WÜRZBURG

„Diese Politik ist menschenverachtend“

Maischberger, Folge 497
Psychologe Ahmad Mansour und Judith Assländer sprechen in der ARD-Sendung „Maischberger“ über das Attentat von Würzburg. Foto: ARD

Schweigen ist feige“, sagen Judith Aßländer und Simone Barrientos. Beide Frauen betreuen junge Flüchtlinge, kennen ihre Sorgen, Nöte und Ängste. Nach dem Axt-Attentat in einem Regionalzug bei Würzburg haben sich beide in den Medien deutlich hinter ihre Schützlinge gestellt – und den Familien, die diese Pflegekinder bei sich aufgenommen haben. Ein Jahr danach sind sie nicht müde geworden und legen den Finger in die Wunde. Vor allem dort, wo die aktuelle Flüchtlingspolitik die Integrationsarbeit der Pflegefamilien und Helferkreise sabotiert.

Die Würzburgerin Judith Aßländer hat viele geflüchtete Jungs kennen gelernt. Ihr Wohnhaus wurde zur Erstaufnahmestelle, die Mutter von vier Kindern zur Bereitschaftspflegemutter. 25 junge Männer aus unterschiedlichen Ländern saßen in ihrem Wohnzimmer, waren ihren Kindern große Brüder.

Nicht alle auf einmal. Drei bis vier waren es im Durchschnitt. So ist die studierte Betriebswirtin zur Jugendhilfe bei der Diakonie gekommen. Sie hat sich in Flüchtlings- und Sozialarbeit nachqualifiziert und baut nun den Bereich Berufliche Bildung bei der Evangelischen Jugendhilfe auf.

Simone Barrientos hat Reporter aus aller Welt empfangen

In Ochsenfurt ist die Kemenate im ehemaligen Judenhof zu einem beliebten Treffpunkt für junge Flüchtlinge geworden. Dort lebt und arbeitet die Verlegerin Simone Barrientos. Die Mecklenburgerin ist beliebt bei den Jungs. Sie vertrauen ihr. Nach dem Axt-Attentat des 17-jährigen Afghanen, der lange Zeit in Ochsenfurt lebte, haben sich viele junge Flüchtlinge in ihrem Wohnzimmer versammelt. Sie wollten reden, ihre Sorgen teilen. Simone Barrientos kannte den Attentäter nur vom Sehen. Trotzdem gaben sich bei ihr Journalisten aus aller Welt die Türklinke in die Hand. Simone Barrientos wurde zur Sprecherin für Ochsenfurt. „Ich habe mich nicht selbst dazu gemacht. Ich wurde es im Laufe der Zeit“, sagt sie. Auch, weil viele Ochsenfurter die Reporter zu ihr geschickt haben.

Nach dem Attentat wird Judith Aßländer zum zweiten Mal in die Sendung „Maischberger“ eingeladen. Ende 2014 war sie in ihrer Eigenschaft als Bereitschaftspflegemutter schon einmal zu Gast. Nun sollte sie in der Talk-Show über das Thema „Anschlag in Würzburg: Sind wir dem neuen Terror schutzlos ausgeliefert?“ diskutieren. Und die 39-Jährige äußerte in der Sendung ihre Befürchtung darüber, dass nun alle jungen Geflüchteten als potenzielle Attentäter stigmatisiert werden. Ist dies so eingetreten?

„In Teilen ja“, sagt Judith Aßländer ein Jahr später. Da war beispielsweise mal ein Werkstattleiter, der zu ihr gesagt hat: „Nun muss ich ja darauf achten, dass kein Werkzeug entwendet wird. Der Jugendliche könnte ja daraus eine Waffe basteln.“ Solchen Äußerungen steht sie dann kopfschüttelnd gegenüber. „Hier geht es um Jugendliche, die zu uns gekommen sind, um Hilfe zu suchen. Und das sind jetzt alles potenzielle Axt-Attentäter? Nein, das steht in keinem Verhältnis“, sagt sie. Also war die Äußerung nur in Einzelfall? „So offen ist nicht jeder. Die meisten reflektieren vorher, was sie sagen. Aber, es gibt schon auch Vorbehalte.“ Judith Aßländer bekommt sie mit.

