WÜRZBURG

Die Schutzflehenden im Mainfranken Theater

Hans-Werner Kroesinger ist der Dokumentarist unter den Theatermachern im deutschsprachigen Raum. Der „Spiegel“ schrieb über ihn, er sei „das genaue Gegenteil eines politisch eifernden Missionars. Statt vermeintliche Wahrheiten zu postulieren, geht es ihm darum, die Mechanismen offenzulegen, nach denen solche ,Wahrheiten’ konstruiert werden – und in wessen Interesse.“
Hans-Werner Kroesinger
Hans-Werner Kroesinger aus Berlin gilt als der Dokumentarist unter den Theatermachern im deutschsprachigen Raum. Die Regie von "Die Schutzflehenden" ist seine erste Arbeit fürs Mainfranken Theater. Foto: Theresa Müller


Hans-Werner Kroesinger ist der Dokumentarist unter den Theatermachern im deutschsprachigen Raum. Der „Spiegel“ schrieb über ihn, er sei „das genaue Gegenteil eines politisch eifernden Missionars. Statt vermeintliche Wahrheiten zu postulieren, geht es ihm darum, die Mechanismen offenzulegen, nach denen solche ,Wahrheiten’ konstruiert werden – und in wessen Interesse.“ Das Stück „Die Schutzflehenden“ ist Kroesingers erste Inszenierung am Mainfranken Theater. Am Samstag, 3. März, 19.30 Uhr, ist Premiere.

Frage: Geht’s mehr um Euripides oder geht’s mehr ums Asyl?
Hans-Werner Kroesinger: Es geht mehr ums Asyl.

Warum?
Kroesinger: Weil das Asyl das Problem von heute ist. Es geht darum, wie wir mit dem Asylrecht umgehen, was sagt das über uns, unsere Gesellschaft, und was sagt das über die Demokratie? Der Euripides ist wichtig als ein Bezugstext, als eine Perspektive, aus der wir das Ganze betrachten.

Sie haben für diese Produktion mit dem Würzburger Archäologen Prof. Dr. Ulrich Sinn zusammengearbeitet. Was hat das Ihnen gebracht?
Kroesinger: Die Einsicht in die Selbstsicherheit desjenigen, der in der Antike als Flüchtling das Asyl einfordert, weil es ein göttliches Recht ist. Das ist das, was uns so verblüfft hat. Man hat im Prinzip keine Chance, wenn ein Flüchtling bei einem eintrifft, weil er sich auf göttliches Recht berufen kann. Man ist verpflichtet, das Asyl zu gewähren.

Finden Sie das antike Asylrecht in der christlichen Mythologie wieder?
Kroesinger: Es gibt eine Modifikation, wenn man sagt, das ist verbunden mit dem Aufsuchen eines heiligen Ortes, eines Tempels. Man nimmt einen Wollfaden aus seiner Kleidung, den man in der linken Hand hält oder einen Zweig, der entnommen wurde von einem Baum, der sich auf dem Gelände des Heiligtums befand. So signalisierte man, dass man Asyl sucht, also göttliches Recht, göttlichen Schutz einfordert. Im so genannten Kirchenasyl gibt es Spuren davon. Aber das Kirchenasyl ist kein staatliches Recht. Der Staat kann entscheiden, dass er es akzeptiert, muss aber nicht.

Sie sind in der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in der Veitshöchheimer Straße gewesen. Was sind Ihre Eindrücke?
Kroesinger: Die Gemeinschaftsunterkunft strahlt zunächst mal wenig von Gemeinschaft aus. Ich gehe hin als ein Gast, ich schaue mir das an, ich kann wieder gehen, ich muss da nicht bleiben. Rob Moonen (der Bühnen- und Kostümbildner, d. Red.) und ich haben uns sehr beschäftigt mit dem Blick auf die Gemeinschaftsunterkunft. Und die ist eine Militäranlage. Sie haben Stacheldrahtzaun.

