WÜRZBURG

Digitale Rettung: 100 Jahre alte Töne wieder hörbar gemacht

Restauratorin Esther Gildemann mit alten Wachswalze.om Phonograf
Restauratorin Esther Gildemann mit alten Wachswalze.om Phonograf Foto: Thomas Obermeier

Sie hatten im Schrank in Kartons gelegen. Kleine Wachswalzen, einzeln in Pappdosen sorgsam verwahrt und mit Tinte schwungvoll beschriftet. Nach allem, was Professor Armin Stock weiß, gehörten sie einst zu den Arbeitsmaterialien Max Wertheimers. Der weltweit bekannte Gestaltpsychologe hatte im frühen 20. Jahrhundert mit Wachswalzen gearbeitet. Über Umwege waren die Dosen, vermutlich mit anderen Apparaten aus der Wertheimer-Zeit, aus Frankfurt an den Würzburger Röntgenring, ans Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie gekommen. Und die fast 60 Walzen, die nicht zerbrochen waren und noch abspielbar schienen, lagen dort seit Jahren wohlgehütet und unangetastet im Archiv.

Eine sensible Hinterlassenschaft

 

Etwa zehn Zentimeter ist so ein Wachszylinder lang, halb so breit und einen halben Zentimeter dick. Die Wachswalzen sind Tonträger aus der Urzeit, die Vorläufer von Schellack- und Langspielplatten. Thomas Alva Edison hatte das Gerät, das ab 1877 die ersten Tonaufnahmen möglich machte, erfunden: Sein Phonograph konnte rein mechanisch Geräusche abspielen – und aufzeichnen. Über einen Schalltrichter, in den man sprach, sang oder musizierte, wurde der Schall verstärkt auf eine Nadel übertragen.

Die fuhr über eine drehbare Walze und ritzte beim Aufnehmen eine Spur in weiches Stanniol – oder eben in Paraffin. Beim Abspielen folgte die Nadel der Spur und machte das Aufgenommene, nun umgekehrt über den Trichter verstärkt, wieder hörbar.

Einmal bespielt, konnte so ein Zylinder indes nur wenige Male abgehört werden. Dann war die Aufnahme verritzt und unbrauchbar. Erst als es durch Galvanisierung gelang, von den weichen Walzen Kopien auf widerstandsfähigeren Zylindern zu fertigen, war die Basis für die Musikindustrie gelegt.

Doch für kommerzielle Aufnahmen wurde in der Welt der analogen Tonträger der Phonograph sowieso bald vom Grammophon verdrängt. Scheiben waren nicht nur praktischer und platzsparender als die runden Walzen. Sie konnten auch leichter in der Masse kopiert und viel billiger hergestellt werden.

Edisons Klangschreiber als Glücksfall

Für die Musikpsychologen und Ethnologen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts aber war Edisons Klangschreiber ein Glücksfall, sagt Stock. Der Phonograph brauchte keinen Strom, er war günstig, einfach in der Handhabung, leicht zu transportieren – und damit ideal für Expeditionen. In der arktischen Kälte versah das Aufnahmegerät ebenso zuverlässig seinen Dienst wie im heißen Wüstensand Afrikas oder der feuchten Tropenhitze Südostasiens. Etwas Sorgfalt mit dem empfindlichen Wachs – und auf jede Walze konnte der Feldforscher zwei Minuten Sprache, Klänge und Gesang fremder Völker bannen.

Die Wachswalzen stecken in kleinen Pappdosen.
Die Wachswalzen stecken in kleinen Pappdosen. Foto: Thomas Obermeier

Der Erste, der in Deutschland die Idee hatte, für Forschungszwecke systematisch die Sprachen und Gesänge von Ureinwohnern und bedrohten Stämmen auf Wachswalzen zu konservieren, war der Psychologe und Musikforscher Carl Stumpf. Der Wissenschaftler, 1848 in Wiesentheid geboren, hatte einst bei Franz Brentano in Würzburg studiert und hier seine erste Professur. Nach Berlin berufen, begründet Stumpf dort ein Phonogramm-Archiv und stattet Forschungsreisende, Kolonialbeamte und Missionare mit Klangschreibern und Walzen aus. Und die sammeln Stimmen und Töne: von den Abarambo im Kongo, von den Blackfoot-Indianern in den USA, von Loyalté-Insulanern in Ozeanien.

Rollenweise werden aus aller Welt Tonaufzeichnungen zur Analyse nach Deutschland ins Phonogramm-Archiv geschickt.

Als Armin Stock am Würzburger Zentrum für Psychologiegeschichte im vergangenen Jahr mit seinem Team eine Ausstellung über Carl Stumpf vorbereitet, da wird der Karton im Schrank plötzlich interessant. Max Wertheimer war Student und später freier Mitarbeiter bei Carl Stumpf in Berlin gewesen und hatte leicht Zugang zu den Tonaufnahmen. So schrieb er 1910 bereits anhand der in Wachs gravierten Klänge über „Gestaltelemente“ im Gesang der Vedda, den Ureinwohnern Sri Lankas.

Was aber ist auf den 60 Rollen zu hören, die im Archiv am Röntgenring liegen?

