GREUßENHEIM

Die letzte Ruhe im Laubwald

Im Landkreis Würzburg sind erstmals Urnenbeisetzungen in einem Wald möglich. Am Totensonntag wird der „Ruhewald Greußenheim“ seiner Bestimmung übergeben.
In einem Waldstück bei Greußenheim wird der erste Friedwald im Landkreis Würzburg am 20. November eröffnet. Greußenheims Bürgermeisterin Karin Kuhn (rechts) und Bestatterin Angela Stegerwald haben sich das Waldgelände angeschaut. Foto: Thomas Obermeier

Abschied von einem Menschen zu nehmen und ihn auf einem Friedhof im Sarg beizusetzen, ist christliche Tradition. Für eine wachsende Zahl von Menschen ist es seit Jahren ein tröstender Gedanke, den letzten Ort der Ruhe in der Natur zu finden. Nun entsteht bei Greußenheim ein „Ruhewald“ und mit ihm erstmals im Landkreis Würzburg ein Ort, an dem Urnenbeisetzungen in einem natürlich gewachsenen Wald möglich sind. Am Totensonntag, 20. November, wird er seiner Bestimmung übergeben.

Ideengeberin ist die Würzburger Bestatterin Angela Stegerwald, die selbst aus Greußenheim stammt. Sie weist darauf hin, dass es in Deutschland über 100 Wälder für Bestattungen gebe, Bayern hier aber noch ein Entwicklungsland sei. Vor zwei Jahren hat sie der Greußenheimer Bürgermeisterin Karin Kuhn ihre Pläne vorgetragen. „Ich fand ihre Idee sehr gut“, sagt diese heute. „Wir wissen, dass trauernde Menschen, die Abschied nehmen müssen, heute zunehmend alternative Bestattungsformen wählen. Mit der Möglichkeit der Naturbestattung möchte die Gemeinde Greußenheim diesem wachsenden Bedürfnis gerecht werden“, so die Bürgermeisterin.

Anfang 2015 hat sie das von Angela Stegerwald entwickelte Konzept dem Gemeinderat vorgetragen und breite Zustimmung erhalten. Längere Diskussionen gab es letztlich über die Frage, welches Waldstück dafür ausgewählt werden soll. Man entschied sich schließlich wegen der guten Erreichbarkeit für einen Laubwald westlich der Gemeinde, nahe der Bundesstraße 8 in Sichtweite der Gemeinden Remlingen und Uettingen. Inzwischen ist das rechtlich nicht einfache Bauleitverfahren abgeschlossenen und der „Ruhewald“ wurde durch das Landratsamt genehmigt. Die Bürgermeisterin dankt hier Landrat Eberhard Nuß und seinen für das Verfahren zuständigen Mitarbeitern für die konstruktive Unterstützung und die schnelle Abwicklung des Verfahrens. Sehr hilfreich für das Projekt war die seit Jahren laufende Waldflurbereinigung in der Region durch das Amt für Ländliche Entwicklung. So wurden in diesem Verfahren neue Wege angelegt, die nun auch den Ruhewald Greußenheim leicht erreichbar machen.

Derzeit sind eine Baufirma und Mitarbeiter des Bauhofes von Greußenheim damit beschäftigt, zwischen Eichen, Buchen, Kirschbäume und Tannen geschotterte Wege anzulegen, damit auch ältere und behinderte Menschen ohne große Anstrengung zur Ruhestätte ihrer Angehörigen kommen können.

Die Nutzung des Waldes für Bestattungen verpflichtet die Gemeinde zu einer Ausgleichsmaßnahme. Dies wird nach Ankündigung der Bürgermeisterin dadurch geschehen, dass der Wald am Herchenberg im Süden der Gemeinde durch Neuanpflanzung von Monokulturen in Zukunft aufgewertet wird. Anders als bei den schon länger bestehenden „Friedwäldern“ am Schwanberg und in Rieneck, die von einer privaten Gesellschaft betrieben werden, ist beim „Ruhewald Greußenheim“ die Gemeinde selbst Träger und Betreiber und damit letztlich auch Nutznießerin der Einnahmen. Als „Erfüllungsgehilfen“ hat die Gemeinde Angela Stegerwald beauftragt. Sie ist Ansprechpartnerin nicht nur für Kunden und Interessenten, sie betreut auch die Bestatter, die ihren Kunden eine Beisetzung im Ruhewald Greußenheim ermöglichen möchten.