Das Interesse, junge Gelfüchtete kennenzulernen, lässt nach

Auch in ihrem Verein „Da sind wir“ spürt die 39-Jährige ein nachlassendes Interesse am Austausch mit jungen Flüchtlingen. Deutsche und Jugendliche mit Migrationshintergrund sollen sich durch gemeinsame Erlebnisse gegenseitig kennenlernen. „Ich glaube, das ist der beste Weg gegen Rassismus und für ein Miteinander“, sagt sie. 2015 wurde die Arbeit des Vereins mit dem Hauptpreis der Main-Post-Aktion „Zeichen setzen“ ausgezeichnet. So groß war der Zulauf damals, dass nur eine kleine Auswahl der Gruppe zur Preisverleihung auf den Würzburger Heuchelhof gekommen war.

Heute merkt Judith Aßländer, dass das Interesse der deutschen Jugendlichen am Verein zurück gegangen ist. Dabei glaubt sie, seien es weniger die Jugendlichen selbst, deren Offenheit nachgelassen hat. Sondern vielmehr ihre Eltern, die das eben nicht gerne sehen, wenn ihre Kinder sich auf geflüchtete Jugendliche einlassen. „Solche Vorurteile werden hinter verschlossenen Türen, zuhause am Familientisch geäußert“, sagt sie. „Und das ist extrem schade.

“ Unmittelbar mit dem Axt-Attentat habe das aber nichts zu tun. Generell habe die Euphorie nachgelassen. Es sei auch viel schwieriger geworden, Ehrenamtliche zu finden, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. „Die Neugier auf die Menschen, die Lust ihnen zu begegnen, hat extrem nachgelassen.“

Barrientos fordert einen Abschiebestopp

Simone Barrientos ist mittlerweile in die Politik gegangen. „Durch die Medienauftritte habe ich viel über mich selbst gelernt, meine Stärken gesehen – nämlich die Interessen der Menschen nach außen zu vertreten.“ Dass ihr politisches Engagement dann soweit geht – Barrientos kandidiert bei den Bundestagswahlen für die Linke – sei ihr damals noch nicht bewusst gewesen. „Es ist erst daraus entstanden“, versichert sie. Und so entstehen aus der täglichen Arbeit mit den geflüchteten Jugendlichen ihre politischen Forderungen. Allen voran, einen Abschiebestopp nach Afghanistan. Fast täglich erfährt die Verlegerin von Jugendlichen, die von heute auf morgen ausreisen sollen. „Die sitzen dann hier bei mir, sind grau vor Angst“, sagt sie. „Jungs, die zur Schule gehen, die alles erfüllen, was man von ihnen erwartet, sollen innerhalb von sechs Wochen das Land verlassen. Unglaublich!“

Auf den Jugendlichen lastet ein psychischer Druck

„Am schlimmsten ist der psychische Druck, der auf den Jugendlichen lastet“, sagt Judith Aßländer. Sie spricht von einem „massiven Schaden“, der entsteht, weil die Jugendlichen sich nicht mehr auf das konzentrieren können, was für ihre Zukunft wichtig ist. Integration, Deutsch lernen, Schule, Ausbildung … alles werde schwieriger. „Selbst, wenn die Jugendlichen nicht akut gefährdet sind, haben alle Angst.“

Für Judith Aßländer ist dies kein subjektives Gefühl. Die Jugendlichen würden viel mehr Medikamente gegen Depressionen bekommen als noch vor einem Jahr. Dass deswegen die Jugendlichen zu Gewalttätern werden, glaubt sie nicht. „Dazu muss man schon eine spezielle Veranlagung haben.“ Aber, „diese Politik ist wahnsinnig menschenverachtend - gerade für diese jungen Männer, die sich anstrengen und engagieren und in Deutschland Fuß fassen wollen.“

Plädoyer für Menschenrechte

Judith Aßländer und Simone Barrientos wünschen sich ein klares Bekenntnis für die Menschenrechte. Und den Jugendlichen eine Identität. „Deswegen muss auch Kolping sein Konzept zwingend ändern“, fordert Barrientos. „Es reicht nicht, die traumatisierten Jugendlichen in eine Form zu pressen, ihnen zu zeigen, wie sie sich hier zu verhalten haben.“ Ganz wichtig sei es, ihnen etwas zu geben, das identitätsstiftend ist. „Damit sie sich eben nicht etwas anderes suchen, etwas wie den Islamischen Staat.“

Rückblick

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  46. Die Zugfahrt, die im Alptraum endete
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