WÜRZBURG

Drei Wege für die neue Straßenbahn

Dass Würzburg die neue Straßenbahn zum Hubland braucht – daran bestehen kaum Zweifel. Spannend nur: Auf welcher Route soll sie fahren? Vorbei an der Residenz? Durch die Siebold- oder die Seinsheimstraße? Im Frühjahr entscheidet der Stadtrat. Und auch die Bürger sollen noch ihre Ideen einbringen.
 

Es scheint still geworden um eines der größten Würzburger Zukunftsprojekte.

Doch der Schein trügt. Im Dezember 2007 hatte der Stadtrat von neun denkbaren Trassen drei übrig gelassen (siehe Grafik).

Sie werden gerade im Detail hinsichtlich Machbarkeit und Auswirkungen auf Verkehr und Umwelt geprüft.

Eine Aufgabe, die die in Hannover ansässige BPR-Gruppe (Beraten/Planen/Realisieren) übernommen hat.

Das Büro setzte sich in einer bundesweiten Ausschreibung gegen 13 Mitbewerber durch.

Seit Mai sammeln Diplom-Ingenieur Klaus Uphoff und seine Mitarbeiter eifrig alle wichtigen Daten, machen Fotos, aktualisieren Stadtpläne. Sie zählen Parkplätze und Bäume, registrieren Geschäfte und Denkmäler.

Alles wird zu einem riesigen Daten-Puzzle zusammengefügt.

Auf dieser Grundlage rechnet das Büro für einzelne Abschnitte aus, ob die Straba dort mit einem eigenem Gleiskörper und 45 Meter langen Haltestellen gebaut werden kann – und wenn, um welchen Preis.
 
Dabei „ganze Häuserschluchten abzureißen, das sei überhaupt kein Thema“, heißt es. Uphoffs Büro schmückt sich mit Erfahrung bei Straßen- und Stadtbahnen in dicht besiedeltem Gebiet.

BPR soll nicht nur die drei Trassenvarianten prüfen, sondern später auch die ausgewählte Strecke planen. Aus den Worten Uphoffs sprechen Behutsamkeit und Sensibilität.

Mit kreativen technischen Lösungen sollen die Eingriffe in Natur und Straßenraum minimiert werden: „Wir können nicht die Motorsäge herausholen und ganze Baumalleen fällen.“ Doch was technisch lösbar ist, muss noch lange nicht finanzierbar sein.

Beispielsweise fordern Bund und Freistaat für ihre hohen Zuschüsse eigene Bahnkörper für jedes Straßenbahngleis. In der Theaterstraße hieße das, dass dort weder Autos noch Busse passieren könnten.
 
Die Gleise könnte man zwar in der Straßendecke verlegen. Dann jedoch auf eigene Kosten. Ähnliches Bild in der Seinsheimstraße: Um dort den Baumbestand zu schonen, könnte man sich auf einen der geforderten zwei Gleiskörper beschränken.

Dann gäbe es wohl nur den halben Zuschuss.

„Ganze Häuserschluchten abzureißen, ist überhaupt kein Thema.“

Diplom-Ingenieur Klaus Uphoff Planungsbüro BPR

Hinzu kommen knifflige Stellen wie etwa die Eisenbahnunterführung in der Valentin-Becker-Straße. Sie müsste für die Straba neu gebaut werden. „Wir planen eben keine Straßenbahn auf dem grünen Acker.

Das macht die Sache so kompliziert“, erklärt Paul Lehmann, Bereichsleiter bei der Würzburger Straßenbahn GmbH (WSB). Noch dazu, wenn man eine Trasse am Weltkulturerbe der Residenz vorbeiführen will.

Oberbürgermeister Georg Rosenthal hält viel von dieser Variante, weil damit gleichzeitig ein Einkaufszentrum am Mozartareal anzubinden wäre. Generell legt die Schlösser- und Seenverwaltung kein Veto gegen die Straba ein.

Wie der OB jüngst dem Stadtrat berichtete, können sich die Residenz-Verantwortlichen offenbar eine Durchquerung des historischen Oegg-Tores vorstellen – so wie dies schon vor 100 Jahren der Fall war.

Technisch wäre die Tor-Durchfahrt mit einer dezenten Oberleitung möglich. Dagegen müssten für deren Unterbrechung... 



... also einen stromlosen Abschnitt – spezielle Straßenbahnwagen angeschafft werden. Was unrealistisch ist. Für die neue Strecke werden laut Lehmann zwar zehn neue Fahrzeuge (zusätzlich zu vorhandenen 42) benötigt.

Aber auch auch ältere Wagen werden auf der neuen „Linie 6“ (so der Arbeitstitel) fahren müssen. Würzburgs Straßenbahnnetz würde von gut 20 Kilometer um vier Kilometer wachsen.

Endpunkt der Linie 6 wäre auf der einen Seite eine Wendeschleife an den Uni-Sportplätzen am Hubland (nahe der neuen FH).

Auf der anderen Seite soll sie in die Leighton Barracks abzweigen und den neuen Stadtteil bis zu einem Park-and-Ride-Platz vor den Toren Gerbrunns erschließen – was nicht zuletzt mit Blick auf die angestrebte Landesgartenschau 2016 von Bedeutung wäre.

Über die Trasse in den Leighton Barracks soll im Rahmen der Bürger-Planwerkstatt und im bevorstehenden Architektenwettbewerb beraten werden.

Vom Wittelsbacher Platz ans Hubland ist die Trassenführung unstrittig. Dagegen sind im Innenstadtbereich noch alle drei Varianten im Rennen. Lehmann: „Wir haben keine Musterlösung. Wir sind selbst Suchende.

Am Ende werden wir alle Vor- und Nachteile der drei Trassen auflisten.“ Der Stadtrat muss dann Farbe bekennen: Denn wo eine Straßenbahn gebaut wird, wird Individualverkehr verdrängt – zum Beispiel mit einer Sperrung des Rennweger Rings oder einer Valentin-Becker-Straße für Anlieger.

Welche konkreten Folgen jede Trasse für Auto- und Radverkehr hat, das ermittelt derzeit das Braunschweiger Verkehrsbüro WVI. Auch dieses „mächtige Werk“ (Lehmann) soll, Verkehrs- und Fahrgastzählungen inklusive, bis Jahresende stehen.

Und neben allen Fachleuten zählt die Meinung der Bürger: Sie soll noch vor dem Votum des Stadtrates abgefragt werden. „Die Diskussion“, sagt Lehmann, „muss rechtzeitig geführt werden.“

Nicht nur er weiß: Ein so einschneidendes Projekt brachial durchzuziehen, würde nur Widerstand hervorrufen. Die neue Straßenbahn wäre ein Totgeburt. Und das will niemand.

Schon vor 100 Jahren fuhr die Straba durchs Oegg-Tor an der Residenz. Für die Linie 6 ist die Trasse wieder im Gespräch.FOTO Stadtarchiv
Auf der Suche nach der besten Route für die neue Straßenbahn zum Hubland: Diplom-Ingenieur Klaus Uphoff vom Büro BPR (links) und Straßenbahnchef Paul Lehmann. Foto: FOTO Andreas Jungbauer

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