Der Leiter des Adolf-Würth-Zentrums will es wissen. Den Hüllen zufolge stammen die Walzen aus den Jahren 1901 bis 1930 und aus allen Kontinenten. Die Etiketten versprechen Exotisches: Gesänge von afrikanischen Völkern, von Indianerstämmen aus Kanada, Volksgruppen aus Russland, Ureinwohnern aus Sri Lanka. Schnell aber stellen Stock und seine Mitarbeiter fest, dass die Beschriftung auf der Verpackung häufig nicht mit dem Inhalt übereinstimmt. Sie wollen die Aufnahmen hören – und für die Forschung zugänglich machen.

Wie hören im Zeitalter von Bits und Bytes? Wie ohne Abspielgerät?

Restauratorin Esther Gildemann befreit die Walzen erst einmal mit feinen Karbonbürstchen vom Schimmel. Armin Stock recherchiert und trägt zusammen, was es über die Wachswalzentechnologie zu wissen gibt. Weltweit sind nur wenige Spezialisten zu finden, die die alten Zylinder digitalisieren können. Mit der Restauratorin beginnt der Professor zu tüfteln. Sie brauchen einen Tonabnehmer, der nicht zu groß sein und nicht zu tief ins Wachs drücken darf. Und der robust sein muss wegen der vielen Störgeräusche. Den Schallplattensaphir ersetzen die Restauratorin und der Zentrumsleiter durch eine feine, filigrane Glasnadel, die sie im Labor nach zig Versuchen und monatelangem Ausprobieren aus winzigen Glasröhrchen selber ziehen.

Mit Tüftelei und Fischer-Technik

Weil die Tüftler die Technik im Entwicklungsstadium nicht an den Originalwalzen ausprobieren können, kaufen sie sich im Internet eigens eine Neuprägung eines Gesangs von Caruso und dazu eine wissenschaftlich bedeutungslose alte Walze mit Zithermusik. Während der Edison-Phonograph einen Antrieb hat, der die Nadel exakt entlang der Rille führt, entschließen sich Stock und Gildemann für das bloße „Mitlaufen“.

 

Restauratorin Esther Gildemann mit alten Wachswalze.om Phonograf
Restauratorin Esther Gildemann mit alten Wachswalze.om Phonograf Foto: Thomas Obermeier

„Der passive Antrieb“, sagt Stock, „ist für die Walze gefahrloser.“ Dafür muss jedoch der Tonabnehmer möglichst leicht gebaut werden. Die ersten Versuche mit selbst gebauten Rädchen scheitern, weil selbst kleine Kugellager schon zu viel Masse haben und zu tief ins Wachs drücken. Da erinnern sich die wissenschaftlichen Bastler an Fischer-Technik . . .

Eine Uhrmacherdrehbank mit einem Kunststoffkegel für die Walzenrotation, ein Elektromotor, ein Digitalwandler aus dem Elektromarkt, ein paar gut laufende Plastikrädchen aus dem Kinderbaukasten, dazu noch eine Audiosoftware – fertig. „Als wir zum ersten Mal Stimmen gehört haben, über 100 Jahre alte Stimmen, da ist uns schon ein Schauer über den Rücken gelaufen“, sagt Stock. Zwei Minuten Gesang von Bauern aus dem Alten Russland! Zum ersten Mal nach Jahrzehnten konnten die Forscher – unter viel Rauschen – wieder hören, was die Walzen bislang als geheimen Schatz verborgen hatten.

Im Weltdokumentenerbe der UNESCO

Tolle Momente für die Wissenschaftler: „Es ist unglaublich beeindruckend, wenn man diese Vielfalt an Musik hört, die sich in unterschiedlichen Kulturen entwickelt hat.“ Man verstehe nun viel besser, warum sich der Musikpsychologe Carl Stumpf vor 100 Jahren mit solcher Begeisterung der Aufzeichnung fremder Dialekte und Klänge widmete und für die Ethnologie, Sprach- und Musikforschung einen riesigen Schatz schuf. Sein Phonogramm-Archiv gibt es auch heute noch, am Ethnologischen Museum der Uni Berlin. Allein 30 000 Edisonwalzen umfasst das Archiv, dazu Tausende Schellackplatten und andere Tonträger. Die UNESCO hat die Sammlung in ihr „Memory of the World“ aufgenommen.

Zum Hören für Forscher und jedermann

Armin Stock trieb nicht nur die schiere Bastelleidenschaft und Neugier des Wissenschaftlers an. Er will die 60 Wachswalzen aus dem Würzburger Bestand durch die Digitalisierung ans Ohr der Öffentlichkeit bringen und für jedermann hörbar machen. Sämtliche Aufnahmen sollten – unbearbeitet und bearbeitet – jederzeit abspielbar ins Internet. „Weil die Aufnahmen natürlich stark mit Knacksern und Rauschen versehen sind, restaurieren wir sie digital nach und nach“, sagt Esther Gildemann.

Wissenschaftler und nicht zuletzt Neugierige haben sie dann zur Verfügung. Und weil urtümliche Klänge und alte Stimmen aus dem brasilianischen Urwald oder aus Westsamoa anregend sein können, denkt Stock schmunzelnd noch weiter: „Auch Filmmusikkomponisten können hier gewiss die eine oder andere Anregung erfahren.“

Die Tondokumente des Adolf-Würth-Zentrums im Internet:

Was vor 100 Jahren aufgezeichnet wurde, kann man online im Ton-Archiv des Adolf-Würth-Zentrums hören: www.awz.uni-wuerzburg.de

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