Die Kaserne stammt aus der Zeit des Nationalsozialismus, 1938 wurde sie in Adolf-Hitler-Kaserne umgebaut.
Kroesinger: Diese Spuren, diese Zeugnisse der Architektur sind ja noch da, die haben noch die Adler aus dem Nationalsozialismus. Das ist ein Gelände, das unter militärischer Perspektive angelegt wurde. Und da sollen jetzt Leute aus sehr vielen unterschiedlichen Kulturkreisen sich aufhalten, die teilweise traumatisiert sind, die teilweise Erfahrungen gemacht haben mit Gefängnissen, mit Aufenthalten in Militäranlagen, was nicht mit angenehmer Erfahrung verbunden wird. Das Risiko, auf so einem Gelände allein durch die Gegebenheit des Ortes einer Re-Traumatisierung ausgesetzt zu sein, ist relativ hoch. Diese Gemeinschaftsunterkunft ist mit Sicherheit nicht gedacht aus der Perspektive desjenigen, der Schutz sucht, sondern ist gedacht aus der Perspektive desjenigen, der organisieren muss, dass relativ viele Leute auf einem begrenzten Raum kontrolliert werden können.

Was erfahren Sie in der Gemeinschaftsunterkunft über Deutschland?
Kroesinger: Zuerst einmal erfahre ich etwas über mich. Als ich angesprochen wurde von Kai Tuchmann (dem Dramaturg und Regisseur, der am Mainfranken Theater arbeitete), auf den das Projekt zurückgeht, wusste ich nicht, dass hier in Würzburg die zweitgrößte Asylbewerberunterkunft in Bayern ist. Ich wusste nicht, dass Bayern besondere Statuten hat im Umgang mit Flüchtlingen.

Sie meinen Paragraf 7 der bayerischen Asyldurchführungsverordnung, in dem steht, die Verteilung und Zuweisung der Flüchtlinge in die Unterkünfte solle ihre Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern?
Ja. Das heißt, dass die Unterbringung so ist, dass man den Leuten sehr deutlich signalisiert, dass sie keine Gäste sind, sondern dass man sie möglichst schnell wieder loswerden will. Dass es wenig an Integrationsmaßnahmen gibt. Wenn es welche gibt, dann auf ehrenamtlicher Ebene von verschiedenen Gruppen der Bevölkerung. Ich erfahre da, dass die berühmten westlichen Werte, von dem dieses Land sagt, es vertrete sie, nur sehr begrenzt und sehr modifiziert Anwendung finden.

Was finden wir von der Gemeinschaftsunterkunft auf der Bühne wieder?
Kroesinger: Wir finden den Blick auf die Gemeinschaftsunterkunft wieder, weil wir im Stück mit Filmsequenzen arbeiten. Es gibt umfangreiche Passagen, in denen wir diese verschiedenen Blickwinkel visuell thematisieren. Wir finden wieder Geschichten von Leuten, die sich in der Gemeinschaftsunterkunft aufgehalten haben, über das Prozedere, über das, was ihnen zur Verfügung steht, welche Entscheidung sie treffen können und welche nicht. Es sind Spuren, Akzente von Biografien, aber nicht im Sinne einer Kenntlichmachung, sondern im Sinne von Aufspüren.

Was wollen sie aufspüren?
Kroesinger: Welche Erfahrungen macht jeder, der hierher kommt, egal was er für eine Geschichte vorher hat? Womit ist er konfrontiert? Wir haben versucht, das so lange anzuschauen, bis uns die Dinge aufgefallen sind, die wir für relevant erachtet haben.

Wie setzen Sie das um?
Kroesinger: Ich mache das Stück nicht alleine. Das besondere an dieser Art von Theater ist, dass man ein Thema hat und zu diesem Thema verhält man sich, indem man erst recherchiert, indem man sich beschäftigt mit der Geschichte des antiken Asyls, mit der Geschichte des europäischen Asyls, mit dem, was Europa jetzt gerade tut, um seine Grenzen zu sichern, wo eine Agentur wie Frontex sehr wichtig wird.

