Hubland

Die geheimen Tunnel im Kürnacher Berg

Nationalsozialisten trieben Luftschutz-Tunnel in den Felsen des Kürnacher Bergs, später vergnügten sich GIs in den Gängen. Eindrücke einer seltenen Expedition.
Konstantin Wismath von der Fachabteilung Stadtumbau und Stadtentwicklung im Baureferat mit einer Tüte, in der sich amerikanische Lutscher („Tootsy Roll Pops“) befanden. Foto: Roland Flade

Auf dem feuchten schlammigen Boden liegt ein toter Fuchs, in der Nähe gammeln ein paar leere Cola-Dosen vor sich hin. An eine Wand ist ein Peace-Zeichen samt der Jahreszahl „1969“ gesprüht. Von der Decke hängen an manchen Stellen Kalkausspülungen, die wie Tropfsteine aussehen.
Mit Konstantin Wismath von der Fachabteilung Stadtumbau und Stadtentwicklung im Baureferat und dem Galgenberg-Experten Alexander Kraus bewege ich mich vorsichtig durch die dunklen engen Gänge und ihre höhlenähnlichen Ausbuchtungen, die bis zu 19 Meter unter der Erde liegen. Unsere Lampen beleuchten immer nur ein kleines Stück des Weges.

Geheime Gänge unter der Erde

Die Gänge, die im Dritten Reich als Luftschutzbunker dienten, wurden erst im Zug der Projektentwicklung des Hublands im Sommer 2017 wiederentdeckt, sagt Konstantin Wismath. Teile der Tunnelanlage ragen allerdings unter spätere Baugrundstücke hinein. Deshalb hatte die Stadt ein auf Bergbau spezialisiertes Ingenieurbüro mit einer Untersuchung beauftragt.

Das Ergebnis war eindeutig: Einige Bereiche der Tunnel müssen aus Sicherheitsgründen verfüllt werden. Die weiteren Tunnelbereiche werden, gut geschützt vor abenteuerlustigen Besuchern, erhalten und als Winterquartier für Fledermäuse umgenutzt. Fledermäuse sind in ihrem Bestand stark gefährdet und daher besonders geschützt. Die Tunnelanlage bietet in den Wintermonaten einen idealen Rückzugsort für die nachtaktiven Jäger, die sich rund um die alten Bäume am Hubland wohlfühlen.

Über Geröll geht es tief in den Berg hinein

Wir klettern über Geröll an einem der drei halbverschütteten gemauerten Zugänge in der Böschung und befinden uns in einem geheimen Reich. Langsam tasten wir uns in den waagrecht verlaufenden Gängen immer weiter in den Kürnacher Berg hinein, bis wir nach etwa 30 Metern auf den langen Hauptgang treffen, der quer zur Böschung verläuft.

Die meisten Tunnel sind mit Stampfbeton verstärkt, an manchen Stellen sind sie in den blanken Muschelkalk getrieben. An der Wand sehen wir Befestigungen für Stromkabel, die längst verschwunden sind, gelegentlich auch einen Beleuchtungskörper, der schon vor Jahrzehnten seinen Geist aufgegeben hat.

Ein toter Fuchs in den ehemaligen Luftschutz-Tunneln. Foto: Roland Flade

Der Boden ist uneben und zum Teil sehr feucht. Plötzlich stoßen wir auf einen Tierschädel. Wie der tote Fuchs zeugt er davon, dass sich immer wieder Tiere in dem Gänge-System verlaufen und nicht wieder herausgefunden haben.

Das Eldorado für Segelflieger

Der Kürnacher Berg, in dessen Bauch wir uns befinden und auf dem noch heute das Hauptgebäude der 1925 eröffneten Würzburger Fliegerschule steht, war in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts das Eldorado der Würzburger Segelflieger. Ein Foto von 1930 zeigt Bürgerinnen und Bürger im Sonntagsstaat, die die Kapriolen der Piloten in ihren hölzernen Kisten bestaunen.

Ein Segelflugtag lockte 1930 viele Menschen zum Kürnacher Berg. In das Kalkgestein trieben die Nationalsozialisten wenige Jahre später ihr Tunnel-System. Rechts ist das Hauptgebäude der 1925 errichteten Fliegerschule mit drei der vier Hangars zu erkennen. Foto: Geschichtswerkstatt im Verschönerungsverein Würzburg

Aber wie kamen einige Jahre später die Tunnel in den Hang? Verantwortlich für das Bergbau-Projekt waren die Nationalsozialsten, die das schon lange für die Fliegerei benutzte Gelände am Galgenberg ab 1935 zu einem großen Fliegerhorst mit Unterkünften für das Personal, einem Casino – dem späteren Officers’ Club der Amerikaner – und mehreren großen Flugzeughangars ausbauten. Zwei der Hangars stehen noch; einer wurde zum Rewe-Markt, der andere, die spätere Sporthalle der Amerikaner, dient jetzt als Blumenhalle der Landesgartenschau.

Mehrere Hundert Meter lange Gänge

Fünf von zahlreichen Mannschaftsgebäuden wurden entlang des Elferwegs errichtet; sie werden derzeit saniert und beherbergen künftig Wohnungen für die Bewohner des neuen Stadtteils Hubland. Für die Besatzung des Fliegerhorsts entstanden nördlich von den fünf Häusern die mehrere Hundert Meter langen Gänge mit zwei größeren Aufenthaltsräumen parallel zum Hauptgang und kleineren Räumen in Form von Sackgassen.

