WÜRZBURG

Dionysische Bergtour mit Strauss

Hochspannung, und zwar eine knappe Stunde lang, bot das Bruckner-Orchester Coburg bei seinem Konzert im Großen Saal der Musikhochschule. Mit der Alpensinfonie von Richard Strauss hatten sich die über hundert Musiker einen gewaltigen Brocken vorgenommen, dessen technische und interpretatorische Herausforderungen sie so überzeugend lösten, dass die spätromantische Tondichtung ihre volle Klangschönheit und Ausdruckskraft entfalten konnte.

Und so machten die Instrumentalisten mit ihrem schwungvollen und begeisterten Spiel unter dem hellwachen und präzisen Dirigat von Hannes Krämer vom ersten Augenblick an klar, dass es bei dieser Tondichtung von Strauss um mehr geht als um die möglichst exakte musikalische Umsetzung einer eintägigen Bergtour nebst Gipfelvision und Gewitter.

Das Bruckner-Orchester präsentierte die Alpensinfonie nämlich vor allem als ein herrlich luxuriöses, klar strukturiertes Klanggebilde, dessen üppige Melodien, Harmonien und Rhythmen eine geradezu rauschhafte Atmosphäre verbreiteten. Das galt nicht nur für das fantastisch glitzernde volle Tutti, sondern gerade auch für die wunderschön ausgespielten zahlreichen Instrumental-Soli, unter denen das herrliche Oboen-Solo bei der Stelle „Auf dem Gipfel“ eine Spitzenleistung in Sachen Phrasierung, Dynamik und Melodiegestaltung war.

Zugleich aber legten die Musiker durch die Intensität ihres Vortrags eine weitere inhaltliche Ebene der Alpensinfonie frei, die durchaus als die eigentliche Botschaft dieses Werk gelten kann und die in dem mal gefahrvollen, mal idyllischen Auf- und Abstieg dieser musikalischen Bergtour ein Gleichnis fürs menschliche Leben im allgemeinen sieht.

Der Komponist wurde nämlich bei diesem Werk von der überbordenden Lebensphilosophie des späten Nietzsche angeregt. So lautete auch der ursprüngliche Titel des Strauss-Werkes „Der Antichrist – eine Alpensinfonie“. Und „Antichrist“ bezeichnet bei Strauss wie bei Nietzsche einen positiv gemeinten naturgläubigen Gegen-Typ zur christlichen Verzichts- und Entsagungs-Ethik. Gerade diesen dionysischen Aspekt brachte das Bruckner-Orchester mit seiner genussvoll schwelgenden Aufführung voll zur Geltung.

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