Und dann?
Kroesinger: Dann haben sie ganz viele verschiedene Materialpools, und mit diesen Materialpools gehen sie rein in das, was man im Theater Leseprobe nennt. Das heißt, man verbringt mit den Schauspielern zwei, drei Wochen an einem Tisch und arbeitet das durch. Und jeder von den Schauspielern entscheidet dann, was er für relevant hält. Was das Publikum sehen wird, sind die Entscheidungen, die die Gruppe, die dieses Stück aufführt, getroffen hat, bezogen auf die Situation in Würzburg und auch was den Zustand der demokratischen Gesellschaft in der Bundesrepublik angeht. Das ist das Angebot an den Zuschauer, zu dem er sich dann verhalten kann.

„Die Schutzflehenden“ ist Ihre erste Produktion in Würzburg. Sie gelten als der Dokumentarist unter den deutschsprachigen Theatermachern. Man liest über Sie, sie würden keine Partei ergreifen. Warum tun sie das nicht?
Kroesinger: In dem Moment, in dem ich eine Partei ergreife, mache ich es dem Publikum leicht. Das kann dann sagen, ich bin dagegen oder ich bin auf der gleichen Seite. Aber das verhindert, das Phänomen genau anzuschauen. Und ich glaube, die große Qualität eines wie auch immer gearteten Kunstwerks ist, ein Spannungsfeld von verschiedenen Perspektiven zu erzeugen. Unsere Verantwortung ist, dass es in sich ästhetisch stimmig ist. Es muss eine Form haben, die mit dem Inhalt korrespondiert und seine Angebotsstruktur muss offen bleiben.

Aber Sie und das Ensemble entscheiden doch subjektiv, wenn Sie das Material für die Inszenierung zusammenstellen.
Kroesinger: Es ist eine sehr subjektive Auswahl, die das Publikum auf der Bühne sieht. Wichtig ist, dass man die Lücken auch kenntlich macht, weil da viel fehlt. Jede Entscheidung für einen Text ist eine Entscheidung gegen 10 andere. Aber durch das Kenntlichmachen dieser Lücken entstehen die Freiräume fürs Publikum. Das hat dann die Chance, sich einzuschreiben, sich selber einzubringen und selber Position zu beziehen. Ich finde es nicht interessant, wenn das Publikum sagt: Das ist die Position des Produktionsteams, das ist die Position des Regisseurs. Viel wichtiger ist, wenn das Publikum sich die Frage stellt, was seine eigene Position ist.

Die Zeit zitiert sie mit einem Satz, den man von einem Künstler nicht unbedingt erwartet: „Was einem auffällt, ist interessanter als das, was einem einfällt.“
Kroesinger: Ich glaube, das hat zu tun mit dem Respekt vor dem Gegenstand, den man behandelt. Die Sache existiert auch ohne mich. Ich setze mich dazu ins Verhältnis. Wenn ich da meine Einfälle draufpacke, dann überschreibe ich die Sache. Wenn ich den Gegenstand aber lang genug anschaue, werde ich so viele Dinge entdecken, bis er mir fremd wird oder bis ich das erkenne, was ich nicht einpassen kann, was ich für mich nicht handhabbar, mundgerecht leicht machen kann. Dann geht es um das, was mir der Gegenstand erzählt. Je mehr Zeit ich investiere, desto mehr werde ich erfahren über das Phänomen.

Über das Stück: 
Euripides' „Die Schutzflehenden“ zeigen ein antikes Ritual, das Menschen Beistand in jeglicher Notsituation versprach. Hans-Werner Kroesinger und das Schauspielensemble des Mainfranken Theaters untersuchen vor diesem Hintergrund die Realität Schutzflehender in Deutschland und Würzburg. Premiere ist an diesem Samstag, 3. März um 19.30 Uhr. Einführung: 19 Uhr im oberen Foyer.

Vorlesung:
Der Staatsrechtler Prof. Eric Hilgendorf spricht am Montag, 5. März, im oberen Foyer des Mainfranken Theaters über „Menschenrechte – Geschichte und heutige Probleme“. Beginn: 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen gibt es auf den Seiten des Mainfranken Theaters.

  
 
 
 
 
 

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