WÜRZBURG

Doppeljubiläum im Ratskeller

Heute führen Tradition (rechts die Kapelle) und Moderne (links der Schankbereich) im Ratskeller ein harmonisches Mit- und Nebeneinander.
Heute führen Tradition (rechts die Kapelle) und Moderne (links der Schankbereich) im Ratskeller ein harmonisches Mit- und Nebeneinander. Foto: Thomas Obermeier

Der Ratskeller gehört zu den traditionsreichsten gastronomischen Adressen in Würzburg und hat eine bewegte Geschichte hinter sich. An seinem heutigen Standort wurde er vor 100 Jahren erstmals eröffnet. Getränke wurden dort jedoch schon viel früher ausgeschenkt.

Der Bau des Grafeneckart, in dem sich der Ratskeller befindet, wurde 1160 begonnen. Das ursprünglich romanische Gebäude wurde 1316 von der Würzburger Bürgerschaft gekauft und als Rathaus genutzt. Der Rat der Stadt nutzte fortan das Gebäude für seine Sitzungen, die im Wenzelsaal abgehalten wurden. Das Gebäude wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verändert, ergänzt und erweitert – und ist bis zum heutigen Tag das Rathaus der Stadt geblieben.

1577 entstand die erste Bierschänke

Im Jahr 1577 wurde im Rathauskomplex ein Bierschänken- und Stadtschreiberhaus errichtet. Es befand sich gegenüber dem „Neuen Tor“, dem heutigen Eingang zum Gedenkraum zum 16. März 1945. Hier hatte die Stadt bis 1806 das ausschließliche Schankrecht, zunächst von fremden Bieren, seit 1664 von Würzburger Bieren aus dem Fürstlichen Brauhaus, das Fürstbischof Philipp von Schönborn gegründet hatte.

Vornehmer war die Ratstrinkstube, wo sich die Ratsherren mit ihren Gästen oder Angehörigen trafen. Hier wurden Hochzeiten der Bürgerschaft sowie die Hauptfeste der Stadt gefeiert. Zu bestimmten Zeiten war die Ratstrinkstube auch für die Allgemeinheit zugänglich, jedoch wurde streng darauf geachtet, dass sich hier kein „unredliches Gesind“ aufhielt. Wo sich diese Trinkstube genau befand, ist nicht mehr bekannt. Als die Stadt Würzburg und das ehemals fürstbischöfliche Land 1814 zum Königreich Bayern kamen, war die Ratstrinkstube schon Vergangenheit.

Ratskeller-Pläne im Ersten Weltkrieg

Erst im August 1913 wurde im Stadtrat beschlossen, in den Räumen des Grafeneckart einen Ratskeller entstehen zu lassen. Dieser Plan, der in der Bevölkerung nicht nur Befürworter fand, wurde schließlich 1914 in den städtischen Gremien angenommen. Als der Stadtrat diesen Beschluss fasste, hatte der Erste Weltkrieg schon begonnen und die Menschen in der Stadt hatten andere Sorgen. So dauerte es bis zum 31. Januar 1918, bis der Ratskeller am heutigen Platz aufgebaut war und eröffnet werden konnte. Zunächst wurde das Lokal als städtischer Regiebetrieb geführt und sollte vor allem Würzburgs Image als Fremdenverkehrsstadt verbessern.

Doch die Startbedingungen waren angesichts der politischen Lage denkbar schlecht, so dass der erste Pächter bald wieder aufgab.

Erstes Lokal nach 1945

1919 übernahm dann Peter Vaitl, der damalige Pächter der Theaterwirtschaft, den Ratskeller und machte das Lokal während seines bis 1940 fast zwei Jahrzehnte dauernden Wirkens zu einer gefragten Adresse in der Würzburger Gastronomieszene. Dann wurde der Ratskeller abermals Opfer von kriegerischen Auseinandersetzungen, nachdem die Nationalsozialisten den zweiten Weltkrieg angezettelt hatten. Zwar wurde nach 1945 in den ersten Nachkriegsjahren im Bürgersaal und in der Laube ein provisorisches Lokal eingerichtet, das sich aber nicht halten konnte. Damit, so erklärt der heutige Ratskeller-Wirt Kurt Schubert „war der Ratskeller das erste Lokal, das nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eröffnet hat“.

