ALLERSHEIM

Ehemalige Synagoge: Die Fundgrube der Archäologen

Seltener Fund: Grabungsleiter Frank Feuerhahn zeigt eine Keramikschale aus dem 16. Jahrhundert. Gefunden wurde sie unter dem Fußboden eines Vorgängerbaus der Allersheimer Synagoge. Herbert May (Mitte), Leiter des Freilandmuseums in Bad Windsheim, und Restaurator Dieter Gottschalk sind überrascht.
Seltener Fund: Grabungsleiter Frank Feuerhahn zeigt eine Keramikschale aus dem 16. Jahrhundert. Gefunden wurde sie unter dem Fußboden eines Vorgängerbaus der Allersheimer Synagoge. Herbert May (Mitte), Leiter des Freilandmuseums in Bad Windsheim, und Restaurator Dieter Gottschalk sind überrascht. Foto: Thomas Fritz

Stein für Stein. Erdschicht für Erdschicht. Mühsam arbeiten sich Archäologen schichtweise in die Vergangenheit der ehemaligen Allersheimer Synagoge vor. Von dem einst jüdischen Gotteshaus ist nicht viel übrig geblieben. Die sperrigen Wandteile, die Fachwerkkonstruktionen, die Dachbalken – alles lagert mittlerweile im Depot des Fränkischen Freilandmuseums in Bad Windsheim. Fehlt nur noch der Keller. Und hier kommen die Forscher einem Urbrauch der Menschheit auf die Spur.

Es ist ein Querschnitt durch die Hausgeschichte, den Archäologen der Grabungsfirma Heyse aus Schwarzach im Keller der jüdischen Synagoge gerade freigelegt haben. Auf der einen Seite die brüchigen, losen Steine des Mauerwerks. Gegenüber eine glatte Schicht im Erdreich. Für den Laien ist hier noch nichts Ungewöhnliches zu sehen. Den Experten aber fällt ein schmaler, ockerfarbener Streifen auf, der sich durch die braunen Erdklumpen zieht.

Vorgängerbau entdeckt

Schnell wird den Forschern klar, dass der Lehmstreifen nicht einfach so in der Erde liegt. „Es ist ein Fußboden. Und er gehört zu einem Vorgängerbau.“ Vor der jüdischen Synagoge, die etwa um 1740 in Allersheim gebaut wurde, gab es also an der gleichen Stelle schon einmal ein Gebäude. „Wahrscheinlich sogar mit den gleichen Maßen“, schätzt Grabungsleiter Frank Feuerhahn.

Und dort, wo sich im älteren Bau die Küche befand, kochte auch später der Rabbiners, der seine Wohnung im Synagogengebäude hatte. Exakt an der gleichen Stelle haben die Archäologen nämlich eine Feuerstelle gefunden, die zum Wohnhaus aus dem 16. Jahrhundert gehört.

Dass die Bauzeit des Vorgebäudes ins 16. Jahrhundert fällt – und nicht ins 15. oder 17. – lässt sich exakt an den Keramik- und Tonscherben nachweisen, die in der Erde freigelegt wurden. Und noch eines können die Archäologen an der Grabungsstelle ablesen. Das erste Wohnhaus entstand in zwei Bauphasen.

Dass es an der Stelle, wo um 1740 die Allersheimer Landsynagoge errichtet wurde, bereits ein Gebäude gab, war im Vorfeld der archäologischen Ausgrabungen nicht bekannt. „Ein Zufallsfund“, sagt der Grabungsleiter. Denn eigentlich sollten die Archäologen die Rückseite der bestehenden Kellerwand freilegen. Dazu war eine Art Arbeitsraum nötig. In diesem fanden sie dann die Hinweise auf den Vorgängerbau.

„Der aber gar nicht so selten ist“, weiß Herbert May, Leiter des Fränkischen Freilandmuseums in Bad Windsheim. Schließlich handle es sich bei Allersheim auch um einen alten Ort. Allerdings sei es schon von Interesse, ob bereits vor der 1740-er Synagoge an der gleichen Stelle ein jüdisches Gotteshaus oder ein Wohnhaus stand. Lag hier in der Allersheimer Hauptstraße sogar das jüdische Viertel des Ortes? May und Restaurator Dieter Gottschalk wissen es nicht. Sie möchten nun historische Dokumente auswerten und hoffen, in den Archivalien dazu etwas zu finden.

Die Spur zum Vorgängerbau ist aber nicht der einzig interessante Fund in Allersheim. Unter dem Lehm-Boden des im 16. Jahrhundert entstandenen Wohnhauses haben die Forscher noch eine spannende Entdeckung gemacht. Frank Feuerhahn holt ein Keramikgefäß hervor. „Darin wurde wahrscheinlich eine Nachgeburt bestattet und im Haus vergraben“, sagt er mit ziemlicher Gewissheit. „Es könnte sich aber auch der Münzschatz des Hausherrn darin verbergen“, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Nachgeburt bestattet

Was genau es sein wird, wird sich aber erst dann zeigen, wenn das Gefäß geöffnet wird. Feuerhahn möchte dies aber mit dem Landesamt für Denkmalpflege absprechen, um das Behältnis nicht zu zerstören. Sollte sich darin tatsächlich die Placenta befunden haben, könne dies durch Rückstände von Hämoglobin und Östrogenen im Topf chemisch nachgewiesen werden, so Feuerhahn. Tatsächlich war die Bestattung der Nachgeburt früher vor allem im süddeutschen Raum ein weit verbreiter Brauch, den heute kaum noch jemand kennt. Mit der Rückgabe der Placenta an die Mutter Erde haben sich Eltern erhofft, dass ihr Kind gut wächst und gedeiht – nicht krank wird, oder stirbt.

Bestattungen von Nachgeburten sind im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim noch kein Thema. Vielleicht wird es ja eines, wenn die Allersheimer Landsynagoge im Museum wieder aufgebaut wird. In drei bis vier Jahren könnte dies soweit sein. Bis dahin lagern die Außenwände und auch die fein säuberlich nummerierten Steine des Kellers im Museumsdepot.

Suche nach zweiter Mikwe

Soweit es geht, soll alles mit den Original-Bauteilen wieder aufgebaut werden, sagt Herbert May. Auch die Mikwe, das Tauchbad der jüdischen Gemeinde, wird sich dann wieder im Keller der Synagoge befinden. Am Standort in Allersheim wird auch noch eine zweite Mikwe, eine jüngere vermutet. Auch danach sollen die Archäologen such. Mal schauen, was dann der Zufall noch alles so zu Tage bringt.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Ochsenfurt
  • Archäologen
  • Beerdigungen
  • Kirchliche Bauwerke
  • Synagogen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!