinnerlicht haben, liebevoll, achtsam und respektvoll mit ihr um zu gehen“, glaubt Jordan.

Die Neugier hatte Landrat Eberhard Nuß in den Guttenberger Forst gelockt. Toll finde er, dass die Kinder hier die Natur hautnah fühlen und spüren können. Das Konzept sei neu, aber auch notwendig. Zudem stecke viel bürgerschaftliches Engagement in dem Projekt.

Die Lindflurer Kita-Leiterin Franziska Rothmeyer hat in den letzte Monaten selbst „viel erlebt und gelernt“. Durch die intensive Auseinandersetzung mit der Waldpädagogik sehe sie jetzt manches im Kita-Alltag aus einer anderen Perspektive. Sie ist überzeugt: „Die Kinder haben hier im Guttenberger Forst ein kleines Paradies.“

Das Kita-Team um Heike Kalpen wünscht sich jetzt, dass die Kinder Hand anlegen und frei gestalten können. Sägen, hämmern, bauen, matschen, toben, heißt die Devise.

„Hier werden die Kleinen nicht bespielt, sondern lernen das freie Spiel. Mit Dingen, die ihnen die Natur schenkt“, erläuterte Klaus Hemmerich von der Elterninitiative. .

„In der Natur können wir die Spuren Gottes erkennen“, sagte Pater Leo, der gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer Matthias Penßel den Waldkindergarten Schlupfwinkel segnete.

Konzept Waldkindergarten

Waldkindergärten haben ihren Ursprung in Skandinavien. Über 800 Waldkindergärten gibt es inzwischen in Deutschland, im Landkreis Würzburg bisher nur noch einen in Höchberg. Deshalb ist die Einrichtung im Guttenberger Forst auch nicht auf die Gemeinde Reichenberg und ihre Ortsteile beschränkt.
Kinder zwischen drei und sechs Jahren aus der Region werden aufgenommen. Zehn Kinder sind es derzeit, zwei kommen im Oktober noch dazu. Insgesamt 25 können aufgenommen werden. Zwei Erzieherinnen, eine Kinderpflegerin und eine Praktikantin kümmern sich um die Kleinen.
Strom kommt aus einer Photovoltaikanlage und das Wasser aus Kanistern. Die Schutzhütte wird mit einem Holzofen beheizt. Als WC wurde eine Komposttoilette aufgestellt, die Hände werden mit Lavaerde und Wasser gewaschen.
Geöffnet ist von 7.30 bis 14 Uhr.
Infos unter Tel. (0 93 66) 14 16.

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