Der Fliegerhorst war somit besser mit Luftschutz-Einrichtungen ausgestattet als der Rest der Stadt. Obwohl die Nazis ahnten, dass auch Würzburg eine Flächenbombardierung drohte, gab es viel zu wenige sichere Schutzräume für die Bürger. Als daher am 16. März 1945 die Stadt in Flammen aufging, mussten viele Würzburgerinnen und Würzburger in brüchigen Kellern Schutz suchen, weil es nicht genug stabile Bunker und in Felsen gesprengte Stollen gab.

Die Besatzung des Fliegerhorsts war privilegiert; sie verfügte über das Tunnel-System tief unter der Erde. Allerdings fielen am Hubland nur vereinzelt Bomben, denn es lag weit außerhalb der zu zerstörenden Innenstadt.

Spuren des Krieges

Wir bleiben an einer Wand stehen, in die die Jahreszahl „1944“ samt einem schwer zu entziffernden, möglicherweise osteuropäischen Namen eingeritzt ist. Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge mussten in der Endphase des Dritten Reichs in anderen Gegenden unterirdische Produktionsanlagen bauen, wobei viele den unmenschlichen Arbeitsbedingungen zum Opfer fielen. Zwar gab es Zwangsarbeiter in der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkriegs auch im Würzburger Fliegerhorst, doch fanden in diesen Jahren hier keine Bauarbeiten mehr statt. Immerhin ist es denkbar, dass bei Bombenalarmen auch diese „Fremdarbeiter“ Schutz unter der Erde suchen durften.

Es ist feucht im Berg, wir kommen nur langsam voran. Das Wasser hat Mineralien aus dem Stein gelöst und an manchen Stellen krustenförmige Überzüge auf den Wänden geschaffen, die in vielen Farben leuchten. In einer Ausbuchtung liegt ein Stuhl herum, in einer anderen eine leere Plastiktüte, die einst Lutscher („Tootsy Roll Pops“) enthielt.

"Die Amerikaner hatten hier ihren Spaß."
Konstantin Wismath, Fachabteilung Stadtumbau und Stadtentwicklung im Baureferat

„Die Amerikaner hatten hier ihren Spaß“, sagt Konstantin Wismath und hebt die Tüte auf. Dass sich GIs, die im April 1945 den Fliegerhorst kampflos einnahmen, tief unter der Erde vergnügt haben, wird immer wieder deutlich. Auch im Jahr 1969 haben sie – wie die an die Wand gesprühte Jahreszahl zeigt – hier unten, wo wir uns jetzt vorsichtig fortbewegen, gefeiert. „Down Stairs“ haben sie den Ort tief im Felsen getauft.

Viele amerikanische Soldaten, die in den Gängen feuchtfröhliche Feste feierten, fürchteten die Aussicht, in den Vietnamkrieg geschickt zu werden. Einer sprühte wohl 1969 ein Peace-Zeichen an die Wand. Foto: Roland Flade

Dass viele Soldaten, die damals in die Gänge kamen, wenig begeistert von der Aussicht waren, womöglich demnächst im verlustreichen Vietnamkrieg verheizt zu werden, dokumentiert das Peace-Zeichen in der Nähe. Auch es dürfte aus dem Jahr 1969 stammen, als der Krieg seinen Höhepunkt erreicht hatte und eine halbe Million GIs in Südostasien kämpften. 45.000 amerikanische Soldaten waren zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen.

Im August 1969 fand das legendäre Woodstock-Festival statt und es ist sehr wahrscheinlich, dass in Würzburg stationierte Soldaten einen tragbaren Plattenspieler oder einen Kassettenrekorder mit unter die Erde brachten und Lieder der in Woodstock auftretenden Kriegsgegner wie Country Joe McDonald („I Feel Like I’m Fixin’ to Die Rag“) hörten. Auch der eine oder andere Joint dürfte hier die Runde gemacht haben.

Verbotene Gelage bis 2008?

Wie lange Amerikaner in die Tunnel eindrangen, ist ungewiss, doch könnte die unterirdische Welt bis zum endgültigen Abzug der US Army im Jahr 2008 verbotene Gelage erlebt haben. Jetzt jedenfalls ist sie Fledermäusen vorbehalten.

Wir verlassen das Gänge-System auf demselben Weg, auf dem wir gekommen sind. Wir haben etwas gesehen, das es heute so schon nicht mehr gibt. Als sich unsere Augen an das Tageslicht gewöhnt haben, sehen wir die Baustelle der fünf ehemaligen Mannschaftshäuser. Hinter uns, auf dem Kürnacher Berg, werden bald statt Garagen und Werkstätten der Amerikaner Ein- und Mehrfamilienhäuser stehen. Und ein Fußweg wird sich von der Rottendorfer Straße zur Lehnleite schlängeln – über den Resten der Tunnel, die vor acht Jahrzehnten in den Berg getrieben wurden.

Main-Post-Autor Roland Flade in einem der geheimen Tunnel, die erst 2017 wiederentdeckt wurden. Im Hintergrund befindet sich einer der unterirdischen Aufenthaltsräume. Foto: Alexander Kraus
Videos über das Hubland auf YouTube
Roland Flade hat bei der Expedition in die geheimen Tunnel auch gefilmt. Das Video findet sich zusammen mit seinen anderen Filmen zum Hubland und zur Geschichte Würzburgs auf der YouTube-Seite www.youtube.com/rolandflade

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