WÜRZBURG

Die große Freude über einen Besuch

Katharina Halbig (links) freut sich sehr, in Gertrud Bausewein eine geduldige Zuhörerin gefunden zu haben. Foto: Pat Christ

Katharina Halbig kannte früher tausend Leute. Das lag an ihrem Beruf. Die 85-Jährige arbeitete drei Jahrzehnte lang in Hotels. „1955 hab ich in Höchberg begonnen“, erzählt sie gerade Gertrud Bausewein, die jeden Monat einmal zu ihr ins Seniorenstift Juliusspital zu Besuch kommt. Auf diese Besuche freut sich die Seniorin immer sehr. Denn sie hat eine Menge zu erzählen. Wobei sie heute nur noch wenige Menschen kennt, die genug Zeit haben, um einfach mal zuzuhören.

Gertrud Bausewein gehört dem Besuchsdienst der Würzburger Malteser an. Seit 17 Jahren engagiert sich die 69-Jährige für Menschen, die im Seniorenstift Juliusspital wohnen. Den Besuchsdienst gibt es seit 25 Jahren. „42 Ehrenamtliche sind derzeit in 13 Heimen in Stadt und Landkreis Würzburg sowie privat bei Familien im Einsatz“, berichtet Besuchsdienst-Leiterin Gabriele Fröhlich.

Nach einer viertägigen Schulung werden die Freiwilligen in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt. Die einen besuchen regelmäßig einen oder zwei Senioren. Andere kümmern sich, wie Bausewein, einmal im Monat um ein ganzes Stockwerk in einem Heim: „Acht Stunden bin ich dann am Stück vor Ort.“ Bausewein kam während der Pflege ihrer Eltern auf die Idee, sich später um einsame Senioren zu kümmern. „Meine Eltern waren damals auch immer froh, wenn jemand von außen kam“, sagt sie. Außerdem erfuhr sie in ihrer Nachbarschaft, dass es viele alte Menschen gibt, die kaum noch Kontakte zur Außenwelt haben.

1999 begann die zweifache Mutter ihr Engagement bei den Maltesern. Seitdem hat sie etliche Male bestätigt bekommen, wie unglaublich dankbar Senioren für Menschen sind, die nichts weiter tun, als sich Zeit für sie zu nehmen.

Leopold Niedermeier ist inzwischen selbst 87 Jahre alt. Doch er fühlt sich noch immer jung und fit genug für das Ehrenamt bei den Maltesern. Vor zehn Jahren stieg er in den Besuchsdienst ein. „Ich bin es mein ganzes Leben lang gewohnt, anderen Menschen zu helfen“, sagt er. Niedermeier hat eine bewegte Vergangenheit. Der gelernte Bäcker beschloss mit jungen Jahren, ins Kloster zu gehen und schloss sich den Mariannhillern an. Als Mönch ging er nach Südafrika – wo er seine spätere Frau kennenlernte. Er trat aus dem Kloster aus, heiratete und kehrte zurück nach Deutschland, wo er sich zum Krankenpfleger ausbilden ließ: „Zuletzt war ich im Juliusspital tätig.“

Krankheit, Sterben und Tod sind Niedermeier von Berufs wegen vertraut. Durch seine frühere Tätigkeit weiß auch er, wie wichtig es für alte Menschen ist, Bezugspersonen zu haben, mit denen sie über ihre Erinnerungen und auch über das, was sie im hohen Alter erleben, reden können. Ebenso wie Gertrud Bausewein betreut Niedermeier ein ganzes Stockwerk im Seniorenstift des Juliusspitals. Daneben gibt es einzelne Senioren, um die er sich besonders kümmert. So fährt er eine Bewohnerin im Rollstuhl an jedem Mittwoch zum Gottesdienst: „Ist das Wetter schön, gehen wir zuvor raus in den Garten.“

Franziska Weber gehört zu den „Küken“ im Ehrenamtsteam. Die Bürokauffrau ist gerade einmal 20 Jahre alt. Vor knapp einem Jahr entschied sie sich für das Engagement im Besuchsdienst. Die junge Frau kümmert sich um eine Seniorin, die vom Schicksal schwer getroffen wurde: „In kurzer Zeit verlor sie ihren Mann, sie wurde blind, hörte immer schlechter, musste ihre Wohnung aufgeben und ins Heim ziehen.“

Diese Seniorin war unglaublich dankbar, als sich mit Franziska Weber eine junge Frau fand, der sie ihr Leid klagen, mit der sie in Erinnerungen schwelgen und mit der sie irgendwann auch wieder lachen konnte. „Die Bewohnerin ist inzwischen meine dritte Oma“, sagt Weber. Die Dame, die so viel Schlimmes verkraften musste und doch nie den Mut verloren hat, fasziniert sie. „Ich finde, wir Jungen können von alten Menschen eine Menge lernen.“

Wenn man noch ziemlich am Anfang seines Lebens steht, so Weber, nimmt man Dinge tragisch, über die Senioren hinwegblicken: „Sie haben Ähnliches schon erlebt und können einen beruhigen, indem sie sagen, dass das, was man selbst im Moment als ganz schrecklich empfindet, doch gar nicht so furchtbar schlimm ist.“

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