Auf Antrag des damaligen Oberbürgermeisters Klaus Zeitler beschloss der Stadtrat 1969 die Wiedereinrichtung des Ratskellers. Im Mai 1970 wurde mit den Bauarbeiten, die auch die Wiederherstellung des Rathauses umfassten, begonnen. Schließlich konnte der runderneuerte Ratskeller im September 1973 eröffnet werden. Pächter war, allerdings nur bis 1977, Günther Maschke. Anschließend gaben drei weitere Pächter mehr oder weniger kurze „Gastspiele“: Ulrich Erath von 1978 bis 1980, Hubert O. Messer von 1981 bis 1986 sowie Horst Handelt und Walter Stöcker von 1986 bis 1993.

Kurt Schubert ist 25 Jahre Ratskeller-Wirt

Dann übernahm Gastronom Kurt Schubert das Lokal, der es bis heute führt. Er kann demnach im Ratskeller-Jubiläumsjahr auch sein persönliches 25-jähriges Jubiläum als Ratskeller-Wirt feiern. So lange wie Schubert hat es noch kein Wirt geschafft, den Ratskeller zu leiten. Sein Vertrag mit der Stadt Würzburg, der Eigentümerin des Ratskellers, läuft noch bis zum Jahr 2024.

Nach der Wiederherstellung in den 70er-Jahren wurde während Schuberts Pachtzeit ab Oktober 2010 eine Generalssanierung des Ratskellers notwendig. Dabei wurde die veraltete Technik im Küchenbereich komplett erneuert. Auch die Gasträume wurden völlig neu gestaltet, wobei Wert darauf gelegt wurde, in die alten Räume moderne Elemente und Einrichtung zu integrieren. Außerdem wurden historische Spuren wieder freigelegt. Zudem wurden 25 Infotafeln aufgehängt, die den Gästen die Historie des Ratskellers erklären.

Kein großes Fest zum Jubiläum

Zum 100. Gründungstag am 31. Januar plant Kurt Schubert keine große Feier. Vielmehr sollen im Jubiläumsjahr mehrere kleine Aktionen stattfinden. „Wir werden im Jubiläumsjahr eine Retro-Karte mit traditionellen Speisen machen“, kündigt Schubert an. Er denkt dabei auch an Ratsgerichte aus der Historie, wie sie früher bei den Feierlichkeiten der Ratsheeren serviert wurden.

Heute hat der Ratskeller 290 Plätze, die sich auf die Ratsbierstube, die Schiestl-Stube, die Kalterstube, die Ratskapelle, das Riemenschneiderzimmer, Staufer- und Welfenzimmer, den Bürgersaal sowie die „Hexe“ und die Laube verteilen. In der warmen Jahreszeit kommen noch 200 Plätze in der Außengastronomie in der Domstraße, am Schenkhof und im Innenhof dazu.

„Zum Jubiläum ist eine Retro-Speisekarte mit traditionellen Ratsgerichten geplant.“
Ratskeller-Wirt Kurt Schubert
Das Gästebuch des Ratskellers, das zur Eröffnung am 31. Januar 1918 aufgelegt wird, wird von einer Schnitzerei des Würzburger Künstlers Heinz Schiestl geziert.
Das Gästebuch des Ratskellers, das zur Eröffnung am 31. Januar 1918 aufgelegt wird, wird von einer Schnitzerei des Würzburger Künstlers Heinz Schiestl geziert. Foto: Thomas Obermeier
Der erste Eintrag im Gästebuch ist eine künstlerisch gestaltete Widmung des rechtskundigen Bürgermeisters Bernhard Brand. Es zeigt das Stadtwappen – flankiert von zwei fränkischen Originalen.
Der erste Eintrag im Gästebuch ist eine künstlerisch gestaltete Widmung des rechtskundigen Bürgermeisters Bernhard Brand. Es zeigt das Stadtwappen – flankiert von zwei fränkischen Originalen. Foto: Thomas Obermeier
Der eigentliche Haupteingang des Ratskellers gegenüber vom Vierröhrenbrunnen. Heutzutage betreten die meisten Gäste das Lokal über den Eingang in der Langgasse.
Der eigentliche Haupteingang des Ratskellers gegenüber vom Vierröhrenbrunnen. Heutzutage betreten die meisten Gäste das Lokal über den Eingang in der Langgasse. Foto: Thomas Obermeier
Der Bürgersaal mit dem neobarocken Kassettengewölbe wurde schon 1918 als Gastraum genutzt. Vorher diente er sehr wahrscheinlich als Lagerraum.
Der Bürgersaal mit dem neobarocken Kassettengewölbe wurde schon 1918 als Gastraum genutzt. Vorher diente er sehr wahrscheinlich als Lagerraum. Foto: Thomas Obermeier

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