Angela Stegerwald ist es, wie sie sagt, ein wichtiges Anliegen, dass Beisetzungen so naturschonend wie möglich stattfinden. Darum hat sie sich auf die lange Suche nach einem Hersteller für Urnen gemacht, die in kurzer Zeit und ohne Rückstände im Wurzelbereich der Bäume abgebaut werden. Aus Erfahrung weiß sie, dass viele Naturstoff-Urnen aus dem Ausland trotz Bio-Kennzeichnung Kunststoffe enthalten. Sie entschied sich für einen Hersteller aus Hamburg, der die Urnen aus Flüssigholz mit ausschließlich natürlichen Bestandteilen fertigt. Die Materialien werden von einem Zulieferer aus Süddeutschland bezogen.

Mit Beisetzungen im Ruhewald Greußenheim wird auf einer Teilfläche von 4,5 Hektar begonnen, die bei Bedarf auf 20 Hektar erweitert werden kann. Die einfachste Form ist die Bestattung der Urne am Fuß eines „Basisbaumes“, dessen Auswahl durch den Ruhewald vorgenommen wird. Die vertragliche Nutzungsdauer entspricht der gesetzlichen Mindestruhefrist von 15 Jahren. Am Baumstamm erinnert ein Namensschild an den Verstorbenen.

Für den Basisbaum werden einmalig 450 Euro in Rechnung gestellt, für das Öffnen und Schließen der Grabstätte 250 Euro. Somit ist eine pietätvolle Bestattung schon ab 700 Euro möglich, inklusive Gedenktafel und Trauerrede. Im Ruhewald Greußenheim kann jeder Mensch ein Baumgrab erwerben, denn es gibt keine Einschränkung wegen des Wohnortes oder der Konfession. Kirchliche und weltliche Beisetzungen sind gleichermaßen möglich, genau so wie auf einem herkömmlichen Friedhof, sagt die Bürgermeisterin.

Die Gesamtkosten sind erheblich niedriger als bei einer Beisetzung auf einem konventionellen Friedhof, die jährliche Gebühren und Kosten für die Grabpflege nach sich zieht.

Mit den üblichen Bestatterdienstleistungen wie Überführung, Versorgung und Einäscherung des Verstorbenen sowie Kremationssarg und Urne kommen auf die Hinterbliebenen weitere Kosten zu. Diese variieren je nach Bestatter und den gewählten Dienstleistungen. Der Ruhewald Greußenheim arbeitet mit jedem Bestatter zusammen. Die Angehörigen haben, unabhängig vom Beisetzungsort, jederzeit das Recht zur freien Bestatterwahl.

Selbstverständlich gibt es zudem frei wählbare Bäume, auch für Paare und ganze Familien. Neben dem Basisbaum kann man sich für die Beisetzung an einem Gemeinschaftsbaum, an einem Partnerbaum mit zwei Plätzen oder an einem Familienbiotop mit acht bzw. zwölf Plätzen entscheiden. Diese Wahlbäume variieren im Preis, bieten aber, auch im Vergleich zu herkömmlichen Friedhöfen, deutlich längere Ruhezeiten. Es sind in jedem Falle nur Urnen- und keine Erdbestattungen möglich. Zur Schonung des Waldes und seines natürlichen Erscheinungsbildes soll auf das Niederlegen von Kränzen und Blumengebinden verzichtet werden.

Ruhewald Greußenheim

Zur Eröffnung des Ruhewaldes Greußenheim am Sonntag, 20. November, um 14 Uhr ist die Bevölkerung eingeladen. Erwartet werden als Redner Landrat Eberhard Nuß und Abgeordnete der Region, sowie Burkard Pfrenzinger, der als Gastredner ein weltliches Grußwort sprechen wird. Die Einweihung des Naturfriedhofes werden ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer vornehmem.

Anfahrt: Erreichbar ist der Ruhewald von der BAB A 3, Ausfahrt Helmstadt. Dann geht es nach links auf die Bundesstraße 8 Richtung Uettingen, dann nach rechts Richtung Greußenheim, und vor dem Ort links in den Remlinger Weg. Die Route ist ausgeschildert.

Infos: www.ruhewald-naturbestattung.de.

Schlagworte

  • Greußenheim
  • Herbert Kriener
  • Bestatter
  • Eberhard Nuß
  • Evangelische Kirche
  • Karin Kuhn
  • Laubwälder
  • Ruhe
  • Totensonntag
  • Urnenbeisetzung
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!