Würzburg

Durchsuchte Kita galt als "Einrichtung mit Vorbildcharakter"

Beamte der Kriminalpolizei und Kräfte des Sondereinsatzkommandos des Bundeskriminalamts haben diesen Würzburger Kindergarten im Rahmen einer Ermittlung wegen Kinderpornografie durchsucht. Foto: Daniel Peter

Bis zu dem Tag, an dem zwei langjährige Mitarbeiter des Kindergartens wegen Verdachts  auf Kinderpornographie festgenommen wurden, galt die Einrichtung im Würzburger Süden als vorbildlich. War doch dieser Kindergarten  der erste Kindergarten in ganz Unterfranken, in dem Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam spielen, lernen und leben konnten. 1988 von einer Gruppe engagierter Eltern gegründet, entwickelte sich die evangelische und integrative Kita schnell zu einem Vorzeigeobjekt.

Ministerin von der Leyen lobte 2006  "großartige pädagogische Arbeit"

Ursula von der Leyen als Familienministerin. In dieser Eigenschaft besuchte sie im Juni 2006 auch jenen Kindergarten in Würzburg, der wegen Ermittlungen in Sachen Kinderpornographie durchsucht wurde.   Foto:  Wolfgang Kumm, dpa

Als so renommiert galt die Kita, dass vor über zehn Jahren sogar Staatsministerin Ursula von der Leyen, CDU, diesem Kindergarten einen Besuch abstattete. Begleitet wurde die damalige Bundesfamilienministerin unter anderem von der damaligen Würzburger CSU-Oberbürgermeisterin Pia Beckmann, Landrat Waldemar Zorn und der damaligen Landtagsvizepräsidentin Barbara Stamm. Wörtlich lobte von der Leyen damals die "großartige pädagogische Arbeit der Einrichtung mit Vorbildcharakter".  

Dass der Kindergarten, der am Donnerstag wegen Kinderpornographie-Ermittlungen bundesweit in die Schlagzeilen geriet,  viele Jahre lang einen hervorragenden Ruf genoss, lag vor allem an jener Kindergartenleiterin, die fünfzehn Jahre lang, bis 2007, im Amt war . "Behinderte Kinder haben nicht weniger als andere Kinder das Bedürfnis, etwas aus eigener Kraft zu leisten" war das Credo der Frau. Ihr war es wichtig, behinderte Kinder zu fordern und sie zu größtmöglicher Selbständigkeit zu führen. Gerade Eltern behinderter Kinder schätzen diese Haltung. Entsprechend begehrt waren Plätze in der Kita; jahrelang gab es ellenlange Wartelisten.

Langjährige Leiterin erhielt 2009 Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik

Als  die langjährige Leiterin verabschiedet wurde, kamen Hunderte dankbarer Eltern. Medienberichten zufolge zollten sie der Kindergartenleitern Respekt dafür, dass die Leiterin ihren behinderten Kindern, die von anderen oft als "dysfunktional" oder "defizitär" oder "entwicklungsverzögert" bezeichnet worden waren, auf Augenhöhe begegnet war.  Aufgrund ihres "vorbildlichen Engagements im Bereich der Integration behinderter und nicht behinderter Kinder" erhielt diese Leiterin 2009 die Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 

Auch nach dem  Ausscheiden der Frau, die den Kindergarten maßgeblich aufgebaut hatte, orientierte sich die Kita in der Trägerschaft einer evangelisch-lutherischen Kirche an Konzepten der Offenen Arbeit und der Montessori-Pädagogik. Wie die derzeitige Leiterin 2018 anläßlich des 30-jährigen Bestehens der Einrichtung erläuterte, gibt es in der Kita keine Gruppenräume, sondern Themenräume wie etwa ein Atelier oder eine Bauecke. Um die Kinder bestmöglich zu fördern, arbeiten die Erzieher mit "kleinen Bezugsgruppen von fünf oder sechs Kindern". 2018 umfasste die Kita 33 Kindergartenkinder und 16 Krippenkinder unter drei Jahren. Ein Drittel der Kinder hatte eine Behinderung, vom Down-Syndrom bis hin zu Mehrfachbehinderung.

Kita als Anschauungsobjekt für Mitarbeiter anderer Kindergärten

Entsprechend groß war und ist die Zahl der Mitarbeiter. 2018 arbeiteten in dem Kindergarten 18 Erzieherinnen und Erzieher,  viele von ihnen mit Zusatzqualifikationen im Bereich der motorischen oder sprachlichen Entwicklung. Weil auch unter der derzeitigen Leitung die Kita bisher als vorbildlich galt, kamen bislang  öfter Mitarbeiter anderer Kindergärten zu Besuch, um sich über Konzept und Ausstattung zu informieren.

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